Multiresistente Krankenhauskeime „Gegen solche Keime gibt es keinen Schutz“

Von Regine Warth 

Der Grund, warum multiresistente Keime  in Krankenhäusern besonders gut gedeihen: Dort durchlaufen die Bakterien aufgrund der Verwendung von Antibiotika und Desinfektionsmitteln eine Art Überlebenstraining. Foto: dpa-Zentralbild
Der Grund, warum multiresistente Keime in Krankenhäusern besonders gut gedeihen: Dort durchlaufen die Bakterien aufgrund der Verwendung von Antibiotika und Desinfektionsmitteln eine Art Überlebenstraining. Foto: dpa-Zentralbild

Mit interaktiver Grafik - Immer wieder kommt es in deutschen Kliniken zu schweren Infektionen durch resistente Keime. Wie gut die Vorsorge in einem Krankenhaus ist, erkennt man daran, wie es öffentlich mit dem Thema Hygiene umgeht, sagt Wolfgang Gärtner vom Deutschen Beratungszentrum für Hygiene.

Herr Gärtner, seit den Vorfällen in der Kieler Klinik steigt die Sorge, sich bei einem Krankenhausaufenthalt gefährliche Keime einzufangen. Wie können sich Patienten vor solchen Infektionen schützen?
Vor multiresistenten Keimen können sich Patienten nicht selbst schützen. Es ist möglich, dass sie sich einen solchen Erreger irgendwo einfangen und so zum Träger werden – ohne selbst je krank zu werden. Sie können auch zum Überträger solcher Keime werden, etwa im Krankenhaus, was dann dort für Probleme sorgen kann. Beispielsweise wenn der Keim auf Patienten übertragen wird, die frisch operiert wurden, die beatmet werden oder einen Katheter tragen. Daher sollte man Patienten und auch Besucher darüber aufklären, dass es zwar keinen Schutz vor diesen Keimen gibt, aber Maßnahmen, die das Risiko einer Verbreitung solcher Erreger verringern. Etwa wenn sie innerhalb eines Krankenhauses darauf achten, stets die Hände zu desinfizieren. Das ist zumindest etwas, was man als Besucher oder als Patient beitragen kann.
Doch die Händehygiene der Patienten nützt doch nichts, wenn Arzt, Pflegepersonal und Therapeuten sich nicht genug desinfizieren?
Die Patientenversorgung sollte immer unter optimalen Bedingungen erfolgen: Es ist oberstes Gebot für das Krankenhauspersonal, sich die Hände gründlich zu desinfizieren – und zwar unmittelbar bevor man mit einem Patienten in Kontakt kommt und sobald man ihn verlässt. Diese Maßnahme ist nicht hoch genug anzusiedeln. Doch bei der allgemein vorherrschenden Zeitknappheit und auch dem Personalmangel in Kliniken kommt die Händehygiene in manchen Fällen zu kurz. Dies darf jedoch keine Entschuldigung sein, denn der Schutz des Patienten hat absolute Priorität.
 

So verbreiten sich multiresistente Keime im Krankenhaus

Manche Experten sagen, die unzureichende Hygiene mancher Ärzte sei auch ein Generationenproblem. Wissen demnach junge Ärzte besser über Hygiene Bescheid als lang gediente Chefärzte?
Nein, das kann man heute nicht mehr sagen. Inzwischen wissen sowohl Ärzte als auch Patienten dank Fernsehen, Rundfunk und Zeitung sehr genau Bescheid, dass die Händehygiene essenziell ist. Beobachtet man als junger Arzt oder auszubildende Pfleger aber tatsächlich einen Mitarbeiter in höherer Position dabei, dass er vergessen hat, seine Hände vor Patientenkontakt zu desinfizieren, ist es manchmal nicht einfach, ihn darauf aufmerksam zu machen. Dennoch sollte man es tun.
Wie lässt es sich transparent für Patienten darstellen, ob ein Krankenhaus es mit der Hygiene genau nimmt?
Ein Indikator kann der Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln sein, die ein Krankenhaus in einem bestimmten Zeitraum einsetzt. Wichtig ist es aber auch, wie ein Krankenhaus öffentlich mit dem Thema Hygiene umgeht: Wenn ich beispielsweise verschiedene Homepages von Kliniken besuche, dann sehe ich sehr selten, dass das Thema Krankenhaushygiene an einer prominenten Stelle steht. Dort findet man eher, dass es ein Brustdiagnosezentrum oder ein Zentrum für Darmerkrankungen gibt. Aber eigentlich müsste ein Krankenhaus doch damit werben, wie wichtig die Hygiene in diesem Haus genommen wird – etwa mit Aussagen wie: Wir nehmen an der Aktion Saubere Hände teil. Oder: Wir erfassen unsere multiresistenten Erreger und nosokomialen Infektionen, die sich der Patient im Krankenhaus geholt hat. Das hat auch eine gute Außenwirkung auf den Patienten. Denn er kann daran erkennen, wie ernsthaft ein Krankenhaus mit diesen Themen umgeht. Aber da sind die meisten Kliniken noch sehr zurückhaltend.
Neben der Hygiene spielt auch die Antibiotikavergabe eine Rolle bei Keimresistenzen. Liegt das Problem der unzureichenden Antibiotikatherapie an schlecht informierten Patienten oder an schlecht informierten Ärzten?
Letztlich sind es die behandelnden Ärzte, die entscheiden müssen, ob ein Patient ein Antibiotikum benötigt. Wir kämpfen daher sehr darum, dass seitens der Ärzte eine ausreichende mikrobiologische Diagnostik betrieben wird. Nur so kann der Patient mit passenden Antibiotika behandelt werden. Doch solche Tests, die der Arzt dann vornehmen muss, kosten Zeit und Geld. Und gerade im niedergelassenen Bereich ist es doch meist so, dass die Ärzte dem Patienten sofort nach seinem Termin etwas an die Hand geben möchten. Nichtsdestotrotz sollte Zeit und Geld kein Argument sein, auf notwendige Diagnostik zu verzichten.
Was halten Sie davon, dass man bereits im Vorfeld operativer Eingriffe vom Hausarzt einen Abstrich – beispielsweise im Nasen-Rachen-Raum – machen lässt, um herauszufinden, ob man bereits ein Träger eines multiresistenten Keimes ist?
Es lohnt sich sicher, darüber nachzudenken, ob man derartige Abstriche vor bestimmten Operationen machen sollte – etwa im Vorfeld von Operationen, bei denen ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk eingesetzt wird. Oder im Vorfeld einer Herzoperation. Aber das ist etwas, was man im Krankenhaus entscheiden sollte – ob man einen solchen Abstrich vornimmt oder einem Patienten dazu rät, einen solchen bei seinem Hausarzt vornehmen zu lassen. Dann muss auch ganz klar geregelt sein, wer die Kosten dafür trägt. Ich würde daher nicht so weit gehen und Patienten empfehlen, sie sollten pauschal beim Hausarzt bestimmte Abstriche vornehmen lassen, bevor sie ins Krankenhaus gehen.

Zur Person: Wolfgang Gärtner

Wolfgang Gärtner gehört zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene (BZH), das 1995 am Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg eingerichtet wurde. 1999 wurde das BZH eine eigenständige GmbH, in der Gärtner Mitglied in der Ärztlichen Leitung ist. Der 62-jährige Internist, Umweltmediziner und Facharzt für Hygiene stammt aus Aachen.

Weitere Infos: www.bzh-freiburg.de

 

 

 

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