Multi-Kulti und das hierzulande fremde Spiel

Von "Filder-Zeitung" 

Cricket. In vielen Ländern der Welt Nationalsport, fristet Cricket in Deutschland ein Schattendasein. Die in Vaihingen beheimatetenStuttgart Eagles wollen trotzdem ihren Weg machen - dies mit Spielern aus Südafrika bis Afghanistan. Von Harald Landwehr

Cricket. In vielen Ländern der Welt Nationalsport, fristet Cricket in Deutschland ein Schattendasein. Die in Vaihingen beheimatetenStuttgart Eagles wollen trotzdem ihren Weg machen - dies mit Spielern aus Südafrika bis Afghanistan. Von Harald Landwehr

Würden sich die Spieler der Stuttgart Cricket Eagles in ihren jeweiligen Muttersprachen miteinander unterhalten, es würde ein lustiges Durcheinander geben, ähnlich wie einst in Babylon. Was darf es denn sein? Singhalesisch? Hindi? Africaans? Bengali? Oder vielleicht Deutsch? Dabei wäre von allem etwas, was zeigt: Cricket ist ein internationaler Sport, und die Stuttgarter Gemeinschaft, die in Höfingen bei Leonberg sowie in Vaihingen ihre sportliche Heimat hat, sie kommt aus aller Herren Länder, von Australien über Südafrika und Pakistan bis nach Afghanistan. "Eine Handvoll richtige, in Deutschland geborene Deutsche sind auch dabei, auch wenn die Einheimischen für unseren Sport nur schwer zu begeistern sind", sagt Adnan Sadeque.

Sadeque ist 35 Jahre alt und ist der Vorsitzende der knapp 100 Mitglieder starken Stuttgart Cricket Eagles, die sich im vergangenen Jahr gegründet haben. Er selbst hat einen deutschen Pass, stammt aber aus Bangladesh. Dort, in dem asiatischen 160-Millionen-Einwohner-Land, ist Cricket Nationalsport. Sadeque, der 2002 seines Studium wegen nach Dresden kam, hat das Schlagballspiel als Kind in seiner Heimat in praktisch jeder freien Minute auf einem der unzähligen dafür errichteten Felder ausgeübt. Ganz anders sind die Bedingungen hierzulande. Der Vereinschef und seine Multi-Kulti-Truppe müssen schon froh sein, wenn es für die überhaupt ein Plätzchen gibt. "Cricket ist in Deutschland noch nicht offiziell als Sportart anerkannt, und deswegen hat die Stadt Stuttgart auch keine Möglichkeiten, uns einen geeigneten Platz oder eine Halle zur Verfügung zu stellen", sagt Sadeque. Die Folge daraus ist: im Herbst und im Winter geht gar nichs mehr. Notgedrungene Trainingspause. "Um den Verein zusammenzuhalten", wie Sadeque es nennt, bleibt nur ein Ausweichen auf andere sportliche Aktivitäten.

Immerhin aber hat der zahlenmäßig größte eingetragene Cricketclub Deutschlands für die Frühjahrs- und Sommermonate mittlerweile mit einem Ascheplatz beim TSV Höfingen sowie mit einer Tartan-Kleinfeldanlage an der Universität Vaihingen für das Jugendtraining zwei Heimstätten gefunden. So ist eine Teilnahme am Ligabetrieb möglich, wenngleich auch dafür improvisiert werden muss. Da das eigene Spielfeld nicht die offizielle Größe hat, agieren Sadeque und Co. nicht mit Cricket-, sondern mit Tennisbällen. Letztere fliegen weniger weit.

Wesentlich besser sind die Voraussetzungen beim badischen Rivalen in Karlsruhe, wo es zwei echte Cricketplätze gibt. Die besten Spieler der Eagles, deren Vereinsmitglieder zu 40 Prozent Studenten an der Universität in Vaihingen sind, fahren deshalb regelmäßig die 80 Kilometer nach Baden und spielen in der nach Regionen aufgeteilten höchsten Spielklasse für Karlsruhe, das sich Anfang September den baden-württembergischen Titel und die Teilnahme an der deutschen Endrunde gesichert hat. Sadeque und die Seinen belegten derweil ohne ihre Topspieler den vierten Platz.

Um mehr Interesse für ihre Sportart zu wecken, deren Ligaspiele mit zwei Pausen insgesamt sieben Stunden dauern, haben die Eagles kürzlich eine Werbeoffensive gestartet. Besucht wurden nicht nur vier Schulen in Vaihingen und Umgebung, auch gibt es bei Bosch neuerdings eine Betriebssportgruppe, für die Cricket auf dem Freizeitplan steht. "Die Firma hat eine große Produktionsstätte in Indien. Und weil viele schwäbische Mitarbeiter eine zeitlang dort arbeiten müssen, hat uns die Firmenleitung gebeten, ihre Leute mit dem dortigen Nationalsport vertraut zu machen", sagt Sadeque. Am vergangenen Wochenende hat der Verein darüber hinaus ein Turnier mit acht Mannschaften aus Süddeutschland veranstaltet. Sieger wurde der "Star Cricket Club", ein bislang nicht offiziell organisiertes Team, bestehend aus afghanischen Freunden. "Da sind einige sehr gute Spieler dabei. Vielleicht hilft uns ja nächstes Jahr der eine oder andere davon im Ligabetrieb", sagt Sadeque. An sprachlichen Hürden würde es wohl nicht scheitern.

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