Markthalle Stuttgart wird 100 ’s Dorle, der Schiller und die Rossbollen

Eva Funke, 21.01.2014 17:58 Uhr

„Ja, ist denn schon Fasching?“, will ein Mann auf dem Schillerplatz wissen, als er das Dorle sieht. „Noi, i ward auf meine Leit“, sagt die Frau mit dem Strohhut, dem grünen Schurz und den bunten Wollsocken. Ihre „Leit“ sind Touristen, die Marktfrau Dorle „oimol naischmegga“ lässt in ihre Markthalle.

Stuttgart - Dorles Stadtführung auf Schwäbisch ist eine Premiere. Stuttgart-Marketing bietet den Spaziergang durch die Markthalle an, weil die dieses Jahr 100. Geburtstag hat. Nervös? „Noi, des bin i ned“, versichert Sabine Wacker alias Dorle und hakt auf dem Treffpunkt am Schillerplatz seelenruhig auf ihrer Liste die Namen der 18 Teilnehmer ab – alles „Leit“ aus Stuttgart und der Region im besten Schwabenalter. Die meisten Teilnehmer haben die Führung von ihren Kindern geschenkt bekommen – und zwar bereits zu Weihnachten.

Gleich beim Schiller-Denkmal geht es mit Wissenswertem los. Das sei ein echt schwäbisches Denkmal. „Es hat nämlich nix koscht.“ Eine kurze rhetorische Pause lässt den Teilnehmern Zeit für die Frage nach dem Warum. Und Dorle sprudelt los: Ein Freund vom Schiller, der Bertel Thorvaldsen, habe 1839 im Auftrag vom Stuttgarter Liederkranz das Denkmal gemacht. Als es enthüllt wurde, seien die Spender empört gewesen, weil der Schiller gar so grantig guckt. Der Bildhauer habe daraufhin auf seinen Lohn verzichtet, und plötzlich habe der Schiller dem Liederkranz ausgesprochen gut gefallen. Das Metall für die Figur habe man auch gratis bekommen: „Da wurden die Kanonen der besiegten Türken eingeschmolzen.“

Klatsch vom Feinsten

Bevor es in die Markthalle geht, erfährt die Gruppe, was es mit den „Stuagarder Rossbolla“, Pralinen in Form von Pferdeäpfeln, auf sich hat: Im Streit haben sich zwei Marktweiber mit Rossbolla beworfen. Einer flog direkt in die Gosch einer der Frauen und blieb stecken. Ein findiger Stuttgarter Konditor erfand daraufhin die Rossbollen. Warum die Stadtführung „oimal naischmegga“ heißt, wird spätestens klar, als die Tür zur Markthalle aufgeht. „Schmeggat ihr’s? Dann nehmet oimal oi Nas’ voll“, fordert Dorle ihre Gruppe auf. „Der Käsestand“, ertönt es unisono aus der Gruppe. Und da es beim Käsestand auch guten Wein gibt, ­erhalten die schwäbischen Touristen jede Menge Informationen über das Trinkverhalten der Stuttgarter früher und heute: zum Beispiel, dass seit rund 600 Jahren Wein in Stuttgart angebaut wird und ein Küfer geköpft wurde, weil er dem Wein einen Giftstoff zur Geschmacksverbesserung beimischte. Das forderte Tote. „Nur Zutaten wie Honig, Speck und Branntwein durften dem Wein beigemischt werden“, sagt Dorle und stellt fest, dass jeder Stuttgarter früher 800 Liter Wein im Jahr genossen hat. Bei der Hochzeit von Eberhard im Bart hätten die 13.000 Gäste 156.000 Liter Wein getrunken. „Brauchsch koinen Tascherechner. Des sind zwölf Liter pro Kopf“, sagt Dorle, die grundsätzlich jeden duzt. Heute liege der Verbrauch der Stuttgarter pro Kopf bei nur etwa 50 Litern im Jahr. Mit 80 Litern liegen die Remstäler allerdings deutlich drüber.

Weiter geht es von Stand zu Stand. Dorle kennt alle, und sie hat Klatsch vom Feinsten parat. Auch an den Mord im Jahr 2003 erinnert sie sich. „Den Fall hat doch Kommissar Bienzle gelöst“, weiß einer aus der Gruppe und bedauert, dass der „Tatort“-Kommissar von der ARD in Rente geschickt wurde.

Turm der Markthalle hat gleiche Form wie der vom Alten Schloss

Neben Anekdotischem erzählt Dorle auch viel Historisches. Den pädagogischen Anspruch, dass ihre „Leit“ bei der Führung etwas lernen, hat sie. Immerhin ist die 55-Jährige im normalen Leben Lehrerin an einer Grundschule. Neu für die meisten Teilnehmer ist, dass der Architekt der Markthalle, Martin Elsässer, sich am Alten Schloss orientierte: Der Turm der Markthalle hat die gleiche Form wie der vom Alten Schloss. Viele von Dorles Geschichten stehen in keinem Führer. Sie hat sie von den Beschickern selbst, denn seit ihrer Kindheit geht die gebürtige Stuttgarterin in der Markthalle ein und aus.

Führungen macht Sabine Wacker für Stuttgart-Marketing seit 2011. Was aber, wenn sie statt Schwaben einmal Amerikaner, Japaner und Chinesen durch die Markthalle führen soll? Wenn die etwas Deutsch könnten, sei das kein Problem. Dann werde halt weniger geschwäbelt, versichert Sabine Wacker in perfektem Hochdeutsch.

„Vieles habe ich nicht gewusst“, gesteht Daniela Wolf. Die 53-jährige Cannstatterin hat ihrer Mutter Anneliese zusammen mit ihrem Bruder die Führung zum 79. Geburtstag geschenkt. Auch das Geburtstagkind ist begeistert. „Eine so schöne Idee, mich nicht nur zum Kaffeetrinken und Abendessen auszuführen, sondern vorher mit mir noch die Führung zu machen“, freut sie sich.

Und zur Belohnung gibt es nach der gut einstündigen Führung in der Markthalle einen Schnaps und ein Vesper für alle beim Gunther Ludwig. Und der verrät: von wegen nicht nervös vor der Führung. „Schon um sieben Uhr morgens hat mich die Sabine angerufen und verrückt gemacht.“ Das Lampenfieber war überflüssig: Kein einziges Buh war bei ihrer Premiere zu hören, sondern nur Applaus.

 
 
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