London - „Die Ex-Premierministerin ist eine Ikone, egal, ob man sich nun mit ihrer Politik identifiziert oder nicht“, sagt Kerstin Rodgers, „und ich bin wirklich kein Tory-Fan.“ Jede Betonung politischer Gegnerschaft ist eigentlich überflüssig: Dass Londons ausgeflippte Punk-Köchin schon optisch nicht zu den Konservativen in Westminster passt, wird augenblicklich klar. Ihre Haare hat sie in einem schockierenden Pink gefärbt, passend zum Mini-Rock. Den hebt sie gleich mal hoch, so dass die Fremden einen Blick auf fleischfarbene Stützstrümpfe werfen dürfen – nicht die einzige Hommage an Margaret Thatcher, die Rodgers darbietet. Sie hat eingeladen zum „Tee der Eisernen Lady“ und liegt damit voll im Trend.
Denn die Hassfigur von einst erfährt eine Neubewertung im Königreich, seitdem Hollywood sie in dem heftig umstrittenen Film „Die Eiserne Lady“ porträtiert hat. Am 6. März kommt das Drama um die demenzkranke Thatcher, deren Karriere als Erinnerungsfetzen über die Leinwand flimmert, auch in die deutschen Kinos. Und während Tory-Anhänger bemängeln, dass der Film ihr Lebenswerk gering schätzt, Kritiker andererseits sich über das Unterschlagen der brutalen Nebeneffekte von Thatchers Politik beschweren, ist in Großbritannien ein Denkprozess in Gang gekommen. 22 Jahre nach dem Ende ihrer Amtszeit in der Downing Street ist das Interesse der jüngeren Generation an der Eisernen Lady erwacht.
Kekse mit „Thatcher muss weg“ in Zuckerguss
„Sie hatte eine Vision, und die hat sie trotz erheblicher Widerstände in der Männerwelt durchgesetzt“, sagt Rodgers. „Thatcher war die letzte, echte Überzeugungspolitikerin – heute wollen viele einfach nur ein Amt aus Eitelkeit.“ Die kleine Gruppe in ihrem improvisierten Tee-Salon nickt zustimmend. Die Gäste inszenieren den Tory-Chic der achtziger Jahre mit einer Prise Selbstironie: Mittzwanzigerinnen tragen die Perlenketten ihrer Mütter, knielange Röcke und Strickjacken in Thatchers Lieblingsfarbe: Kobaltblau. Ihre Begleiter erscheinen in tadellosen Anzügen. Neben „Champagner-Sozialisten“ macht Anarcho-Köchin Rodgers – mit einem amüsierten Kreischen – einen echten Tory-Berater unter den Gästen aus. Dass sich Linke und Konservative heute ganz locker über die Frau unterhalten, die die Nation so lange gespalten hat, findet sie „grandios“. In einem Rezeptbuch aus dem Antiquariat hat Rodgers eine Anleitung gefunden, die Thatcher dem Werk einst für einen guten Zweck beigesteuert hat: köstlich, der Orangen-Walnuss-Kuchen, den die Punk-Frau nun duftend aus der Küche trägt. Und Rodgers hat Plätzchen in Handtaschenform gebacken, natürlich auch Kekse mit der Forderung „Thatcher muss weg“ in Zuckerguss.
Ihre Hoffnung, dass jemand als Thatcher-Gegenspieler, etwa als Demonstrant oder arbeitsloser Bergarbeiter, zur Party erscheint, geht zu ihrer Enttäuschung allerdings nicht auf. Dabei hat die Gastgeberin alle Speisen mit Anspielungen gespickt, die den kompromisslosen Wirtschaftsliberalismus jener Ära verulken: Lachs-Schnittchen mit dem Hinweis, dass „arbeitslose Bergarbeiter sich so etwas auf keinen Fall leisten könnten“. Süße Stückchen sind mit essbaren Mini-Milchflaschen garniert – ein Seitenhieb auf Thatchers Einsparung der Schulmilch für Kinder.
Der Tory-Berater unter der Gästeschar macht gute Miene zum Spiel. Für den 30-Jährigen ist Thatcher zwar nur Historie, aber doch eine Heldin: „Großbritannien war in den Siebzigern der arme Mann Europas, nach ihrer Amtszeit nicht mehr.“ Die Tochter eines Lebensmittelhändlers habe Klassenschranken überwunden und die Wirtschaft „trotz vieler Fehler“ zum Besseren reformiert. „Dass Labour ihre Politik nicht zurückgedreht hat, ist doch ein Zeugnis ihres Erfolges“, sagt er. Erst letztens sei ihm aufgefallen, dass Thatcher im Jahr 1988 als erste Regierungschefin der Welt den Klimawandel thematisiert habe. „Der Film macht sie vielleicht zum Kultstar, aber ich wäre heute auch hier, wenn es ihn nicht gäbe“, betont er.
„Es ist geschmacklos, ihre Demenz auszuschlachten“
Kaum ein Gast beim Thatcher-Tee ist von der Hollywood-Verfilmung überzeugt. „Es ist einfach geschmacklos, ihre Demenz auszuschlachten, ohne dass sie sich wehren kann“, ergreift Rodgers für eine Frau Partei, mit der sie fast nichts gemeinsam hat. Dass sie mit ihrer Meinung mal ganz mit den Torys übereinstimmt, hätte sie sich wohl nie träumen lassen. Aber so ist es eben: Man fühlt auf der Insel, dass die Staatschefin womöglich oft unfair kritisiert wurde. „Sie zieht nur deshalb so viel Hass auf sich, weil sie als Frau Grenzen überschritt“, findet Rodgers – und zieht einen Vergleich: „Ronald Reagan, der die gleiche Politik vertrat, gilt heute nicht als Monster, sondern als sympathischer Cowboy.“