Mobiles Arbeiten Mein Schreibtisch gehört auch dem Kollegen

Von Sabine Marquard 

Mitarbeiter, die sich jeden Morgen einen neuen Arbeitsplatz im Großraumbüro suchen – oder gleich zuhause arbeiten: Unternehmen versprechen sich viel von solchen Arbeitsstrukturen. Dazu fünf Thesen des renommierten Personalexperten Christian Scholz.

Stuttgart - „Dass Mitarbeiter keinen eigenen Schreibtisch mehr haben ist eine Mode, die an den Bedürfnissen der Mitarbeiter vorbei geht“.
Die Lufthansa-Mitarbeiter in der Frankfurter Zentrale müssen sich umstellen. Alle Beschäftigten werden in diesem Jahr ihren festen Schreibtisch verlieren. Jeden Morgen geht die Suche nach einem freien Platz im Großraumbüro los. Abends muss alles wieder freigeräumt werden. Einzelbüros sind ohnehin von gestern. Nur für zwei von drei Angestellten ist noch ein Arbeitsplatz vorgesehen. Sind zu wenige Leute auf Dienstreise oder im Urlaub, müssen diejenigen, die keinen Schreibtisch finden, sich einen Ausweichplatz suchen – notfalls in einem Besprechungsraum. Oder kehrt machen und zu Hause arbeiten.
Konzerne, die auf solche Strukturen setzen, haben dabei die Generation Y vor Augen. Das sind die Anfang der 1980er Jahre Geborenen. Sie gelten als extrem leistungsorientierte Mitarbeiter, die auf allen Kanälen kommunizieren und bei denen die Grenze zwischen Beruf und Privatleben verwischt. Diese Generation findet es cool, ins Schwimmbad zu gehen, wenn wenig Arbeit anfällt, und am Wochenende zu arbeiten, wenn’s brennt. „Das ist der Traum für Unternehmen“, sagt Christian Scholz, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität des Saarlandes, der die Arbeitswelt erforscht.
Gleichwohl warnt der Personalexperte Unternehmen davor, sich allzu sehr auf diesen Mitarbeiter auszurichten. Für Unternehmensberater, die nur ein bis zwei Tage in der Woche im Büro sind, mag es sinnvoll sein, keinen festen Arbeitsplatz zu haben. Doch schon wer drei oder vier Tage pro Woche im Büro arbeitet, braucht sein eigenes Territorium, sprich: seinen eigenen Schreibtisch.
„Großraumstrukturen signalisieren Offenheit und Transparenz. Sie stehen aber auch für extreme Kontrolle.“
Unternehmen planen einerseits mit offenen Bürolandschaften, bei denen sie Mitarbeiter gut im Blick haben, und sie setzen andererseits auf Vertrauensarbeitszeit und auf Home-Office – also dem Arbeiten von zu Hause aus. Sie übersehen dabei, dass die nächste Generation schon in den Startlöchern steht. „Die tickt ganz anders“, warnt Personalexperte Scholz. Die Generation Z, die 1990 Geborenen, „liebt klare Strukturen und Ordnung“. Sich wohlzufühlen sei für diese jungen Nachwuchskräfte die Voraussetzung, um Leistung zu erbringen. Studien zeigten das ganz deutlich. Die jungen Menschen sitzen demnach gern mit zwei oder drei Kollegen in einem Büro, auf dem Schreibtisch das Bild von dem Freund oder der Freundin und daneben vielleicht noch einen Kaktus. Auch die nach 1990 Geborenen sind leistungsorientiert. Doch bei ihnen muss das Umfeld stimmen. Das Büro wird als Zweitwohnung gesehen, in der man sich wohlfühlen möchte.
„Es wird ein böses Erwachen für Unternehmen geben“, prognostiziert Scholz, „die den potenziellen Mitarbeitern aus der Generation Z stolz ihre innovativen offenen Bürolandschaften präsentieren. Das ist nicht das, was die Generation Z will.“
Die Großraumstruktur bringt Geräuschbelästigung und Ablenkung. Dass man da nur begrenzt Leistung erbringt, bestätigen auch ältere Mitarbeiter, betont der Wissenschaftler. Die ganz jungen Nachwuchskräfte gehen weiter: Sie lehnen diese Struktur offen ab.
„Es ist ein Mythos zu glauben, dass der Mensch als soziales Wesen lieber gern allein zuhause an seinem Schreibtisch sitzt als im Büro.“

Die Präsenzkultur stirbt aus, heißt es immer öfter in Konzernen. „Mir ist egal, wo meine Leute arbeiten, Hauptsache, die Leistung stimmt“, ließ sich unlängst Henkel-Chef Kasper Rorsted zitieren. Auch beim Finanzkonzern W&W ist mobiles Arbeiten eine immer wichtiger werdende Arbeitsform, „mit der wir uns intensiv seit 2012 beschäftigen, um die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben anbieten zu können“, sagt W&W-Personalexpertin Antje Dehnert. Viele talentierte Mitarbeiter, so die Managerin, sind aus der Generation Y, also Anfang der 80er Jahre geboren und sehr offen gegenüber Home-Office und flexiblen Arbeitsformen.

