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Montagsgespräch mit Dieter Buck „Wandern soll ein Genuss sein“

Von Dirk Herrmann 

Dieter Buck ist einer der bekanntesten Autoren von Wanderbüchern. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Dieter Buck ist einer der bekanntesten Autoren von Wanderbüchern.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Er ist an jedem Wochenende unterwegs, kennt fast jede Weggabelung in den hiesigen Wäldern und hat zu Fuß bereits an die 40 000 Kilometer hinter sich gebracht: Der Stuttgarter Dieter Buck ist einer der bekanntesten Wanderbuchautoren überhaupt.

Stuttgart - Herr Buck, wenn Sie gut 50 Jahre zurückblicken, kennen Sie das doch sicher auch: Spaziergänge am Sonntagnachmittag mit den Eltern – langweiliger geht’s doch kaum, oder?
Klar kann ich mich daran erinnern. Natürlich wollte auch ich sonntags lieber daheim bleiben und lesen, spielen oder Fernseh gucken. Mein Interesse an der Natur und am Wandern ist erst so mit 25 Jahren erwacht. Meine Tochter habe ich jedenfalls nie genötigt, mit uns wandern zu gehen, wenn sie nicht wollte.
Wie oft haben Sie eigentlich Blasen?
Na, so oft ist das mittlerweile nicht mehr. Tatsächlich waren meine Füße in den ersten Jahren mehr im Stress. Dann habe ich die neuralgischen Stellen abgeklebt. Mittlerweile hat sich das gelegt, auch weil ich Polypropylen-Socken trage, die den Schweiß nach außen abgeben, so dass es keine Reibung von feuchten Socken auf der Haut mehr gibt.
Wie viele Schuhe verschleißen Sie so?
Ich habe natürlich mehrere Schuhe im Einsatz. Aber im Schnitt ist so einmal im Jahr ein neues Paar fällig. Einmal besohlen geht noch, aber dann ist so ein Schuhpaar nicht mehr tauglich, und es muss ein neues her.
Gewaltmärsche wären also drin?
Das wäre konditionell schon möglich, aber meine Tipps beschränken sich in der Regel ja so auf zehn bis 15 Kilometer. Das hängt auch damit zusammen, dass heutzutage anders gewandert wird als noch vor Jahren. Damals war es ein Altherrenvergnügen in Kniebundhosen und Laufstöcken bei Volkswandertagen – oder es waren gleich Gewaltmärsche, die Leute wollten Strecke machen, um am Stammtisch angeben zu können. Heutzutage wollen die Menschen vielleicht noch zwölf bis 15 Kilometer zurücklegen, sie wollen es gemütlich haben, es soll kein Extrem-, sondern ein Genusswandern sein. Man möchte es abwechslungsreich haben, mal einen Wasserfall oder eine Burg angucken, gerne auch einkehren – und wenn man dann Hin- und Rückfahrt noch hinzurechnet, wird aus einer Wanderung von ein paar Stunden ohnehin ein tagesfüllendes Unternehmen.

In der Regel wandert er allein

Wandern Sie alleine?
In der Regel schon. Es hat durchaus etwas von Meditation, auch wenn ich mit der vollständigen Fotoausrüstung im Rucksack in der Regel ein ordentliches Tempo habe. Ab und zu ist ein Freund mal mitgegangen oder auch meine Frau. Aber so, wie ich es mache, können Sie es eigentlich niemandem zumuten. Ich laufe in der Regel recht zügig; aber manchmal muss ich stehen bleiben, um zu warten, bis die Wolke weg ist und ich für ein Foto Sonnenschein habe. Dann fällt mir wieder etwas ein, das ich noch genauer inspizieren möchte, und wandere wieder ein Stück zurück. Wer soll so etwas aushalten?
Welche Wanderpensum haben Sie denn bisher bewältigt?
Insgesamt dürften es mittlerweile 3000 Touren sein, die ich absolviert habe. Rechnen Sie das mal durchschnittlich zwölf Kilometer, dann kommen sie auf insgesamt circa 36 000 Kilometer. Wahrscheinlich sind’s eher mehr, an die 40 000, also einmal um die Erdkugel, wenn man so will.
Und wer gar keine Lust auf Wandern hat?
Sie meinen jene, die nach einer Stunde schon zickig werden? Auch für die gibt’s maßgeschneiderte Vorschläge – nämlich beim „Wandern für Wandermuffel“, wo man bequem auf Touren von höchstens elf Kilometern, also so maximal zwei bis drei Stunden, im Ländle unterwegs sein kann. Das kam sehr gut bei den Wanderern an, war offenkundig eine Marktlücke.

