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Naturpädagogen Das Reh ist nicht Frau Hirsch

Julia Barnerßoi, 30.11.2012 14:00 Uhr

Degerloch - Kühe sind nicht lila, und das Reh ist nicht die Frau vom Hirsch. Eigentlich selbstverständlich. Vielen Kindern sind diese Tatsachen heute nicht mehr so geläufig, weiß Stephan Nowak. „Doch auch das Wissen der Eltern ist manchmal erschreckend“, sagt der Jäger, Forstwirtschaftsmeister und Waldpädagoge, der im Haus des Waldes arbeitet.

Dem will der Deutsche Jagdschutzverband mit der Initiative „Lernort Natur“ entgegenwirken. Der hiesige Landesverband mit Sitz in Degerloch bietet jenen Mitgliedern, die bereits „Lernort Natur“-Kurse geben, als Ergänzung zu ihrem Fachwissen eine pädagogische Zusatzausbildung. 30 Jäger wurden kürzlich zu Naturpädagogen ernannt.

Waldtage für Kinder

Die Naturpädagogen seien „grüne Lehrer“, heißt es beim Landesjagdverband. Hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen vom Kindergarten bis zum Schulalter veranstalten die Ehrenamtlichen Waldtage, damit der Nachwuchs Flora und Fauna kennenlernt. Stephan Nowak macht diese Bildungsarbeit hauptamtlich im Haus des Waldes. Aber er betätigt sich auch ehrenamtlich: Er lebt in Denkendorf und ist als Jugendobmann bei der Jägervereinigung Esslingen für die „Lernort Natur“- Veranstaltungen verantwortlich.

In Stuttgart hat der Vaihinger Matthias Hörnisch dieselbe Aufgabe in der Jägervereinigung. Rund einmal im Monat tauscht der Rechtsanwalt seinen Anzug und die schicken Schuhe gegen feste Treter und warme Freizeitkleidung und erklärt Kindern und Jugendlichen alles über den Wald und die Jagd. Ginge es nach ihm, würde es in Stuttgart noch viel mehr Veranstaltungen dieser Art geben: „Es gibt so viele Schulen in Stuttgart. Wir sechs Ehrenamtlichen können es gar nicht schaffen, mit allen Klassen in den Wald zu gehen.“ Das sei in Stuttgart besonders schade. Immerhin sei die Landeshauptstadt die waldreichste Großstadt Deutschlands.

Suhle und Mahlbaum lassen auf Sauen schließen

Wie der Waldtag gestaltet werden soll, besprechen die Naturpädagogen vorher genau mit den Lehrern. Manchmal steht vor allem die Pflanzenkunde im Mittelpunkt, an anderen Tagen begibt man sich auf die Spuren der Tiere im Revier – indem man ihre Hinterlassenschaften analysiert. „Suhle und Mahlbaum lassen zum Beispiel darauf schließen, dass Sauen im Revier sind“, sagt Stephan Nowak.

„Nur mit Waffen mache ich gar nichts“, sagt der Jäger Matthias Hörnisch bestimmt. Das Interesse sei zwar vorhanden, aber Kinder an Waffen heranzuführen, sei für ihn völlig tabu. Stephan Nowak kennt einen harmloseren Trick, mit dem er sich der Aufmerksamkeit sicher sein kann: „Mit Tieren bekommt man sie alle“ sagt er und grinst verschmitzt. „Hast du dann noch einen Hund dabei, hast du gewonnen.“

„Der Förster ist der Gute, der Jäger der Böse“

Schwieriger seien manchmal eher die Lehrer, finden beide Männer. Der Grund: Vorurteile gegen Jäger, die gebe es immer wieder. „Der Förster ist der Gute, der Jäger der Böse“, zitiert Matthias Hörnisch oft Gehörtes. Besonders in der Stadt sei das Misstrauen groß. „Dabei macht das Schießen der Tiere nur fünf Prozent unserer Arbeit aus“, sagt er. Auch Hege und Pflege gehörten dazu. Insbesondere das von den Medien geprägte Bild sei verzerrt, sagt auch Stephan Nowak. „Wir sind keine brutalen Killer.“ Werbung für die Jagd mache er bei seinen Ausflügen mit Kindern in den Wald trotzdem nicht. Das sei nicht das Ziel.

Die Aufgabe sei vielmehr, den Kindern beizubringen „im Buch der Natur zu lesen“, sagt Stephan Nowak. Und sie für den Wald zu begeistern – das gehe schon mit ganz einfachen Mitteln. Da er in seinem Hauptberuf täglich mit Kindern arbeitet, hat Stephan Nowak seine Naturpädagogen-Kollegen mit ausgebildet. „Ich habe ihnen gezeigt, was man mit den Kindern im Wald alles machen kann, wenn man nur ein Taschenmesser hat“, erklärt er. Zum Beispiel könne man ein Waldsofa bauen oder eine Pfeife aus einem Ast vom Holunderbusch.

Besonders positiv am „Lernort Natur“ und der Naturpädagogen-Ausbildung ist laut Stephan Nowak, dass die Kinder in den Wald gehen, der vor ihrer Haustür liegt. „Man versucht immer, in Schul-oder Wohnortnähe zu bleiben“, sagt er. So können die Kinder immer wieder die Stellen besuchen, die sie kennengelernt haben. Und die Eltern mitnehmen. Damit auch alle Großen wissen, dass das Reh gewiss nicht die Frau vom Hirsch ist.

 
 
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