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Nachnutzung gesucht Über die Müllberge ist Gras gewachsen

Gerhard Schertler, 11.02.2013 18:30 Uhr
Seit 2005 sind Hausmülldeponien verboten. Die Kommunen mühen sich seither um eine geeignete Nachnutzung: Als Mountainbike-Parcours oder Energielieferant aus Fotovoltaik und Deponiegas.

Waiblingen - Damit die seit 2005 verbotenen Hausmülldeponien nicht zu einem Umweltproblem werden, geben die Kommunen im Land und in der Region Hunderte Millionen Euro aus. Die Hoffnung ist, die zugedeckten Müllberge später einmal als Freizeitgelände nutzen zu können.

Wer in den Geigeräckern im Waiblinger Ortsteil Hohenacker ein Haus besitzt, wohnt ruhig und am Rand einer Wildnis. „Hier gibt’s Rehe und eine tolle Vogelwelt“, freut sich eine Hausbesitzerin. Dass die scheuen Tiere auf der Suche nach Futter ihren gepflegten Garten oder die benachbarten Parzellen der Gütlesbesitzer aufsuchen, braucht in Hohenacker niemand zu fürchten. Die Wildnis liegt hinter einem mehrere Meer hohen stabilen Eisenzaun.

Dabei handelt es sich bei dem 13 Hektar großen eingezäunten Gelände nicht um einen ausgedienten Truppenübungsplatz, auf dem explosives Material schlummert. Im Gegenteil: Durch die hügelige Landschaft mit ihren Wildkräutern, Büschen und Bäumen ziehen sich Wege. An einer Stelle ist ein Grillplatz angelegt, und eine planierte Fläche soll einmal als Bolzplatz für die Kinder aus den Waiblinger Stadtteilen Neustadt und Hohenacker dienen, die im Süden und im Norden an das Gelände grenzen.

Die Wildnis könnte in einem gepflegteren Zustand einen schönen Freizeitpark abgeben. Und so hat es sich der Eigentümer des Geländes, die Stadt Stuttgart und ihre Abfallwirtschaftsgesellschaft, auch gedacht. Aber der gärende Untergrund und nicht abgeschlossene Prüfungen verhindern, dass die Zäune niedergerissen werden können.

Hochgiftige Asche

Unter der bis zu sechs Meter dicken Erdschicht des Geländes lagert der Müll, der zwischen 1902 und 1996 in Stuttgart angefallen ist. Bis 1965 hat die Landeshauptstadt ihren Abfall in unbehandelter Form ins Erbachtal zwischen den beiden Waiblinger Stadtteilen gekippt. Ab 1965, als die Müllverbrennung in Stuttgart-Münster in Betrieb ging, kamen Asche und Schlacke ins Tal.

Beide Müllfraktionen waren für die Anlieger nicht ohne Probleme. In den 50er und ­60er Jahren stand „der Stuttgarter Dreck“ – so nannten die Leute in Hohenacker und Neustadt die Mülldeponie – mehrmals in Flammen. Wenn der Wind ungünstig wehte, gelangte der beißende Rauch in die Wohngebiete. Später, als der Müll in verbrannter Form ins Erbachtal gelangte, machten andere erschreckende Nachrichten die Runde: Die Asche enthalte Dioxine und Furane – also hochgiftige Stoffe, die ins Grundwasser, in den Erbach und in die Luft gelangen.

Der Anwohnerprotest, der sich aus dieser Belastung entwickelte, führte in den 80er Jahren dazu, dass die Stadt Waiblingen die umgehende Schließung der Deponie verlangte. Die Forderung wurde zur Enttäuschung der Anwohner und der Stadtverwaltung sowohl vom Stuttgarter Regierungspräsidium als auch vom Waiblinger Landratsamt zurückgewiesen. Auf dem Verhandlungsweg erzielten die Waiblinger später dennoch einen Erfolg. 1989 vereinbarten sie mit Stuttgart, dass die Deponie 1996 das Ende ihrer Laufzeit erreicht habe und umgehend rekultiviert werde.

Dazu ist es tatsächlich auch gekommen. Die Landeshauptstadt buddelte den gesamten Müllberg um und dichtete ihn nach allen Seiten mit einer speziellen Folie ab. Der Erbach erhielt im Untergrund ein neues Bachbett. Zahlreiche technische Einrichtungen sorgen dafür, dass das Innenleben der Deponie (Sickerwasser und Gasbildung) überwacht werden kann. Und schließlich erhielt das aufgeschüttete Erbachtal eine Abdeckung mit Erde, deren Oberfläche als Freizeitgelände modelliert wurde. Um die ehemalige Müllkippe attraktiv und sicher zu machen, hat die Stadt Stuttgart fast 20 Millionen Euro im Erbachtal investiert.

Keiner weiß, wann die Quelle endgültig versiegt

Die Arbeiten sind längst abgeschlossen, und die Rekultivierung hat eine sehenswerte Tier- und Pflanzenwelt geschaffen, die die Nachbarn des Geländes freut. Dennoch bleibt der Zutritt verboten. Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen müssen die Vorleistungen der Stadt Stuttgart noch vom Regierungspräsidium geprüft und genehmigt werden. Und noch liegen der Behörde nach Angaben des Abfallwirtschaftsamts nicht alle dafür notwendigen Unterlagen vor.

Als größtes Hindernis zeigt sich allerdings, dass der abgelagerte, unbehandelte Hausmüll nach fast 60 Jahren immer noch gärt und Methangas produziert. Das Gas wird zwar vor Ort abgefackelt, aber niemand kann sagen, wann die Quelle endgültig versiegt.

Noch vor zwei Jahren vermittelten die Verantwortlichen der Stadt Waiblingen den Eindruck, dass sie es kaum erwarten können, bis der Park für die Öffentlichkeit geöffnet wird. Davon ist heute keine Rede mehr. „Solange das Gas austritt, soll das Gelände Stuttgarter Hoheitsgebiet bleiben“, sagt Waiblingens Baubürgermeisterin Birgit Priebe . Die Anwohner des verwilderten Geländes freut die neue Zurückhaltung der Stadt. Sie könnte auch damit etwas zu tun haben, so wird in Hohenacker spekuliert, dass Stuttgart von Waiblingen Geld haben will, wenn es die 13 Hektar wieder zurückgibt. Und wer zahle schon gerne für einen Platz, der sich nicht richtig nutzen lässt.

„Da sind die Nachbarn der Deponie einem Gerücht aufgesessen“, sagt Priebe. Es sei absoluter Quatsch, dass die Stadt das Gelände von Stuttgart zurückkaufen müsse. Längst bestehende Verträge besagen, dass die Landeshauptstadt schon wegen der Verantwortung für die alte Deponie Eigentümerin des Geländes bleibe. Waiblingen trage nur die Verantwortung für die Pflege des künftigen Freizeitgeländes.

 
 
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