Seit zwei Jahren ist er in Altersteilzeit

Angesichts der Vielzahl Ihrer Veröffentlichungen war ich mir sicher, dass Sie Berufswanderautor sind. Aber denkste: Sie haben bei der Bundesbank gearbeitet und das Wandern stets nur nebenher gemacht. Wie bringt man denn das alles unter einen Hut?
Nun, seit zwei Jahren bin ich in Altersteilzeit, mittlerweile ist die Organisation nicht mehr ganz so komplex. Aber ansonsten muss man es sich halt gut einteilen. 52 Wochenenden, das sind allein schon 104 Tage, dazu Urlaub und Feiertag – also fast die Hälfte des Jahres hat man frei für solche außergewöhnlichen Aktivitäten. Und wenn man auf Tour geht, kann man halt nicht bis 10 Uhr ausschlafen. Auch Saunieren mit den Kumpels, Kegelabende am Samstag oder Sport gucken am Sonntagnachmittag, das fällt halt flach. Da muss man Prioritäten setzen, aber Fußball oder Stammtisch im Gasthaus hat mich eh nie groß interessiert. Wandern ist für mich alles Genuss, nichts, wozu ich mich zwingen müsste. Ich fiebere schon der Zeit entgegen, wenn ich im Frühjahr wieder zu den Wandertouren raus kann.
Wer bei einer Bank arbeitet, dem kann ja die Leidenschaft für Geld wohl nur in die Wiege gelegt sein.
Tatsächlich hatte ich mich schon als Schüler entschlossen, zu einer Bank zu gehen. Ich habe bei der Girokasse, der heutigen Baden-Württembergischen Bank, Bankkaufmann gelernt. Später habe ich dann im Stab des Präsidenten der Bundesbank-Niederlassung in Stuttgart gearbeitet. Wir waren dort für Querschnittsaufgaben zuständig, das war recht vielseitig mit Pressearbeit, Veröffentlichungen, Veranstaltungsorganisation und vielem mehr. Das hat genau zu mir gepasst – an der Kasse zu sitzen, das wäre geradezu schrecklich für mich gewesen.
Und gleichzeitig hatten Sie eine künstlerische Ader.
Ich war so bis 1990 nebenher als Bildhauer tätig, hatte ein Jahrzehnt einen Lehrauftrag inne und viele Ausstellungen, drei bis vier pro Jahr, nicht nur hier, sondern auch in vielen deutschen Städten, auch in Österreich oder Bayern. Aber irgendwann kam ich an einen Scheidepunkt, es war ausgereizt, mir fehlte die Zeit und auch der Platz für die Lagerung der Kunstwerke, außerdem war ich mit den Wandervorschlägen schon recht erfolgreich. So habe ich alles weggepackt und verschenkt – ich habe nur noch eine einzige Figur in der Wohnung, der Rest ist im hintersten Keller verschwunden, den müsste ich erst mal hervorkruschteln. Das ist wie mit dem Rauchen: Auch da muss man radikal aufhören.
Dabei waren Sie einstmals sogar Galerist.
Das stimmt. Das war in den 80er Jahren, da hatte ich in der Bolzstraße eine Vitrine gemietet. Ich bin zufällig vorbeigelaufen und habe gesehen, dass dort fünf oder sechs Vi­trinen wohl für Werbezwecke vermietet wurden. Da dachte ich mir, das wäre doch geschickt, dort was auszustellen Alle zwei Monate kamen die Werke anderer Künstler rein. Ich habe sie „die kleinste Galerie der Welt“ genannt – da erinnern sich noch heute viele Stuttgarter dran.
Welche Lieblingsziele in Stuttgart können Sie denn empfehlen?
Natürlich komme ich um das herrliche Waldgebiet zwischen Bärenschlössle und Solitude nicht herum. Schließlich bin ich in Vaihingen aufgewachsen, da war als Kind der Ausflug zu den Parkseen Pflicht. Aber das ist auch eine wunderschöne Landschaft. Im Herbst gefallen mir natürlich die Weinberge um Uhlbach mit ihrem bunten Weinlaub besonders gut. Und demnächst wieder die Heslacher Wasserfälle, wenn im Frühjahr nach der Schneeschmelze – na ja, dieses Jahr fällt das wohl aus – oder bei regnerischem Wetter das Wasser tost. Im romantischen 19. Jahrhundert pilgerten die Stuttgarter in Scharen zu den bemoosten Felsbrocken in der steilen Klinge. In den letzten Jahrzehnten gerieten die Heslacher Wasserfälle in Vergessenheit und werden erst jetzt langsam wieder entdeckt – mittlerweile sind sie auch bei mir in vier oder fünf Büchern drin. So natürlich auch in meinem letzten, dem neuen VVS-Wanderführer, der sogar „Wasser“ zum Thema hat.

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