Das Plakat, das um Klaus Böhringers Hals baumelt, spricht für sich: "Schwarz-Gelb macht nur Müll" steht darauf. Ein Foto zeigt Kinder, die in einer Landschaft zwischen Fässern stehen, auf denen das Zeichen für Radioaktivität prangt. Mit Fässern hat Klaus Böhringer Erfahrung: Erst vor gut zwei Wochen hat der Welzheimer Rentner mit anderen Atomgegnern 26 Stück vor der Staatskanzlei in Stuttgart abgeladen - "ein Promille der Anzahl, die in Asse lagert".
Dass Böhringer heute von Welzheim nach Waiblingen gekommen ist, hat auch mit seinen sechs Enkeln zu tun: "Für die Kinder soll es noch eine lebenswerte Umwelt geben." Deshalb ist er dem Aufruf des Vereins Campact gefolgt, der gegen längere Laufzeiten von Atomkraftwerken mobil macht und zum lautstarken "Atom-Alarm" aufgerufen hat. Nun steht er mittags um halb zwei mit rund 70 Gleichgesinnten - vom Kindergartenkind bis zum Opa - vor dem Wahlkreisbüro des CDU-Bundestagsabgeordneten Joachim Pfeiffer in der Mayenner Straße und lässt eine Rätsche über seinem ergrauten Kopf kreisen. "Ich weiß, dass Pfeiffer ein glühender Verfechter der Atomenergie ist." Das sieht die 19-jährige Schülerin Nina genau so. Sie besucht das Lessing-Gymnasium in Winnenden und hat in der vergangenen Woche einen Besuch des Abgeordneten erlebt. "Wir konnten Fragen stellen, aber er ist nicht auf uns eingegangen. Atomkraft war auch ein Thema, aber von ihm kamen die immer gleichen Argumente, die meiner Meinung nach alle widerlegbar sind."
Stephan Kober aus Weinstadt übernimmt bei der Aktion die Rolle des Versammlungsleiters. Mit der Zahl der Teilnehmer sei er hochzufrieden, sagt er. "Wir wollen zeigen, dass die Abgeordneten in ihrem Wahlkreis Probleme bekommen, wenn sie sich für verlängerte Laufzeiten aussprechen." Im Gepäck hat Stephan Kober die Broschüre "100 gute Gründe gegen Atomkraft", außerdem die Erklärung "Atomkraft abschalten", die bislang rund 153 000 Menschen unterzeichnet haben. Beides will er Joachim Pfeiffer überreichen, doch der Politiker lässt sich vor dem Büro nicht blicken.
"Ich habe vorab versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen - über seine Büros in Berlin, Waiblingen und Urbach. Aber das ist mir nicht gelungen." So drückt Stephan Kober auf den Klingelknopf des Wahlkreisbüros und unterhält sich durch die Sprechanlage. Die versammelte Truppe schlägt kräftig Alarm - mit Kochlöffeln, Töpfen, Deckeln und Tröten.
Als Stephan Kober kurz vor zwei Uhr erneut klingelt, kommt Richard Fischer, der Kreisgeschäftsführer der CDU, die Treppe herunter. Er nimmt Broschüre und Resolution entgegen und weist darauf hin, dass sich im Gebäude auch eine Kindertagesstätte befinde: "Die schlafen jetzt wohl alle. Der Lärm ist da nicht so passend." "Aber ein zweites Tschernobyl ist passend?", fragt ein Teilnehmer. Stephan Kober bittet indes um einen Applaus für den CDU-Mann. Die Atomkraftgegner klatschen - der Atom-Alarm in Waiblingen ist vorerst zu Ende.