Marco Goecke „So ein Angebot schlägt man nicht aus“

Andrea Kachelrieß, 18.09.2012 16:45 Uhr
Marco Goecke, Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts, ist international gefragt. Das Nederlands Dans Theater verpflichtet den Schrittmacher nun für drei Jahre.

Stuttgart - Wenn das Scapino Ballet am 19. September in Ludwigsburg gastiert, stehen für die kleine Kompanie die Zeichen auf Abschied. Marco Goecke, neben Stuttgart auch in Rotterdam als Hauschoreograf engagiert, wechselt zum Nederlands Dans Theater (NDT). Seine Heimat bleibt aber Stuttgart.


Herr Goecke, Glückwunsch, Sie sind neben dem Stuttgarter Ballett nun auch Hauschoreograf des Nederlands Dans Theaters.
Ja, ich habe in Den Haag als Hauschoreograf einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben. Es war nicht so leicht für mich, vom Scapino Ballet in Rotterdam wegzugehen, wo ich in den vergangenen sieben Jahren ja sehr viel gemacht habe.

Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?
Das NDT ist eine Kompanie, die mich in meiner Jugend sehr stark geprägt hat. Ich habe ja in Den Haag an der Akademie studiert und während dieser Zeit viele Stücke von Jirí Kylián, Hans van Manen, Ohad Naharin und anderen gesehen – und es ist eine der bedeutendsten Kompanien der Tanzszene. Der Wechsel hat also sehr viel mit mir zu tun, und natürlich ist es neben der persönlichen Freude auch eine Ehre, für das NDT zu arbeiten. So ein Angebot schlägt man nicht aus. Ich hatte bisher zwei Stücke als Gast für das NDT choreografiert, das letzte ist nun als eine der herausragenden niederländischen Produktionen für den Swan-Tanzpreis nominiert. Nach den Jahren bei Scapino hat es mir sehr viel Spaß gemacht, für das NDT zu arbeiten. Das ist eben auch eine tolle Kompanie.

Die Scapino-Tänzer wirkten in Ihren Stücken aber extrem gut aufgehoben. Das werden sie sicherlich auch beim Gastspiel am 19. September in Ludwigsburg unter Beweis stellen, wenn sie Ihr Stück „Beautiful Freak“ zeigen.
Ja, die Zusammenarbeit mit ihnen hat auch jahrelang sehr gut funktioniert. Ich habe für sie einige meiner Lieblingsstücke gemacht. Aber jetzt gehe ich mit gutem Gewissen. Für beide Kompanien, also für Scapino und das NDT, kann ich leider nicht arbeiten, dazu sind die Niederlande zu klein. Scapino hat für einige Stücke die Rechte, diese weiterhin zu tanzen. Aber für das NDT war es natürlich Bedingung, dass ich in Holland in Zukunft exklusiv für sie arbeite – vorgesehen ist, dass ich mindestens ein Ballett pro Spielzeit für eine der beiden NDT-Kompanien choreografiere.

Ed Wubbe, der künstlerische Leiter des Scapino Ballets, war über Ihre Entscheidung sicherlich nicht glücklich?
Nein, natürlich nicht. Aber diese Veränderung ist für das Scapino Ballet auch eine Chance. Die Kompanie war so stark geprägt von mir, dass es mir fast schon etwas unheimlich war. Einerseits ist meine Arbeit dort sehr präsent, andererseits hatte ich aber nichts zu sagen, weil ich ja nicht der Direktor der Kompanie war. Jetzt kann die Kompanie sich um die Arbeit von Ed Wubbe neu fokussieren.

In Stuttgart, wo Sie weiterhin Hauschoreograf bleiben, hatten Sie sich Ihr Büro im Opernhaus mit Christian Spuck geteilt, der nun in Zürich arbeitet. Wie ist es nach seinem Abschied in Ihrem Kämmerchen – einsam?
Wir haben uns ja in all den Jahren kaum gesehen, weil jeder von uns sehr viel unterwegs war. Nachdem Christian Spuck das Büro geräumt hat, bin ich noch seltener dort. Mir ist es da einfach viel zu langweilig. Aber ich stehe mit ihm in Kontakt wegen verschiedener Projekte in Zürich.

Sie sind nun alleiniger Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts. Spüren Sie mehr Verantwortung? Ändert sich etwas für Sie?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn ich mehr hier sein und mehr für die Kompanie arbeiten könnte, was ich mir manchmal auch wünsche, dann würde sich etwas ändern. Aber es kommen ja auch schon sehr viele jüngere Choreografen nach, die alle etwas tun wollen. Die Kompanie tanzt ein großes Repertoire und neue Stücke anderer Choreografen; da habe ich auf keinen Fall allein die Verantwortung. Auf meine Art präge ich die Kompanie sicherlich schon, aber nur in den Möglichkeiten, die mir gegeben sind – weil hier eben so viel anderes passiert.

Empfinden Sie die jüngeren Choreografen in der Kompanie als Konkurrenz?
Nein (lacht). Ich bin ja eine gute Spur älter und viel zu weit von ihnen entfernt. Die Jüngeren dürften dagegen das Gefühl haben, dass sie ranklotzen müssen.

Mit Vorbildern wie einem Goecke vor Augen wahrscheinlich nicht immer einfach . . .
Stimmt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Mut junge Choreografen aufbringen, das zu tun, was sie tun.

 
 
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