Mit Mühe und Not geradeaus

Von "Bad Cannstatt und Neckarvororte" 

Bad Cannstatt Die Hirths, ein schwäbischer Tüftler und seine beiden Söhne, haben ein Stück deutscherTechnik- und Luftfahrtgeschichte geschrieben und bleibende Spuren hinterlassen. Von Lukas Jenkner

Bad Cannstatt Die Hirths, ein schwäbischer Tüftler und seine beiden Söhne, haben ein Stück deutscherTechnik- und Luftfahrtgeschichte geschrieben und bleibende Spuren hinterlassen. Von Lukas Jenkner

Die Lage ist einigermaßen frustrierend für Hellmuth Hirth im Jahr 1909. Gar zu gern möchte er in die Luft gehen, doch die Technik zieht nicht mit. Mit dem nachgebauten Flugzeug eines französischen Technikpioniers müht sich Hirth ab auf dem Gelände des Cannstatter Wasens, damals ein beliebter Start- und Landeplatz für alle Fliegernarren, doch: "Anfangs stürzte ich mehr, als ich flog, und schließlich kam ich mit Mühe und Not so weit, dass ich geradeaus rollen konnte." Aber Hellmuth Hirth bleibt am Ball und zwei Jahre später gehört er zu den bekanntesten Flugpionieren in Deutschland. Das hatte durchaus familiäre Gründe: Die Hirths haben an der Schwelle des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus einen wichtigen Teil der Technikgeschichte mitgeschrieben, nicht nur für Stuttgart, sondern auch für den Rest des Reiches.

Vieles, was in der noch bis zum Sonntag laufenden Ausstellung "Vom Wasen zum Mars" im Cannstatter Stadtmuseum erzählt wird, ist entlang des Neckars geschehen. Die Ausstellung, vom Planungsstab Stadtmuseum, Manfred Schmid und Olaf Schulze konzipiert, widmet sich den Jahrzehnten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Wasen als einziges größeres Freigelände in Stuttgart zum Tummelplatz vieler flugbewegter Abenteurer wurde. Damit zu tun hatte auch die Industrie, die sich entlang des Neckars entwickelte. Da fallen meist die Namen Daimler und Bosch, andere sind heute nur noch Fachleuten ein Begriff.

Der Senior Albert Hirth zum Beispiel, 1858 in Heimsheim geboren, hatte kaum eine andere Chance, als zum Prototypen des schwäbischen Tüftlers und Erfinders zu werden. Dessen Vater galt bereits als Mühlendoktor, und als Jugendlicher ersann Sohn Albert zum Beispiel einen Apparat zum Abwickeln von Wollsträngen sowie eine Vorrichtung zum Schneiden von Nudelteig. Am Ende eines erfüllten Lebens im Jahr 1935 hatte Albert Hirth viele Jahre in Stuttgart als Unternehmer gewirkt und 350 Patente angemeldet. Dazu zählte der so genannte Hirth-Minimeter, mit dem Kugellagerschleifspindeln auf hundertstel Millimeter genau gefertigt werden konnten und von dem Robert Bosch einmal sagte, erst durch dieses Instrument sei die schnelle Massenfertigung von Präzisionsteilen möglich geworden.

Nicht minder munter sind Albert Hirths Söhne Hellmuth und Wolf gewesen. Hellmuth fuhr bereits mit zwölf Jahren ein Motorrad und nahm mit 17 eine Stellung bei der Singer-Nähmaschinenfabrik an. Zwischendurch arbeitete er im Labor von Thomas Alva Edison, 1904 kehrte er nach Stuttgart zurück, um bald darauf die Leitung eines der Werke seines Vaters in England zu übernehmen. 1911 schließlich, nach seinen eher unbefriedigenden Anfängen als Flieger auf dem Cannstatter Wasen, erwarb er das deutsche Flugzeugführerpatent Nr. 79. Im Jahr 1912 gewann er alle größeren Flugwettbewerbe und schraubte den Höhenweltrekord auf 4420 Meter.

Im selben Jahr wechselte Hirth zu den Albatroswerken bei Berlin, wo er einen Freund, den Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel, verpflichtete, den Gründer der späteren gleichnamigen Flugzeugwerke. Heinkel hatte übrigens seine eigenen Erfahrungen mit dem Fliegen auf und über dem Wasen: Im Juli 1911 stürzte er mit seinem Flugzeug ab. Die Maschine geriet Brand und Heinkel wurde gerade noch gerettet. Allerdings hatte er einen Schädelbasisbruch und zahlreiche Blutergüsse erlitten.

Hellmuths 14 Jahre jüngerer Bruder Wolf hatte da seine große Zeit noch vor sich. Er saß zwar beim großen Bruder mit im Flugzeug und gründete 1914 den Aero-Modellclub mit. Es dauerte allerdings bis nach dem Ersten Weltkrieg, bis Wolf selbst in die Luft ging. Alsbald verunglückte er jedoch infolge eines technischen Defektes und lag mehrere Monate im Krankenhaus. 1925 ereilte ihn ein weiterer Schicksalschlag: Unterwegs mit einem Motorrad nebst Beiwagen, um bei Bosch eine Lichtmaschine abzuholen, streifte er das Trittbrett einer Straßenbahn. Nach dem Unfall musste ihm sein linkes Bein über dem Knie amputiert werden. Doch Wolf Hirth flog und fuhr weiter, unter anderem über den Hudson River in New York und auf einem Motorradrennen auf dem Berliner Avus, mit einer Holzprothese am Bein.

Aber die Brüder Hirth haben natürlich nicht nur mit technischem Gerät allerlei Unsinn angestellt und dabei gelegentlich fast ihr Leben gelassen. Hellmuth Hirth gründete mit Hermann Mahle in Stuttgart im Jahr 1920 das Unternehmen Elektronmetall, das Motorkolben, Flugzeugbremsräder sowie Luft- und Ölfilter herstellte und bis heute im Mahle-Konzern weiterlebt. Spuren hinterlassen hat auch Wolf Hirth: Weil nach dem Ersten Weltkrieg die motorisierte Fliegerei in Deutschland zunächst verboten war, verlegte sich Wolf auf den Segelflug. 1935 unterstützte er seinen Freund Martin Schempp bei der Gründung der Firma "Sportflugzeugbau Göppingen", 1938 trat er als Teilhaber ein in die umbenannte Sportflugzeugbau Schempp-Hirth. Im selben Jahr zog die Firma nach Kirchheim/Teck um, wo sie heute noch steht und Segelflieger fertigt.

Die Leidenschaft für das Fliegen bestimmte das Leben der Männer bis zum Ende: Hellmuth Hirth starb 1938 an den Folgen eines Leberrisses, den er sich im Ersten Weltkrieg bei einem Flugzeugabsturz zugezogen hatte. Wolf Hirth wiederum erlitt 1959 während eines Segelflugs einen Herzinfarkt und stürzte ab. Das Erbe der Hirths indes lebt fort.

Ausstellung Die vom Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart erstellte Ausstellung "Vom

Wasen zum Mars", ist noch bis zum Sonntag, 26. September, im Stadtmuseum Bad Cannstatt, Marktstraße 71/1, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Samstag 10 bis 13 und Sonntag 12 bis 18 Uhr. Die Cannstatter SPD hat für heute, Freitag, 24. September, eine Sonderführung organisiert. Der Beginn ist um 16 Uhr,

die Führung kostet drei Euro.

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