Die Generation Z, also die nach 1990 Geborenen, ist anders. Sie will auch anders arbeiten. Sie ist nicht gegen Home-Office – sie will es aber nur gelegentlich nutzen.
Die Jungen schätzen die Vorteile geregelter Arbeitszeiten – schon allein wegen der Planbarkeit des Privatlebens. „Die Generation Z kennt die Schattenseiten der modernen Arbeitswelt“, sagt Scholz. Studenten und junge Arbeitnehmer sehen in ihrem familiären Umfeld Arbeitsstrukturen, die nicht gesundheitsfördernd sind. Sie wissen: Wenn es egal ist, wann und wo man sein Arbeitspensum erledigt, schafft das nicht nur Freiräume, sondern auch Ausbeutungsgefahren – ob durch sich selbst oder den Arbeitgeber. Wird die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben aufgehoben, betont Scholz, „geschieht dies auch, um mehr Leistung aus den Mitarbeitern zu ziehen“.
„In Bürostrukturen ohne einen festen Schreibtisch entwickeln Mitarbeiter Abwehrstrategien. Es ist wie am Hotelpool: Man kommt früh und blockiert mit seinem Handtuch schon mal einen guten Platz.“
Offene Bürolandschaften mit weniger Arbeitsplätzen als Mitarbeitern liegen im Trend. Adidas in Herzogenaurach plant entsprechend sein neues Bürogebäude, auch die neue Zentrale von Microsoft Deutschland in München setzt auf dieses Konzept. Schon vor einigen Jahren ist die neue IBM-Deutschlandzentrale in Ehningen so gebaut worden. Nicht alles, was im Trend liegt, ist richtig, meint Scholz: „Unternehmen sind wie Lemminge. Sie laufen alle in die falsche Richtung.“ Dem Arbeitsklima ist das nicht immer zuträglich. Wer öfter seinen Rollcontainer an dieselbe Stelle rollt, muss damit rechnen, am nächsten Morgen ein Warndreieck auf dem Platz vorzufinden mit der Aufschrift: Camping verboten, erzählt Scholz. Seine Erfahrung: Die Beschäftigten suchen nach Möglichkeiten, das Bürokonzept zu unterlaufen. Sie kommen früh und blockieren schon mal Arbeitsplätze oder buchen Schreibtische im Computersystem im Voraus.
„Für Mitarbeiter ohne festen Arbeitsplatz hat das auch einen Symbolwert: Ich bin dem Unternehmen nicht mal einen eigenen Schreibtisch wert.“

Mitarbeiter empfinden sich oftmals nur als Kostenfaktor. Auch das Abschaffen kleiner Büros und eigener Schreibtische ist kostengetrieben. Scholz hält dagegen: „Großraumbüros zahlen sich für Unternehmen nicht aus.“ Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die motiviert und konzentriert sind, und nicht solche, die permanent abgelenkt sind, sagt der Wissenschaftler. Und Mitarbeiter brauchen ein Umfeld, in dem sie arbeiten können. Für Scholz steht fest: „Das Geld, das Unternehmen für Quadratmeter einsparen, steht in keiner Relation zu dem Geld, das sie zahlen müssen, um einen unglücklichen Mitarbeiter, der geht, zu ersetzen.“ Arbeit sei für die nach 1990 Geborenen ein wichtiger Teil ihrer Lebenszeit, „die sie produktiv und angenehm verbringen wollen“. Unternehmen sollten wissen, dass die modernen flexiblen Bürolandschaften definitiv nicht dem Wunschbild entsprechen, das die Vertreter dieser Generation vom Arbeitsplatz der Zukunft haben, sagt Scholz.

Bewerten
Wie hat Ihnen der Artikel gefallen? Vielen Dank für Ihre Bewertung!
1 Stern 2 Sterne 3 Sterne 4 Sterne 5 Sterne 5.0
Bietigheim-Bissingen Dürr-Finanzvorstand hört auf

Von red/dpa 30. Juni 2016 - 14:18 Uhr

Der Maschinen- und Anlagenbauer Dürr braucht ab Mai 2017 einen neuen Finanzvorstand. Ralph Heuwing verlässt das Unternehmen, erfüllt aber seinen Vertrag noch bis zum Ende.