Donna Leon läuft immer gut. Krimis sind in der Stadtteilbücherei Degerloch besonders gefragt. Deren Leiterin, Annelie Kiner, weiß es ganz genau: Sie und ihre Kolleginnen prüfen, welche Titel regelmäßig ausgeliehen werden. Einmal im Jahr schaut sie in die Bevölkerungsstatistik der Stadt: "Um sicherzugehen, dass wir keinen neuen Bedarf verschlafen."
Die Degerlocher Stadtteilbücherei hat es genau wie die übrigen Zweigstellen der Zentralbibliothek in der Hand, ihren Bestand nach eigenen Vorstellungen zusammenzustellen. Dafür sollen die 17 Bibliotheken in den Ortsteilen auch in Zukunft Zeit und Geld haben. "Es gibt keine Kürzungen, trotz Krise", sagt die Direktorin der Stadtbücherei, Ingrid Bussmann. Sie könnte hinzufügen: Obwohl die Stadt im nächsten Jahr eine neue Zentralbibliothek eröffnet. Hinter dem Hauptbahnhof wird der riesige Glaskubus des koreanischen Stararchitekten Eun Young Yi bis Mitte des nächsten Jahres fertig sein.
Das Medien- und Kulturzentrum soll den Anforderungen des neuen Jahrhunderts gerecht werden. Verkürzt heißt das: Mehr Medienvielfalt, mehr Raum für Veranstaltungen, mehr Erlebniswelt. Die moderne Ausstattung und die aufwendige Architektur kosten die Stadt 79 Millionen Euro. Eine Investition, die Stuttgart allerdings zu anderen Zeiten bei einer anderen Haushaltslage beschlossen hatte. Kein Cent davon wird in den Zweigstellen eingespart, versichert Bussmann: "Weder am Angebot, noch an Personal." Eine Einschätzung, die in den Stadtteilbüchereien Plieningens und Degerlochs geteilt wird. "Wir stellen zum Beispiel unseren Bestand um für die Selbstverbuchungsautomaten," sagt Annelie Kiner. Wann sie genau in ihrer Bücherei stehen werden, weiß sie nicht. Ursula Raabe von der Stadtteilbücherei Plieningen freut sich, dass die moderne Technik ihr noch in diesem Jahr Routinearbeiten ersparen soll. "Dann haben wir mehr Zeit für die Kunden und müssen nicht ständig an der Kasse sitzen."
Lotsen im Wirrwarr der Medien und Informationsquellen, so wünscht sich Ingrid Bussmann die Bibliothekare der Zukunft. Genau wie auch die Büchereien mehr sein sollen als eine Ausleihstation für Medien. Die Direktorin steht vor der Herausforderung, die kleinen Zweigstellen auf dem Weg in diese Zukunft mitzunehmen.
Als die Stadtbücherei von Frankfurt am Main 2006 eine neue Hauptstelle bezog, bemühte sich die Leitung der Bücherei, Bedenken der Zweigstellen vor einem Ausbluten zu zerstreuen, sagt die Pressesprecherin Sabine Prasch. Den Stadtteilbüchereien müsse im Gegenteil vermittelt werden, dass sie von einem modernen und attraktiven Neubau profitieren: "Wenn die Kunden eine hohe Meinung von der Zentralbibliothek haben, kommt das auch bei ihnen an." Annelie Kiner macht sich keine Sorgen, dass ihr in Zukunft die Kunden wegbleiben könnten, weil sie lieber im Glaskubus am Hauptbahnhof ihre Bücher ausleihen. Die neue Zentrale ist ein wenig weiter entfernt als der bisherige Standort Wilhelmspalais. Einigen Kunden ist die Strecke zur neuen Hauptbücherei zu weit, sagt Kiner: "Es gibt immer wieder Leute, die sagen, dass sie in Zukunft nur noch zu uns kommen werden."
Die multimediale Zukunft der Stuttgarter Büchereien wird aber nicht grenzenlos sein. Auch in Zukunft wird es keine Medien zum Herunterladen geben, sagt Ingrid Bussmann: "Das läuft über eine Firma, die von den Urhebern Lizenzen erwirbt. Das Angebot ist beschränkt." Offenbar nicht in den Augen der Frankfurter Bibliotheksbenutzer: "Wir bieten das Herunterladen seit über einem Jahr an und es wird sehr gut angenommen", sagt Sabine Prasch.
In Frankfurt werden die Kunden dazu angehalten, Ausleihe und Kontoführung soweit wie möglich mit dem Internet zu erledigen. Das spart Kosten und entlastet das Personal, sagt Prasch. Ein besonderer Service soll die Kunden von der Onlineleihe überzeugen. "Wir teilen unseren Kunden per Email mit, wenn ein Medium abläuft", sagt Prasch. Auf einen Teil der Mahngebühren müssen die Frankfurter Büchereien seitdem verzichten. In Stuttgart ist die elektronische Leihfristerinnerung nicht angedacht: "Das wäre unfair gegenüber den Kunden, die keine Emailadresse haben", sagt Ingrid Bussmann. Eine Mitarbeiterin der Degerlocher Stadtteilbüchereien gibt eine andere Erklärung: "Das wäre viel zu teuer, jetzt wo so viel Veränderungen anstehen."