Nationalfeiertag Frankreich feiert, Frankreich leidet

Winfried Weithofer, 13.07.2013 14:00 Uhr

Paris - Es war einmal ein Land in Europa, das war einfach nur beneidenswert. Große Kulisse, aufregende Menschen, Essen vom Feinsten und obendrein Extravaganz und Savoir-vivre. „La douce France“, das süße Frankreich, in dem sogar der liebe Gott gern lebt, hatte nie einen Mangel an Bewunderern. Am kommenden Sonntag ist wieder Gelegenheit, der Nation zu huldigen. Auf den Champs-Elysées in Paris wird wieder das Militär paradieren, und alles wird so sein wie immer: prunkvoll und selbstbewusst. Am 14. Juli feiert Frankreich sich selbst, und Präsident François Hollande darf glanzvolle Auftritte zelebrieren.

Davon hatte er seit Amtsantritt im Mai 2012 nicht allzu viele. Die Wirtschaft kommt nicht auf Touren, die Arbeitslosigkeit steigt, die Kosten für die sozialen Sicherungssysteme laufen aus dem Ruder, die Wettbewerbsfähigkeit ist durch zu hohe Lohnkosten dramatisch geschwächt, der Verwaltungsapparat ineffizient. Und dann musste auch noch der Haushaltsminister seinen Hut nehmen, weil der ein Auslandskonto verschwieg.

Die französische Malaise ist mittlerweile auch ein Thema in den USA. Die „New York Times“ verweist auf die überdurchschnittliche Einnahme von Antidepressiva in Frankreich und die im Europavergleich relativ v hohe Selbstmordrate. „Unsere Glücksfunktion lässt ein bisschen zu wünschen übrig“, stellt die Pariser Professorin Claudia Senik in dem von Mitleid geprägten Beitrag der US-Zeitung fest.

Die Folgen des Nichtstuns

Der „Spiegel“-Mann in Paris, Mathieu von Rohr, hat sich unlängst gleich über mehrere Seiten über den französischen Patienten ausgelassen. „Die Stimmung, die über dem Land liegt, ist depressiv. Frankreich erlebt gerade die größte Krise der Fünften Repu­blik.“ Rohr diagnostiziert Blockade und Verkrustung, schreibt vom mangelnden Mut für eine tiefgreifende Erneuerung. Für den gebürtigen Schweizer steht fest: Hollande handelt nicht, er zaudert.

Ein ätzender Befund. Die Folgen des Nichtstuns halten Frankreichs Statistiker in unerfreulichen Zahlen fest: Im ersten Quartal 2013 ist die Wirtschaft der einstigen „Grande Nation“ in die Rezession gerutscht – beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) wurde ein Minus von 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal verzeichnet. Belastet wurde die Wirtschaftsentwicklung vor allem durch gesunkene Investitionen und geringere private Ausgaben. Exporte gab es weniger, importiert wurde dagegen mehr. Zugleich kletterten Frankreichs Staatsschulden auf ein Rekordhoch von 1,87 Billionen Euro – ein Sprung von 1,5 Prozent. Die Staatsverschuldung hat damit 91,7 Prozent des BIP erreicht, teilte die Statistikbehörde ­INSEE mit. Deutschland liegt mit 81,9 Prozent deutlich darunter.

Die schlechten Nachrichten sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zwei Drittel der Franzosen denken laut einer aktuellen Umfrage, dass sich ihr Land im Niedergang befindet. Besonders die jungen Franzosen sind desillusioniert: 50 Prozent von ihnen würden auswandern, wenn sie denn könnten. Nur 36 Prozent haben noch Vertrauen in die Zukunft ihres Landes. Eine 20-jährige Studentin schreibt ihrem Präsidenten, warum sie es in Frankreich nicht mehr aushält: „Weil ich nicht mein ganzes Leben lang arbeiten will, um Steuern zu bezahlen.“ Steuern, um die Schulden zu bedienen, „die Ihre Generation uns freundlicherweise vermacht hat“.

Vorbild Deutschland

Die in Paris tätige Deutsch-Französin Natascha Cali (32) klagt: „Man sieht nicht den Weg, den die Regierung einschlägt.“ Sie mutmaßt, dass sich das Land in einem Erschöpfungszustand befinde – jetzt warte jeder nur noch auf den Beginn der Ferien.

Zuvor hat das Blatt „Le Point“ einmal mehr Deutschland als großes Vorbild herausgestellt: geringere Staatsausgaben und Abgabenlast, höhere Löhne und deutlich weniger Arbeitslosigkeit. „Unsere Nachbarn jenseits des Rheins sind wesentlich besser dran“, heißt es anerkennend – auch mit Blick auf Kanzlerin Angela Merkel. In der Online-Ausgabe von „Le Point“ analysiert ein Leser: „Man kann eben nicht wirtschaftlich leistungsfähig sein, wenn man als einziges Land die 35-Stunden-Woche hat und 39 Stunden bezahlt bekommt.“ Die Ursachen der französischen Malaise sind bekannt, der Sozialist Hollande schreckt allerdings vor harten, unpopulären Sparmaßnahmen zurück. Und er ist Gefangener einer Rhetorik, die bei der linken Anhängerschaft gut ankommt. Immerhin, in dieser Woche ließ Hollande ein neues Investitionsprogramm in Höhe von zwölf Milliarden verkünden.

Doch in einem Punkt zeigte Hollande jüngst beachtliche Entschlossenheit, was selbst seine Kritiker beeindruckte: Die Ehe für Schwule und Lesben setzte er gegen den heftigen Widerstand der Straße durch. Die Franzosen, traditionell aufmüpfige Staatsbürger, hoffen, dass ihr Präsident nun endlich auch auf anderen Feldern dieselbe Entschlossenheit an den Tag legt. Die Reformen für die Wirtschaft müssten endlich angepackt werden, sagt Natascha Cali „Denn so kann das ja nicht weitergehen.“

 
 
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