Maschinenbau Von der Provinz hinaus in die ganze Welt

Von Walther Rosenberger 

Maschinenbau-Präsident Reinhold Festge: Der Konjunkturmotor stottert Foto: Horst Rudel
Maschinenbau-Präsident Reinhold Festge: Der Konjunkturmotor stottertFoto: Horst Rudel

Nach seinem fulminanten Aufstieg nach der Finanzkrise bekommt der Maschinenbau zusehends Gegenwind. Politische Krisen bremsen die deutsche Vorzeigebranche aus.

Stuttgart - Reinhold Festges Idee von erfolgreichem Unternehmertum lässt sich am besten mit ein bisschen Physik beschreiben: Man nehme einen Stein und lasse ihn senkrecht ins Wasser fallen. Von einem kleinen Punkt breiten sich konzentrische Kreise dann rasch überallhin aus.

Reinhold Festges Zentrum liegt in Oelde, einer 30 000-Seelen-Gemeinde tief im Münsterland. Nicht so recht bei Dortmund, nicht so recht bei Hannover, sondern einfach irgendwo im Nirgendwo. Dort hat Festge, der heute Präsident des einflussreichen Maschinenbauerverbands VDMA ist, seine Firma Haver & Boecker. Seit er im Jahr 1980 bei dem Baustoff- und Drahtanlagenspezialisten eingetreten ist, haben sich konzentrische Kreise schnell um das kleine Oelde und seinen Vorzeigebetrieb gebildet. 50 Tochtergesellschaften und 150 Vertretungen hat das Unternehmen mittlerweile in der ganzen Welt.

„Mit der Konjunktur ist es wie mit einer Welle“, sagt Festge beim Redaktionsbesuch unserer Zeitung. „Sie läuft um die ganze Welt. Wenn ein Markt gesättigt ist und die Nachfrage nachlässt, zieht sie weiter, und dann läuft es anderswo gut.“ Der Kniff sei, überall präsent zu sein. Dann könne man Schwierigkeiten in einzelnen Märkten „einfach wegpuffern“. „Vielfüßigkeit“ nennt der 70 Jahre alte Firmenpatriarch diese Strategie, mit der er seine Firma zum Hunderte Millionen Euro starken Technologieführer in einer sonst eher von Milchkühen und fetten Weiden geprägten Ecke Deutschlands gemacht hat.

Die Erfolgsgeschichte von Haver & Boecker und seinem umtriebigen Chef und Mitinhaber steht aber auch stellvertretend für den ganzen deutschen Maschinenbau. Wohl ­keine der klassischen Industriebranchen der Republik ist derart international vernetzt. Kaum eines der renommierten Unternehmen exportiert weniger als die Hälfte seiner Produktion. Der Branchendurchschnitt liegt irgendwo bei mehr als 75 Prozent. Außerdem steht keine andere Branche so für Qualität, Verlässlichkeit und technologisches Vorreitertum wie die ingenieurgetriebenen Maschinenbauer, die mit knapp über einer Million Beschäftigten – 304 000 davon in Baden-Württemberg – sogar die strahlende Automobilwirtschaft um rund ein Drittel übertreffen.

Ohne Maschinenbau, keine Autoindustrie

Wobei Maschinenbau und Autobauer eigentlich eins sind. Ohne Pressen, Fräsen, Drehmaschinen und Laser als „Enabler“ – also als Möglichmacher –, wie Festge es nennt, gäbe es keine Automobile. Ohne Autos keine Nachfrage nach Maschinen, um sie herzustellen. „Wir sind diejenigen, die moderne Industrieproduktion mit unseren Produkten überhaupt erst möglich machen“, sagt ­Festge.

Die Welt hat das über Jahrzehnte auch so gesehen. Egal wo auf dem Globus produziert wurde – der deutsche Mittelstand war meist dabei. Nennenswerte Konkurrenten gab es zwar immer schon, etwa die Japaner, die Italiener, die Schweizer, auch die Franzosen und seit einigen Jahren zunehmend die Südkoreaner und Chinesen. Früher waren auch die USA eine Maschinenbaunation – aber die deutschen Ingenieure hielten sie mit klugen Ideen und immer ausgefeilteren Produkten auf Abstand.

