Nachruf auf Tine Raetzer Zum Tod von Tine

Von Joe Bauer 

Tine Raetzer ist im Alter von 46 Jahren gestorben Foto: Sigi Hänger
Tine Raetzer ist im Alter von 46 Jahren gestorben Foto: Sigi Hänger

Tine Raetzer, Musikerin, Künstlerin und Seele des Szenelokals Stella, ist am Freitag an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.

Stuttgart - Das Café Stella, Mitte der Achtziger an der Hauptstätter Straße gegründet, ­symbolisiert für viele Stadtmenschen heute noch den späten Aufbruch in eine Stuttgarter Kultur, die man Szene nannte. Das hatte mit Pop, mit ein wenig Kunst und urbaner Buntheit zu tun. Beim ­Betreten des Cafés ­hielten Jahre später viele Gäste immer erst Ausschau nach der Frau mit den blonden Zöpfen. Ihr ­fröhlicher, gewitzter Gruß rettete ihnen den Tag.

Suchende Blicke nach ihr werden noch lange durchs Lokal wandern, auch bei Leuten, die von ihrem Tod schon erfahren haben. Am vergangenen Freitagmorgen, drei Tage nach einem schweren Herz­infarkt, ist Tina Raetzer im Krankenhaus von Winnenden gestorben. Sie wurde 46 Jahre alt.

Tine war die Ehefrau des Musikers Zam Helga, Mutter der heutigen Sängerin/ Songschreiberin und Filmstudentin Ella Estrella Tischa, und sie war im Service die Seele des Cafés. Sie arbeitete als Modedesignerin, als Musikerin, zwischendurch auch mal als Schauspielerin in der Rampe. Sie war die Frau für alle Fälle.

Zam Helga, Ella und unsereins treffen uns seit Jahren regelmäßig zu kleinen Veranstaltungen. Wenn die Zeit vor der Show etwas knapp wurde und Zam noch nicht da war, schaute ich weniger auf die Tür nach Zam. Ich hoffte auf Tine. Sobald die Zöpfe auftauchten, war alles gut. Tine war, um es mit einer berühmten Songzeile­ zu sagen, „The leader of the pack“. Häuptling des Klans, die Mutter Courage der Familie.

Am 24. September 1968 in Dresden geboren, kam sie nach einem Ausreise­antrag mit ihrer Familie als Zwölfjährige aus der DDR nach Stuttgart. Realschule, danach Ausbildung zur Modedesignerin. Und immer war Musik im Spiel. Ihre ­Mutter Jenny arbeitete bei der Stuttgarter Plattenfirma Intercord. Tine wurde Fan von New Wave, liebte schnelle Rhythmen und Depeche Mode. Und da gab es in der Stadt einen jungen Wave-Musiker, den Sänger und Gitarristen Zam Helga mit seiner Band Helga Pictures. Diese Jungs waren ­Anfang der Neunziger sensationell erfolgreich – und Tine und Zam bald ein Paar. 1991 heirateten sie, 1994 kam ihre Tochter Ella zur Welt. Als die Helga ­Pictures wenig später ­Geschichte waren, weil Zam genug hatte vom Rummel, ­musizierte Tine als Gitarristin und ­Bassistin mit ihrem Mann in Bands wie Friends of Zulu und Rauhfaser.

Immer machten sie zusammen ihr Ding, bauten sich in Plüderhausen von 2007 an ein kleines Kreativreich mit ­Musik- und Fotostudio und Gitarrenschule auf. ­Zuletzt hat Tine viel Arbeit in Zams neues Solo-Album („Monster“) gesteckt. Am Samstag, 11. April, wollten sie es in der Rosenau präsentieren.

Zam und seine Freunde haben entschieden, die Veranstaltung nicht abzusagen: Für alle Gäste gibt es (bei freiem Eintritt) einen Abend mit Live-Musik in Erinnerung an Tine. Vor Beginn (20 Uhr) werde ich ­ wie gehabt nervös auf die Tür starren und innerlich ein wenig fluchen, weil die blonden Zöpfe nicht auftauchen.

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