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Muslimische Erzieherin Mit Kopftuch in die Zukunft

Gerlinde Wicke-Naber, vom 14.02.2012 19:48 Uhr
Burcu Kocaaslan mit Bewohnern der Behinderteneinrichtung. Foto: factum
Burcu Kocaaslan mit Bewohnern der Behinderteneinrichtung. Foto: factum

Böblingen - Burcu-Betül Kocaaslan ist eine moderne junge Frau. Sie trägt meist Jeans und Turnschuhe, hat einen Beruf, einen großen Freundeskreis und seit Kurzem auch ein Auto. Die 22-jährige Sindelfingerin mit den großen dunklen Augen wirkt glücklich, die Zukunft liegt vor ihr. Noch vor einem Jahr hingegen sah es hingegen düster für die junge Frau aus.

Sich selbst bleiben und doch den Traumberuf ergreifen – dies schien damals unmöglich. Ein halbes Jahr lang hatte Kocaaslan nach einem Platz für ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin gesucht. Doch überall, wo sie anfragte, hieß es stets: „Wir nehmen niemanden mit Kopftuch.“ So sieht es das baden-württembergische Kitagesetz vor. Erzieherinnen in kommunalen Einrichtungen dürfen keine Kleidung tragen, die eine religiöse Haltung ausdrückt. Sindelfingen gehörte zu den ersten Städten im Land, die dies konsequent umsetzten.

In Sindelfingen aufgewachsen

Doch die türkischstämmige Kocaaslan, die in Sindelfingen geboren worden ist, dort aufwuchs und den Realschulabschluss machte, besteht auf ihrer Kopfbedeckung. „Ich bin Muslima. Für mich gehört ein Kopftuch zu meiner Identität“, sagt sie. Dabei will sie niemanden missionieren. „Meine Schwestern sind stets ohne Tuch. Das ist für mich okay.“

Ein Bericht unserer Zeitung über das Schicksal der jungen Frau brachte eine Wende. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Artikels machten die Gemeinnützigen Werk-und Wohnstätten (GWW) Kocaaslan ein Angebot: Sie dürfe ihr Anerkennungsjahr in einem Wohnheim für Behinderte in Herrenberg machen. Am 1. Februar begann die junge Frau mit der Arbeit. Schon wenige Tage später schien sie fest integriert zu sein. „Die Gruppe ist mein zweites Zuhause“, sagte Kocaaslan. Und bestätigte damit die Einschätzung ihrer Lehrerin der Hilde-Domin-Schule. „Burcu ist ein sehr familiärer Typ. Sie passt gut in eine Wohngruppe.“

Das vergangene Jahr verging für Burcu Kocaaslan wie im Flug. Hochzufrieden waren ihre Ausbilder mit ihr. „Frau Kocaaslan ist ein wahrer Glücksfall für die GWW“, sagt deren Sprecher Steffen Müller. Denn gerade ihr kultureller Hintergrund, der ihr zunächst den Weg in den Beruf verbaut hatte, erwies sich in der Behinderteneinrichtung als Stärke. Denn Kocaaslan kam gerade zu dem Zeitpunkt zur GWW, als diese sich auf den Wege machte, interkulturelle Brücken zu schlagen. „Rund 30 Prozent unserer Bewohner und Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund“, sagt Müller. Immer wieder habe es zuvor Missverständnisse gegeben, die auf kulturellen Unterschieden beruhten. Die Verantwortlichen der GWW beschlossen: „Wir bilden Kulturvermittler aus.“ Etwa 20 Mitarbeiter, behinderte und nichtbehinderte, die meisten selbst Migranten, nahmen an der Fortbildung teil, auch Burcu Kocaaslan als jüngste Teilnehmerin.

Erfolgreich als Kulturvermittlerin

Die Gruppe sprach über die unterschiedlichen Vorstellungen von Krankheit und Tod und über Fragen wie: „Wie verhalte ich mich auf einer muslimischen Beerdigung?“ Oder: „Was bringe ich als Gastgeschenk für eine arabische Familie mit?“ Viel gelernt habe sie in diesem Kurs, über sich selbst und über andere Kulturen, sagt Burcu Kocaaslan zufrieden.

Im Alltag des Wohnheims fungierte sie sowieso von Anfang an als Vermittlerin, schrieb Briefe an türkische Familien, die auf Deutsch verfasste Schreiben bisher stets unbeantwortet gelassen hatten. Und siehe da: die Familien reagierten. Einmal besuchte sie mit einigen GWW-Bewohnern die Sindelfinger Moschee. „Alle waren begeistert“, so Kocaaslan und freut sich.

Scheu und Berührungsängste kennt sie nicht. Offen geht sie auf jeden zu. Laut dem GWW-Sprecher Müller sei es keine Frage gewesen, der jungen Frau nach dem Abschluss ihrer Ausbildung nun eine feste Stelle anzubieten. Auch im selben Wohnheim wie bisher darf Kocaaslan weiter bleiben, wenn auch in einer anderen Gruppe. Und ihr Kopftuch, das der Schrecken aller Kitaleiterinnen gewesen ist?„Das hat bald niemand mehr wahrgenommen“, sagt Müller. Und Burcu Kocaaslan erzählt, wie anfangs alle wissen wollten, warum sie ein Kopftuch trage. „Dann habe ich das kurz erklärt, und die Sache war erledigt.“ Eine Bewohnerin ihrer GWW-Gruppe, die 80 Jahre alte Elsa, mit der sich Kocaaslan besonders gut versteht, schenkte der jungen Frau sogar zwei bunte Tücher. „Bei uns leben viele eigenwillige Menschen, die wir alle akzeptieren, wie sie sind. Da fällt jemand mit Kopftuch nun wahrlich nicht aus dem Rahmen“, sagt Müller.

 

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