Medizinisches Marihuana Kiffende Krieger

Von Melanie Maier 

In einem israelischen Gewächshaus wird medizinisches Marihuana für den Staat angebaut. Foto: EPA
In einem israelischen Gewächshaus wird medizinisches Marihuana für den Staat angebaut.Foto: EPA

Ein neues Gesetz soll den Zugang zu medizinischem Marihuana in Deutschland erleichtern. In Israel greifen bereits viele Patienten zum Joint. Unter ihnen zahlreiche ehemalige Soldaten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Doch nutzt ihnen Cannabis wirklich?

Tiberias/Stuttgart - Wenn die Sonne untergeht, steigen Rauchschwaden auf im Wohnzimmer von Amit und Shimon (Namen geändert). In einem kleinen Kibbuz in der Nähe des Sees Genezareth sitzen die zwei Brüder auf dem Sofa. Ihre Köpfe sind nur knapp einen Meter von dem flackernden Flachbildschirm entfernt. Kriegsspiele auf der Playstation, Bier und Whiskey in den Gläsern, auf dem Rand des Aschenbechers ein halb ausgerauchter Joint – die Szenerie wiederholt sich fast jeden Abend. Der schwere, süßliche Geruch des Cannabis hängt längst in den vergilbten Sofas, den Vorhängen, den Teppichen, den Kleidern.

„Abends, wenn nichts mehr zu tun ist, ist es am schlimmsten“, sagt Shimon, mit 34 Jahren der jüngere der beiden Brüder. Abends kommen die Erinnerungen wieder hoch, steigen auf wie die filigranen Säulen aus verglühtem Marihuana in der Wohnung. Im zweiten Libanonkrieg kämpften Amit und Shimon auf der israelischen Seite. Sie waren Fußsoldaten, als sich Israel und die Schiitenmiliz Hisbollah vom 12. Juli bis zum 14. August 2006 im Südlibanon bekriegten.

„Ich habe Menschen erschossen“, erinnert sich Shimon. „Die Situation war einfach so: Sie oder ich. Jemand musste sterben.“ Damals, im Gefecht, fiel dem schlanken Israeli mit dem kupferroten Haar die Entscheidung denkbar einfach. Heute quält ihn die Rückschau auf die Ereignisse, genau wie seinen Bruder. Das Cannabis soll diese Gedanken unterdrücken.

Neun Prozent der israelischen Bevölkerung leiden unter PTBS

Dass Marihuana die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) lindern könnte, haben in der Vergangenheit bereits mehrere Studien nahegelegt. Die meisten von ihnen wurden in Israel durchgeführt – aus zwei Gründen: Seit der Staatsgründung im Jahr 1948 lassen Kriege sowie Anschläge der islamistischen Terrororganisation Hamas immer wieder traumatisierte Menschen zurück. Das umkämpfte Land im Nahen Osten kommt nicht umhin, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Rund neun Prozent der Bevölkerung leiden nach Angaben der Ärzteorganisation „Israelische Medizinische Gesellschaft“ unter PTBS. Bei Risikogruppen wie Soldaten liegt der Anteil noch höher.

Zudem nahm die Cannabis-Forschung in Israel ihren Anfang: Raphael Mechoulam, Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, gilt als Vater der Erforschung der Cannabinoide Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Dafür erhielt er im Jahr 2000 den renommierten Israel-Preis, die höchste Auszeichnung des Staates. Von der heilenden Wirkung der Cannabinoide ist der Wissenschaftler überzeugt. „An Mäusen durchgeführte Studien haben erwiesen, dass Cannabis die Entwicklung neurologischer Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose aufhalten kann“, sagt Mechoulam in dem Dokumentarfilm „Prescribed Grass“(„Verordnetes Gras“). Abschließende Studien dazu existieren jedoch nicht.

600 Deutsche beziehen medizinisches Marihuana – es könnten bis zu 80 000 werden

Medizinisches Marihuana ist seit Anfang der 90er Jahre erlaubt in Israel. Rund 23 000 Menschen nutzen die Ausnahmeregelung des Gesundheitsministeriums. Seit 2005 existiert eine ähnliche Regelung auch in Deutschland. Hierzulande besitzen aber erst 581 Menschen eine Lizenz für den Konsum. In Baden-Württemberg sind es 100 – darunter auch PTBS-Patienten, sagt Marlene Mortler (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, unserer Zeitung.

Die Anzahl der Patienten, die diese Art von Behandlung in Anspruch nehmen, könnte in Kürze jedoch stark steigen: Bereits 2015 brachte Mortler einen Gesetzesentwurf auf den Weg, der es den Krankenkassen ermöglichen soll, die Kosten für medizinisches Marihuana zu übernehmen. Derzeit müssen die Patienten Marihuana aus der Apotheke noch selbst bezahlen. Bei einem Kaufpreis von bis zu 18 Euro pro Gramm können sich das viele nicht leisten: Liegt der Tagesbedarf zum Beispiel bei einem Gramm, betragen die Kosten monatlich bis zu 540 Euro.

Sollte die Regierung das Gesetz umsetzen, könnte die Anzahl der Lizenzinhaber nach Schätzungen verschiedener Organisationen auf bis zu 80 000 steigen. Bei Landwirten stößt der Plan wahrscheinlich deshalb schon jetzt auf Interesse. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zufolge haben sich bereits ein Dutzend Landwirte um den Anbau beworben. Eine vollständige Legalisierung von Marihuana ist in Deutschland in naher Zukunft allerdings nicht vorgesehen, sagt Mortler. „Aus gesundheitlicher Sicht wäre das nicht zu verantworten.“ Die Freigabe, sagt sie, wäre ein falsches Signal, da vor allem für junge Menschen Gesundheitsrisiken durch den Konsum bestünden.

