Messerattacke in Ludwigsburg Mordanschlag auf einen Zeugen im Bandenkrieg

Von Wolf-Dieter Obst 

Wie bei West Side Story: Immer wieder wird die Polizei wegen Straßenbanden auf den Plan gerufen. Foto: 7aktuell/ Oskar Eyb
Wie bei West Side Story: Immer wieder wird die Polizei wegen Straßenbanden auf den Plan gerufen.Foto: 7aktuell/ Oskar Eyb

Seit Monaten liefern sich Bandenmitglieder der sogenannten Stuttgarter Kurden und der überwiegend nationaltürkischen Osmanen Germania heftige Scharmützel. Während einer dieser Auseinandersetzungen derzeit in einem Prozess am Stuttgarter Landgericht aufgearbeitet wird, gab es einen Anschlag auf einen Zeugen. Ein Signal der Einschüchterung?

Ludwigsburg/Stuttgart - Der Bandenkrieg zwischen kurdischen und türkischen Straßengangs wird immer heftiger: Wie das Landeskriminalamt am Donnerstag mitteilte, ist ein Autofahrer auf der mehrspurigen Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg von einem Unbekannten mit einem Messer angegriffen und verletzt worden. Das Besondere dabei: Das Opfer ist ein Zeuge in dem derzeit laufenden Prozess um einen Bandenkrieg zwischen den Straßengangs der sogenannten Stuttgarter Kurden und der nationaltürkischen Gruppierung Osmanen Germania im Stuttgarter Landgericht.

Der Mordanschlag könnte als Eskalation in der seit Monaten andauernden Fehde der Straßenbanden im Raum Ludwigsburg und Stuttgart gewertet werden. Nicht mehr nur Bandenmitglieder geraten in Prügelattacken, Brandanschläge und Schussabgaben – auch wer als Unbeteiligter gegen eine der Gruppen aussagt, droht von den Banden kaltgestellt zu werden.

Angriff auf einer belebten Kreuzung

Der Vorfall selbst ist allerdings rätselhaft. Er soll sich bereits am Mittwoch gegen 10 Uhr auf der mehrspurigen Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg abgespielt haben. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei war das Opfer in einem Auto stadteinwärts unterwegs und wollte nach links in die Rheinlandstraße abbiegen, um zum Einkaufszentrum Kaufland zu gelangen. Wegen Gegenverkehrs musste der Fahrer allerdings an dieser fünfspurigen Stelle warten.

Dann geht alles blitzschnell. Wie aus dem Nichts taucht ein Mann auf, der zunächst die Fahrertür zu öffnen versucht. Die Tür ist aber automatisch verriegelt. Der Autofahrer kurbelt die Seitenscheibe herunter – womöglich, um den Unbekannten zur Rede zu stellen. „Daraufhin versuchte der maskierte Täter sofort das Opfer in den Hals zu stechen“, sagt Ulrich Heffner, Sprecher des Landeskriminalamts. Der Angegriffene habe den Stich aber abwehren können und eine Verletzung an der Hand erlitten. Der Attentäter flüchtete.

Ermittler suchen Zeugen der Attacke

Über den Tatort selbst herrscht bei der Polizei Rätselraten: „Wir können nicht sagen, ob der Täter dort auf sein Opfer gewartet hat oder als Verfolger im Auto dahinter eine günstige Gelegenheit nutzen wollte“, sagt LKA-Sprecher Heffner. Dass es am Mittwoch gegen 10 Uhr keine Zeugen des Vorfalls gegeben haben soll, können sich die Beamten nicht vorstellen. Wer im Umfeld des Kaufland Verdächtiges beobachtet hat, wird gebeten, sich über die Telefonnummer 07 11/54 01- 33 33 beim Landeskriminalamt zu melden. Das LKA arbeitet mit den Polizeipräsidien Stuttgart und Ludwigsburg sowie mit der Bundespolizei zur Aufklärung der Straftaten durch rockerähnliche Gruppierungen zusammen.

Spuren am Tatort gibt es offenbar keine. Denn der angegriffene Autofahrer fuhr sofort weiter in Richtung Krankenhaus und alarmierte unterwegs per Handy die Polizei.

Über seine Identität machen die Behörden keine Angaben: „Wir wollen ihn schützen“, sagt Staatsanwalts-Sprecher Jan Holzner, „und ihn für andere nicht identifizierbar machen.“ Dass er in höchster Gefahr schwebe, sei mit dem Vorfall deutlich geworden. Wie zu erfahren war, soll es sich aber weder um einen Angehörigen der kurdischstämmigen Gruppierung, die aus der inzwischen verbotenen Gang Red Legion hervorgegangen ist, noch um ein Mitglied der nationaltürkischen Bande Osmanen Germania handeln. Doch offensichtlich scheint seine Zeugenrolle auf der Seite der Angeklagten wenig Gefallen zu finden.

Stuttgarter Prozess ging dennoch weiter

Der Prozess gegen fünf Angeklagte, die den sogenannten Stuttgarter Kurden beziehungsweise der kurdischstämmigen Gang Bahoz angehören sollen, ist am Donnerstag unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen im Stuttgarter Landgericht fortgesetzt worden. Den vier Männern und einer Frau im Alter von 21 bis 27 Jahren wird vorgeworfen, am 21. April 2016 in Ludwigsburg zwei 25 und 41 Jahre alte Mitglieder der Osmanen auf offener Straße mit Schlag- und Stichwerkzeugen angegriffen zu haben. Offenbar eine Racheaktion, nachdem tags zuvor ein 25-jähriger Kurde in Stuttgart-Stammheim verprügelt worden war. Der Prozess vor der 9. Strafkammer ist bis Juli terminiert.

Seither kam es immer wieder zu Aufmärschen, zu Bedrohungen, Rangeleien, Pöbeleien – und zu Brandanschlägen. Ende November 2016 etwa wurde vor einer Gaststätte in Ludwigsburg der Range Rover des Wirts angezündet, weil sein Lokal als Treffpunkt der Osmanen diente. Anfang Januar fielen in Bietigheim-Bissingen auf offener Straße Schüsse. Verletzt wurde niemand, aber Autos wurden beschädigt. Ermittlungen sind schwierig: Die Beteiligten schweigen – sie wollen das lieber selbst regeln.

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