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Mit 100000 Lastwagen quer durch den Kreis

"Strohgäu Extra", vom 15.05.2010 04:30 Uhr
Kreis Böblingen Kommen Millionen Tonnen Aushub von Stuttgart 21 nach Hirsau? Nachbargemeinden schlagen Alarm. Von Stefan Bolz

Die alte Mülldeponie Fuchsklinge/Tälesbach bei Hirsau ist ein Sorgenkind. Bis in die siebziger Jahre hinein wurde hier zum Teil giftiger Abfall in die Landschaft gekippt. Nun drohen die steilen Müllberge ins Rutschen zu kommen. Mit womöglich katastrophalen Folgen: Der Dreck könnte in dem engen Taleinschnitt den Tälesbach blockieren, der dann unkontrolliert Giftstoffe auswaschen und in die Nagold transportieren würde.

Um dies zu verhindern, soll die Fuchsklinge für acht bis elf Millionen Euro saniert werden. Der Plan des Planungsbüros Arcadis sieht vor, die rutschenden Hänge mit Erde zu stabilisieren - mit viele Erde: Bis zu 1,2 Millionen Kubikmeter, so die Planer, müssen in den kommenden Jahren in dem Seitental oberhalb des Luftkurortes Hirsau verbaut werden.

Bei solchen Zahlen wird man in Stuttgart hellhörig. Denn dort fällt wegen des Bauprojektes "Stuttgart 21" eine gewaltige Menge Aushub an. Zwar behauptet die Bahn AG in ihrer Stuttgart 21-Werbung im Turm des Hauptbahnhofes, dass der Großteil dieser Erdmassen über die Schiene entsorgt wird. Doch eine Vorlage der Calwer Stadtverwaltung vom 1. Dezember 2009 an den Bau- und Umweltausschuss in Sachen Deponiesanierung lässt aufhorchen. "Der Antransport des Füllmaterials erfolgt über die Straße", steht dort lapidar zu lesen. Nach Angaben der Bahn sei der Transport per Schiene zu teuer.

Was das bedeutet, hat der Bürgermeister von Althengstett, Clemens Götz, ausgerechnet. "Bei 20 Tonnen Aushub pro Lastwagen sind das 60 000 Lastwagenladungen. Wir rechnen sogar eher mit 100 000 Ladungen in einem Zeitraum von zehn Jahren", macht Götz die Dimension deutlich. Lastwagen wohlgemerkt, die voll hin- und leer wieder zurückfahren, was die Lärm- und Abgasbelastung für die Anwohner entlang der Transportstrecke verdoppelt.

Dieses Szenario hat inzwischen die Bürgermeister der Nachbargemeinden von Calw und Hirsau auf die Barrikaden gebracht. Und im Kreis Böblingen mehrt sich ebenfalls das Stirnrunzeln. Denn auch wenn es noch keine genauen Pläne gibt - zwischen der Stuttgart 21-Baustelle und der Deponie Fuchsklinge liegt der Altkreis Leonberg, und die kürzeste Verbindung wäre die Bundesstraße 295.

Dabei gäbe es Alternativen, betont Hans Joachim-Knupfer. Der Sprecher des Vereins Württembergische Schwarzwaldbahn (WSB) hält den Transport per Bahn für möglich und wünschenswert. "Würde die bestehende Nagoldtalbahn genutzt, dann würden ein bis zwei Güterzugpaare am Tag genügen", sagt der WSB-Sprecher. Dazu müsste lediglich der alte Anschluss hinauf zur Fuchsklinge im Bahnhof von Calw wieder reaktiviert und vier Kilometer Schiene müsste man provisorisch sanieren.

Eigentlich wäre das wohl kein Problem, wäre da nicht der enorme Kostendruck von Stuttgart 21. Die Bahn selbst geht davon aus, dass der Transport per Schiene teurer wäre als der per Lastwagen. Eine Milchmädchenrechnung, schimpft Althengstetts Bürgermeister. "Die bisher dargelegten Pauschalwerte gelten vielleicht, wenn ich wie beim Autobahnbau in Leonberg erst den Aushub auf den Lkw laden muss, dann zu einem Bahnhof fahren und ihn dort wieder auf Güterwagen umladen", argumentiert Clemens Götz. Bei Stuttgart 21 habe man das Material aber bereits auf der Schiene. "Mich ärgert gewaltig, dass hier bisher keine Zahlen vorgelegt werden, die belegen, warum der Transport auf der Schiene nicht möglich sein soll", wirft der Verwaltungschef der Bahn AG vor.

Götz vermutet, dass bei der Bahn verschiedene Unternehmensteile nur auf ihre eigenen Bilanzzahlen schauen, statt eine Gesamtrechnung aufzumachen. So stehen für die Reaktivierung des Gleises von Calw zur Deponie Fuchsklinge Kosten von einer Million Euro im Raum. "Die für den Straßentransport vorgesehene Waldstraße von Althengstett nach Hirsau müsste für eine ähnliche Summe ertüchtigt werden, um den vielen Lastwagen stand zu halten. Aber das zahlt nicht die Bahn", merkt der Bürgermeister kritisch an. Hans Joachim Knupfer vermutet sogar, dass die Bahn darauf aus ist, Geld zu sparen, wenn sie Aushub aus Stuttgart nach Hirsau statt wie ursprünglich vorgesehen nach Thüringen bringt. "Dann wären die Transportkosten niedriger", sagt der WSB-Sprecher.

Um belastbare Zahlen zu bekommen, haben die betroffenen Kommunen im Kreis Calw bei einem Ingenieurbüro eine Vergleichsuntersuchung in Auftrag gegeben, welche die tatsächlichen Kosten von Lastwagen- und Bahntransport darstellt. Bis Ende Juni sollen die Daten vorliegen. Inzwischen formiert sich auch der Widerstand: Der Gemeinderat von Althengstett droht damit, die Waldstraße zu "entwidmen", um damit den Lastwagenverkehr zu unterbinden. Und auf Betreiben der SPD-Kreisrätin Saskia Esken gründet sich gerade eine Bürgerinitiative, die die Bahn unter Druck setzen will. Ihr wollen sich prominente Köpfe aus allen Parteien anschließen. Und auch Unterstützung aus dem Kreis Böblingen wäre gern gesehen.

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