Zehn Prozent der regelmäßigen Konsumenten sollen abhängig sein

In Deutschland verwenden jährlich mehr als drei Millionen Menschen Cannabis. Von ihnen sollen rund 600 000 vorwiegend junge Menschen Konsumprobleme haben. Zehn Prozent aller regelmäßigen Konsumenten sollen abhängig sein. Bei jungen Rauchern liegt das Risiko, abhängig zu werden, zudem um das Sechsfache höher.

„Die Konsumenten und Befürworter von Cannabis verharmlosen die gesundheitsschädlichen Effekte und verbreitenvermeintliche Fakten über die heilsameWirkung der Droge, die wissenschaftlich nicht ausreichend belegt sind“, sagt denn auch Berthold Jany, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) am Rande des 57. Kongresses der DGP in Leipzig. Die Datenlage zu einem therapeutischen Nutzen von Cannabis sei noch zu gering: „Es fehlen systematische, qualitativ hochwertige Untersuchungen, die eine positive Wirkung belegen“, so Jany.

Chaim Levi (Name geändert) dagegen ist dankbar für die entgegenkommende Handhabung seiner Regierung. „Mein Freund Shlomo kämpfte während des Jom-Kippur-Kriegs 1973 auf den Golan-Höhen“, sagt der 55-jährige Israeli. „Er zog mit 23 Freunden in den Krieg – und kam als Einziger zurück.“ Mit einem Joint in der Hand sitzt Levi auf der Veranda. Sein Haus liegt acht Kilometer Luftlinie entfernt vom Gazastreifen. Dort kann man auch zu Friedenszeiten ein- bis zweimal pro Woche Granaten fallen hören. Für den Moment jedoch scheint alles friedlich: Die Sonne scheint, in der Hängematte neben Levi döst eine schwarze Katze.

„Shlomos Freunde fielen alle in den ersten 48 Stunden“, sagt er mit ruhiger Stimme und nimmt einen Zug. „Shlomo kam damit nicht zurecht. Seitdem bekommt er medizinisches Marihuana – ab und zu bringt er mir etwas vorbei.“ Auch Levi kämpfte in der Armee, im ersten Libanonkrieg 1982. „Du schießt auf alles, was sich bewegt, weil du Angst hast“, erinnert er sich. „Manchmal kamen wir in ein Haus, in dem noch warmer Reis auf dem Herd stand – die Menschen, die dort gelebt hatten, waren eben erst geflohen. Ihr Hab und Gut ließen sie einfach hinter sich.“

Rund 40 israelische Soldaten nehmen sich jährlich das Leben

Es sind Erlebnisse wie diese, wegen der sich auch heute noch rund 40 Soldaten pro Jahr in Israel das Leben nehmen. Und obwohl die Zahl derer, die nach einem Einsatz Hilfe suchen, zunimmt, wenden sich immer noch nicht alle mit PTBS oder einer anderen psychischen Erkrankung an einen Arzt oder ein Krankenhaus. Eine mögliche Erklärung: „Der israelische Soldat gilt als Symbol der Stärke. Deshalb fürchten sich viele Soldaten vor dem Stigma, das mit der Suche nach emotionaler Hilfe verbunden ist“, schreiben die Betreiber der 24-Stunden-Hotline „Eran“ auf ihrer Webseite.

Auch medizinisches Marihuana ist noch immer mit vielen Stigmata belastet, sagt der israelische Psychoanalytiker Ofer Grosbard. „Dabei wissen wir, dass es PTBS-Patienten helfen kann: Sie fühlen sich häufig weniger angespannt und können besser schlafen. Manche behaupten sogar, es habe ihr Leben verändert.“ PTBS-Erkrankten empfiehlt Grosbard dennoch, es zunächst mit einer Therapie zu versuchen. „Cannabis hat auch negative Seiten“, sagt er. „Es sollte stets nur der letzte Ausweg sein.“

Im Kibbuz, in einer virtuellen Feuerpause, zieht Amit an dem noch glimmenden Joint, nimmt einen Schluck Whiskey. Durch die geöffneten Fenster dringt warme Luft und Grillenzirpen. „Früher, bei der Musterung, wurde man noch gefragt, ob man Marihuana raucht“, erinnert sich der 36-Jährige. „Heute erkundigt sich niemand mehr danach – jeder weiß, dass wir das brauchen, um runterzukommen.“ Er zieht noch einmal, reicht den Joint dann seinem Bruder. „Der Krieg macht einen völlig fertig“, stimmt Shimon ihm zu. „Jeder, der in der Armee war, kifft.“

 

Info: Medizinisches Marihuana in Israel

Medizinisches Marihuana ist seit den 1990er Jahren erlaubt in Israel. 2009 nutzten rund 1800 Menschen die Regelung des Gesundheitsministeriums – Krebskranke und Parkinsonpatienten ebenso wie Menschen mit multipler Sklerose (MS) oder PTBS. 2016 sind es fast 23 000 Patienten.

Dabei ist es alles andere als leicht, an eine der begehrten Lizenzen zu kommen: Neben einer ärztlichen Empfehlung muss der Antragsteller nachweisen, dass andere Medikamente keinen Erfolg zeigten – die Behandlung mit Cannabis soll stets der letztmögliche Ausweg sein.

Ist die Medikation genehmigt, erhält der Patient die ihm verschriebene Menge an Cannabis – in loser Form, als vorgedrehten Joint, Cannabis-Öl oder Marihuana-Keks.

Die Kosten liegen bei monatlich rund 85 Euro (370 israelische Schekel) – ganz gleich, wie viel Gramm ein Patient bezieht. Ein Preis, der weit unter dem des Schwarzmarkts liegt: Dort kostet bereits ein Gramm etwa 200 israelische Schekel (rund 46 Euro).

 

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