Nationalmannschaft Löw auf der Suche nach neuen Impulsen

Gunter Barner, 02.07.2012 11:29 Uhr

Stuttgart - Joachim Löw kennt die ­Fußball-Branche aus dem Effeff. Weshalb er wohl keinen Psychotherapeuten braucht, um die Schlagzeilen der vergangenen Tage zu verarbeiten. Schwer erträglich waren sie trotzdem. Bis zum Halbfinale konnte der Sockel gar nicht hoch genug sein, auf den der Boulevard das deutsche Team und seinen Trainer stellte, nach der 1:2-Niederlage gegen Italien schoss vor allem die Springer-Presse „die Versager“ auf den Mond.

Dabei könnte eine sachliche Diskussion über die Ursachen des Scheiterns durchaus hilfreich sein. „Man braucht einige Tage Abstand, um die Dinge einzuordnen“, hatte Joachim Löw vor der Abreise aus Warschau erklärt, „wir müssen jetzt erst einmal zur Ruhe kommen.“ Vielleicht, sinnierte er, sei seine Mannschaft noch nicht erwachsen genug. Und Holger Badstuber assistierte: „Die Italiener sind turniererfahrener. Die wissen, wie sie so ein Spiel handhaben müssen.“

Und als die Rede darauf kam, dass er mit seiner Taktik gegen die Squadra Azzurra ein klassisches Eigentor geschossen hatte, fügte Joachim Löw selbstkritisch hinzu: „Ich übernehme selbstverständlich die Verantwortung.“ Doch all diese Einsichten reichten am Ende nicht aus, die fälligen Frust­reaktionen zu lindern.

Noch ehe er in seinem Freiburger Domizil die Koffer ausgepackt hatte, tobte über dem Land ein medialer Sturm, der Windstärken erreichte, die einen Bundestrainer aus dem Amt pusten können. Jürgen Klinsmann, sein alter Freund und Weggefährte, sprang ihm zur Seite und warnte davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten. „Diese Mannschaft ist noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung“, sagte der Coach des US-Teams. Zuvor hatte er Joachim Löw eine SMS gesandt, die ihn zum Weitermachen ermutigen sollte. Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach trat vor die Kameras und tat mit fester Miene kund, dass man in dieser Konstellation beisammen bleiben werde. „In der Hoffnung, dass es bald auch mal wieder zu einem Titel reicht.“

Als erster der Spieler nahm Bastian Schweinsteiger den Coach in Schutz: „Der Trainer hat immer alles richtig gemacht“, sagte er, „wir gehen immer den Weg, den er vorgibt.“ Am Sonntag meldete sich dann auch noch Mesut Özil zu Wort, der bisher nicht gerade dafür bekannt war, Interviews im Akkord zu geben. Vor allem die „typisch deutsche Diskussion“ um fehlende Führungsspieler im Team reizte ihn zum Widerspruch. „Wer ist denn ein Führungsspieler?“, fragte er, „van Bommel, Rooney, Ribéry? Wo waren die in den Halbfinals?“ Özil forderte vehement, nicht alles an einem Ergebnis festzumachen. „Wir haben mit der gleichen Mannschaft 15 Spiele gewonnen.“

Teammanager Oliver Bierhoff wehrte sich gegen die Darstellungen von den verhätschelten Superstars, die im Ernstfall keine Verantwortung übernehmen wollen. „Wenn man sieht, wie Sami Khedira in der 90. Minute rennt, wie Manuel Neuer nach vorne stürmt. Unsere Jungs haben großes Herz gezeigt“, bekräftigte der frühere Nationalspieler.

Bis auf weiteres haben sich die Chef­strategen der deutschen Nationalmannschaft nun darauf geeinigt, kein zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen. Wer Joachim Löw kennt, weiß, dass es ihn selbst am meisten wurmt, Trainer einer Mannschaft zu sein, die attraktiven Fußball spielt, aber keine Titel gewinnt. Nach einer kurzen Phase der Erholung wird er sich mit seinem Trainerteam intensiv Gedanken darüber machen, wie er neue Impulse setzen kann. Grundsätzliches infrage stellen will er aber nicht. „Wir haben die Leute, die Verantwortung übernehmen“, ist er sicher, „es ist vielleicht eine andere Art von Führung heutzutage, aber die Spieler sind extrem ehrgeizig.“

Viel Zeit bleibt dem Bundestrainer nicht, die richtigen Lehren aus dem bitteren Aus bei der Europameisterschaft zu ziehen. Am 15. August steht das Test-Länderspiel in Frankfurt/Main gegen Argentinien auf dem Programm, am 7. September beginnt die Qualifikationsrunde für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien mit dem Duell in Hannover gegen die Färöer Inseln. „Es gibt neue Ziele“, sagte Löw, „es beginnt ein neuer Abschnitt.“ Er wirkte fest entschlossen.

 
 
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JUL
02
Michael Hartmann, 12:01 Uhr

deutsche Fußballnationalmannschaft

Die deusche Mannschaft hat ohne Zweifel gute Spieler und aus dieser Mannschaft kann auch noch ein Titelträger werden. In der Verfassung, wie wir die deutschen Spieler gesehen haben, kann man nicht Europameister werden. Keine Begeisterung, keine Überraschungen. Poldi, Schweini, total außer Form. Verunsicheurng duch unnötige Wechel im Team. Kein Spieler in Topform. Gegen Portugal glücklich gewonnen, gegen Dänmark gut, gegen Holland, kein Maßstab, da Holland völlig neben sich. Gegen Griechenland gewinnt jede halbwegs ordentliche 2.Liga Mannschaft. Von den Medien hochgespielt, von den Fußballfans, die keine sind, hochgejubelt und zu unrecht als Favorit gehandelt. Spanien hat uns gezeigt, wie man modernen Fußball spielt und was Teamgeist heißt.

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