Diese Wohlfühlphase ist Vergangenheit. Längst hat sich China zur größten Maschinenbaunation aufgeschwungen. Zwar produziert das Reich der Mitte in erster Linie für den riesigen Heimatmarkt, aber aufgrund günstiger Preise und akzeptabler Qualität werden die Anlagen auch zunehmend in Schwellenländern nachgefragt, wo sie auf deutsche High-Tech-Produkte treffen, die sich die Kunden dort meist nicht leisten können. Vor einigen Jahren hat der Branchenverband VDMA daher eine Art Alarmruf an seine 3100 Mitgliedsfirmen ausgesandt, nicht nur Hochtechnologie herzustellen, sondern auch den Massenmarkt in den Blick zu nehmen. Gefruchtet hat der Appell nicht. „Billig können wir einfach nicht“, sagt VDMA-Chef Festge heute. Die Ernüchterung ist ihm dabei ins Gesicht geschrieben.

Die USA sind der dominierende Markt, der Iran könnte kommen

Außerdem erwachen schon totgeglaubte Konkurrenten wie die USA wieder zu neuer Stärke. Nach Jahren, in denen die stolze Nation ihre Industrie als Kern der Wertschöpfung vernachlässigt hatte, reindustrialisiert sich das Land wieder.

Für Deutschland und seine Firmen ist das zunächst von Vorteil, weil Ausrüstungsinvestitionen gefragt sind. Wie zum Beweis ­haben die USA gerade China als größten deutschen Maschinen-Exportmarkt abgelöst. Anlagen im Wert von 16,8 Milliarden Euro sind 2015 nach Übersee ausgeführt worden. Nach China, dessen Wirtschaftswachstum sich abschwächt, waren es etwa 16 Milliarden Euro. Aber in den USA wachsen auch neue Konkurrenten heran, die den deutschen Firmen irgendwann gefährlich werden könnten. Und in Russland liegt das Geschäft seit dem EU-Embargo infolge der Ukraine-Krise darnieder.

Mit nur gespielter Gelassenheit schielt die Branche daher auf Chancen, die sich auftun. Etwa im Iran. Vor Beginn der islamischen Revolution 1979 war das Perserreich der zweitwichtigste Absatzmarkt der Deutschen. 1,5 Milliarden Euro ließen sich nun mittelfristig im Iran wieder verdienen, schätzt man heute im VDMA. „Wir haben da immer noch ein Superimage“, sagt Festge. Der Markt müsse allerdings erst wieder in Tritt kommen. Im Moment hapert es an so banalen Dingen wie Banküberweisungen, die noch viel zu kompliziert ablaufen.

Wie können Flüchtlinge integriert werden?

Solche kleinen Details, die trotzdem das Potenzial haben, das große Ganze auszubremsen, fuchsen Festge. Handelsbarrieren und Protektionismus, die große Warenströme austrocknen, sind ihm ein Gräuel – egal ob Präsidentschaftsbewerber Donald Trump in den USA davon schwadroniert oder in der EU aufgrund der Flüchtlingskrise ähnliche Ideen auf den Tisch kommen. „Wenn wir uns abschotten, werden wir alle verlieren“, ist sich Festge sicher.

Gleichzeitig räumt er aber auch mit der ­Illusion auf, die deutsche Wirtschaft könne einem Großteil der derzeit ins Land strömenden Flüchtlinge eine Perspektive schaffen. Der „bei weitem größten Menge all derer, die kommen“, werde man keinen Job bereitstellen können, sagt er. Das Qualifikationsniveau der Migranten sei einfach nicht ausreichend. Vieles bei der aktuellen Flüchtlingsdiskussion liege allerdings auf Seiten der Politik im Argen. Die zu schwergängige Bürokratie, die kreative Einzelentscheidungen verhindere, sei eines der Haupthemmnisse für die rasche Integration der Migranten, ist sich Festge sicher.

Ganz aufgegeben hat der leidenschaftliche Motorradfahrer die Hoffnung allerdings nicht. „Wir haben gerade einen Syrer ein­gestellt“, sagt er. „Um mal zu testen, wie es klappt.“

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