London - Die britische Hauptstadt gefällt sich in ihrer Rolle als eine der europäischen Mode-Metropolen mit von trendigen Labels hochkarätig besetzten Laufstegschauen. Zu der etablierten, übercoolen Fashion-Clique gesellt sich nun ein Außenseiter: In London findet an diesem Donnerstag die erste Modenschau mit Kreationen vom Hindukusch statt. Die Entwürfe stammen von Zolaykha Sherzad, Afghanistans einzige bekannte Modedesignerin.
Mode aus Afghanistan? "Das hätte ich auch nie für möglich gehalten", sagt die 42-Jährige, die mit ihrer ersten Schau eine Botschaft verknüpft. "Ich will zeigen, dass es in Afghanistan nicht nur Krieg, Waisen und Burkas gibt, sondern auch Farben, Handwerk und Kultur", sagt sie.
Die Kleider aus Kabul entstehen in einem kleinen Atelier, in dem Näherinnen ihrer über Jahrzehnte unterdrückten Kreativität freien Lauf lassen können. Sie schaffen Einzelstücke, mit denen die traditionellen Schnitte und Muster der Trachten und die Kunstfertigkeit des alten Handwerks vor dem Vergessen bewahrt werden sollen. So arbeitet einer der letzten zwei Webmeister Kabuls für die kleine Firma. Sherzad setzt Stickereien der Nomaden und bunt-glänzende Seide ein, zitiert in ihren Kleidern den Provinzstil und bedruckt Gewänder mit Gedichten aus dem 16. Jahrhundert.
Prominente Förderer
Konservatives erhält so einen modernen Dreh: "Man kann zur Burka stehen, wie man will, aber der glockenhafte Schwung dieses Kleidungsstücks hat mir immer gefallen", sagt die Modeschöpferin. Die Nahttechnik dieses plissierten Politikums hat sie für ihre bunten, ärmellosen Kleider adaptiert. Das Ergebnis kann auf den modeverwöhnten Einkaufsmeilen des Westens durchaus bestehen.
Sherzads etablierte Kollegin Agnès B. hat ihre Kleider im Londoner Nobelviertel Marylebone ins Sortiment aufgenommen, Prinz Charles unterstützt die junge Modemacherin bei ihrer ersten Schau. Dennoch steht "made in Afghanistan" unter keinem guten Stern: Die Ärztin Karen Woo, die das Projekt mit angestoßen hat, ist jüngst in einem Hinterhalt in Afghanistan erschossen worden. "Neues in Afghanistan auf die Beine zu stellen bleibt eben kompliziert", kommentiert die Modeschöpferin, die zwischen New York und Kabul pendelt, den Zwischenfall nüchtern.
Sherzad war als Zehnjährige vor der sowjetischen Besatzung in die Schweiz geflohen, hat in den USA studiert und in New York ein Architektenbüro eröffnet. Seit dem Sturz der Taliban zieht es sie immer wieder zurück in die afghanische Hauptstadt. "Ich plante dort Kliniken, Häuser und Schulen", erinnert sie sich, "und eines Tages zeigte mir eine der Lehrerinnen, wie sie nebenbei Kleider schneidert, um Geld zu verdienen." Ihr sei augenblicklich klar gewesen, dass "man das Design nur hier und da ein bisschen ändern muss, um es auch für den Westen attraktiv zu machen".
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