Nahost-Konflikt Kritik am Gaza-Krieg ist unerwünscht

Von Gil Yaron 

Israel und militante Palästinenser beschießen sich weiter: Dieser Palästinenser schaut in seinem zerstörten Haus im Westen von Gaza-Stadt nach Überbleibseln des Angriffs. Foto:  
Israel und militante Palästinenser beschießen sich weiter: Dieser Palästinenser schaut in seinem zerstörten Haus im Westen von Gaza-Stadt nach Überbleibseln des Angriffs.Foto:  

So schlimm soll es in Israel noch nie gewesen sein: Menschen, die sich gegen den Krieg in Gaza aussprechen, werden eingeschüchtert und boykottiert. Verliert Israel seinen demokratischen Charakter? Manche meinen, das sei schon geschehen.

Tel Aviv - „Es ist schon besser geworden“, meint Gideon Levy. Man muss Optimist sein, um seinen Zustand so zu beschreiben. Wochenlang konnte der Journalist, der zu Israels berühmtesten und härtesten Regimekritikern gehört, nur in Begleitung von Leibwächtern sein Haus verlassen. Doch jetzt, sagt er, „kommt mein Bodyguard nur noch mit wenn ich Orte aufsuche, an denen sich viele Menschen befinden.“ Dabei ist es für ihn ein alter Hut, auf offener Straße angespuckt und beschimpft zu werden.

Doch inzwischen habe das Ausmaß und die Aggressivität dieser Übergriffe dramatisch zugenommen, sagt Levy. Er meidet Menschenansammlungen. Kaffeehäuser sind Tabu, seitdem andere Gäste demonstrativ aufstanden und das Restaurant verließen, als er sich an einen Nebentisch setzte. „Ich gehe nicht mehr zum Markt einkaufen. Wer weiß, was dort geschehen könnte?“, sagt Levy. Er ist mit dieser Angst nicht allein. Immer mehr Künstler und bekannte Persönlichkeiten bekommen seit Beginn des Gaza-Krieges zu spüren, dass es in Israel gefährlich geworden ist, gegen den Konsens zu sprechen. Der begrüßt nämlich in fast nie da gewesenem Umfang den Kampf gegen die Hamas: Laut einer Umfrage befürworteten rund 90 Prozent der Israelis die Militäroperation im Gazastreifen, schreibt die Zeitung „Haaretz“. Wer sich dagegen ausspricht, wird von einer kleinen, militanten Minderheit immer schärfer angegangen.

Wie Gila Almagor, bis vor wenigen Wochen Königin des israelischen Theaters. Eigentlich ist sie Fans gewohnt, die sie mit Liebe überschütten. Doch nun: „Wenn ich auf die Straße gehe, schaue ich mich vorsichtig um, ob jemand mich verfolgt“, sagt Almagor in einem Fernsehinterview. Ihr Vergehen? „In diesen Tagen ist es beschämend, Israeli zu sein, wenn hier Kinder bei lebendigem Leib verbrannt werden“, sagte sie Israels auflagenstärkster Tageszeitung „Yedioth Aharonot“. Das war vor einem Monat, kurz nachdem man in Jerusalem die verkohlte Leiche des arabischen Jugendlichen Muhammad Abu Khdeir gefunden hatte. Extremisten hatten ihn entführt und ermordet, als Rache für die Entführung und den Mord dreier israelischer Jugendlicher durch die Hamas.

Am Tag darauf zitierte die Zeitung sie in großen Lettern: „Ich schäme mich, Israeli zu sein.“ Seither überbieten sich im Internet auf Almagors Facebookseite die verbalen Angriffe : „Alte Schachtel, deine Karriere ist vorbei!“, schrieb jemand kurz nach dem 75. Geburtstag der Schauspielerin, die für ihre Arbeit mit der höchsten Ehre des Landes, dem Israel-Preis, ausgezeichnet wurde. „Fahr nach Gaza! Ekelhafte Araberin! Dein Todestag wird ein Feiertag fürs Volk!“, meinte ein anderer. Der Bote, der ihr zum Geburtstag Blumen brachte, wollte von Almagor nicht einmal ein Glas Wasser annehmen: „Von jemandem wie Dir doch nicht.“

Orna Banai, eine von Israels bekanntesten Komikerinnen, machte eine ähnliche Erfahrung. Sie äußerte Bedauern über die Toten auf der anderen Seite, und „gestand“: „Ich gehöre zur Linken. Ich liebe Hunde und Araber.“ In einem anderen Interview brachte sie ihre Hoffnung zum Ausdruck, Premier Benjamin Netanjahu möge „sich zurückhalten. Schließlich leiden doch alle unter der jetzigen Situation – wir und die Menschen in Gaza.“ Sofort brach eine Welle des Hasses auf sie ein: „Du bist ekelhaft!“ stand auf ihrer Facebookseite neben dem Wunsch, Banai möge nach Gaza ziehen oder noch besser samt ihrer Kinder und Hunde sterben. „Die meisten hier scheinen zu glauben, dass man der Armee gestatten muss, den Gazastreifen zu planieren“, sagt Banai. „Das ist nicht meine Meinung. Und ich finde es erschreckend, dass ich dem keinen Ausdruck verleihen darf.“ Doch sie hat keine Angst, auf die Straße zu gehen, und will auch kein Blatt vor den Mund nehmen.

Almagor will politische Äußerungen vorerst meiden: „Es gab hier doch immer politische Meinungsverschiedenheiten. Aber heute? Dieser Extremismus, die Aufregung, die Möglichkeit, Menschen anonym im Internet zu lynchen. Es so leicht geworden, sich auf jemand zu stürzen, der nur einen Pieps anders sagt, der anders als andere atmet. So etwas gab es noch nie“, sagt sie.

„Die Schlimmsten zur Luftwaffe!“ lautet der Titel des Artikels, der Levy Hass einbringt – angelehnt an den Werbespruch: „Die Besten zur Luftwaffe!“. In harten Worten klagt Levy darin die Männer an, die in den Augen patriotischer Israelis die moralische und gesellschaftliche Elite des Landes darstellen: „Sie sind wirklich die Besten, doch sie begehen die schlimmsten Taten, die brutalsten und abscheulichsten“, schreibt er. „Verstehen sie überhaupt, was sie in Gaza tun?“

Yariv Levin, Vorsitzender der Regierungskoalition, forderte auf seiner Facebookseite dazu auf, Levy wegen Hochverrats den Prozess zu machen. In Reaktionen wie diesen macht der Journalist den Hauptgrund für Israels Radikalisierung aus: „Israel hat acht Jahre der Hetze hinter sich, mit anti-demokratischer Gesetzgebung der rechtesten Regierung aller Zeiten. Was wir jetzt sehen ist dessen Folge.“ Zudem fehle das Demokratieverständnis. „Niemand passt hier mehr auf die Demokratie auf. Seit dem Krieg frage ich mich, ob wir überhaupt noch eine sind, wenn selbst Juden keine Redefreiheit mehr genießen.“ Glaubt man dem regimekritischen Politikprofessor Zeev Sternhell, ist dieser Zeitpunkt längst erreicht: „Israels hat einen Tiefpunkt erreicht“, sagte Sternhell.

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