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Marienplatz Und die Tierschau flüstert Gaby

Von Thomas Morawitzky 

Michael Gaedt und Michael Schulig sind mit „Menschen, Tierschau, Sensationen“ im Jahr 2012 angekommen.

Stuttgart - Auf ein Neues, im Zirkuszelt, auf dem Marienplatz! Die kleine Tierschau, die gerne auch einmal laut ist, muss dort leise sein, am Donnerstagabend, vor allem gegen 22 Uhr: die Nachbarn sollen und wollen nicht gestört werden. Michael Gaedt macht einen Scherz daraus, in der Zugabe – „Lieber doof sein als Gaby heißen“, dem Hitparaden­kracher der Tierschau, wird an diesem Abend geflüstert, das Publikum geht mit, sehr leise, auch im Refrain.

Die zweite Spielzeit der Tierschau auf dem Marienplatz hat begonnen, am Donnerstagabend war Premiere für „Menschen, Tierschau, Sensationen 2012“ – und die Menschen kamen: fast kein Platz blieb frei, unter der Zirkuskuppel.

Zu sehen und zu bestaunen gab es dort natürlich einiges. Wenn auch nicht wirklich das, was ein Zirkus sonst bietet, denn kein Zirkus ist so schräg, wie die Tierschau. Michael Gaedt und Michael Schulig, die irgendwann in den letzten Jahren ihrer mehr als 30-jährigen Karriere ihres Mitkomödianten Ernst Mantel verlustig gingen, machen weiter, froh und frech und unverdrossen. Und sie bieten in ihrer viel neuen Show, nur Neues – und Altes, das so alt ist, dass man es schon fast vergessen hat.

Eine Wiederholung findet im Sommer 2012 auf dem Marienplatz nicht statt. Es beginnt, natürlich, mit Zirkusmusik. Später kommt seltsamer Jazz dazu, höchst fragwürdige Folklore und das Knattern von bunten Wagen, die Karussell fahren. Man hört eine „Hommage an Jim Knopf im Iron-Maiden-Schweinsgalopp“, wird Zeuge, wie halbwegs Freiwillige Melodien hupen und begegnet Playmobil-Männchen mit Lederfetisch. „Wir hätten uns das gerne erspart“, sagt Gaedt, ganz zu Beginn, „und Ihnen auch“. Aber es hilft nichts: die Tierschau ist Schicksal.

Wie immer werden die Helden des Grotesken umwirbelt von jungen Frauen, die viel schöner und jünger sind als die beiden Michaels. Mit strahlenden Lächeln und manchmal in knappen Bikinis tanzen sie zu russischer oder anderer schräger Musik. 28 Groupies will Schulig, der auch den Rockstar spielt, einmal in nur einer Woche gehabt haben. Gaedt kann’s nicht glauben, und beide beweisen sie sogleich, wie gut sie rechnen können – oder auch nicht.

Es kommt, wie es kommen muss, an diesem Abend: Schulig tritt als der kleinste Riese der Welt, ein Franzose, der deshalb stets ein Baguette unterm Arm mit sich herum trägt. Gaedt, der wohl Deutscher bleibt, entdeckt da plötzlich, dass er Sauerkraut in der Hosentasche hat. Gaedt zaubert Rosen aus Toilettenschüsseln, steckt auch ein wenig den Kopf n die Schüssel hinein, schüttelt sich dann genüsslich in Spritznähe zum Publikum trocken. Ein Pelzmantel schwebt von der Zirkuskuppel in die Manege hinab, und nach ihrem Lied werden die beiden von einer Pelz tragenden Amazone gejagt; Michael Schulig spielt das Theremin und kommt, ganz eingepackt in Gummi, als Seehund Robbie auf die Bühne gekrochen; Und Gaedt dreht sich wieder einmal samt Schlagzeug alle Naturgesetze ignorierend, lustig im Kreis.

Gaedt und Schulig haben großes Vergnügen daran, in ihr altes Material einzutauchen. Die Zusammenstellung aus alten und neuen Albernheiten, Unsinnigkeiten, Verkleidungen und Utensilien erfrischt, sicherlich nicht nur an heißen Tagen. Zur Show gibt es 2012 auch ein sehr buntes Programmheft, das die ganze Geschichte der Tierschau seit ihrer Gründung 1981 in Bildern nacherzählt – viele nostalgische Momente warten darin, außerdem die Entdeckung, dass selbst Michael Gaedt einmal ein dürrer Hering war. Der liebt noch immer Glitzeroutfits, schwimmt im Gummiboot auf den Händen seiner Fans, spaziert auch einmal in amerikanischer Unterwäsche umher, fährt Inliner und tanzt den Limbo unterm Motorsägengeknatter hindurch. Im Publikum meint er alle OB-Kandidaten zu entdecken - auch Berlusconi und Putin begegnen sich in der Manege, die Tänzerinnen tragen weiße Fellmützen und Sonnenbrillen und die Tierschau lehrt ihre Zuschauer, den Sitzpogo zu tanzen.

All dies ist einmal mehr eine Tüte voll von wildem Zeug, von Nummern, Aktionen, Liedern und Charakteren, die so unwahrscheinlich doof sind, dass es an Genialität grenzt, sie wirklich auch aufzuführen. ­Michael Gaedt und Michael Schulig haben den glückselig-dreisten Blick im Gesicht, mit dem so etwas gelingt. Und sie können fabelhaft steppen und musizieren – auch wenn beim finalen „Gaby“ aus dem Saxofon kein Ton herauskommt, sondern ein Feuerwerk.

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