Luftschutz Auf Entdeckungstour in Stuttgarts Bunkern

Von Jan Georg Plavec 

Die Stuttgarter Bunker und Luftschutzstollen sind nicht öffentlich zugänglich – oder nur ganz selten, wie etwa der Marktplatzbunker. Ginge das nicht besser?

Stuttgart - Nach einem Atombombenangriff wären ausgerechnet Wehrdienstverweigerer für den Schutz der Stuttgarter Bevölkerung zuständig gewesen. Sie hätten in der auch als Bunker nutzbaren S-Bahn-Haltestelle Stadtmitte Stahltore heruntergelassen, gekocht, auf den Bahnsteigen Klappbetten aufgestellt. 4500 Menschen hätte diese sogenannte Mehrzweckanlage Schutz bieten sollen.

So erzählt es François Käufer. Der 55-Jährige war einer von zwei Leitern des städtischen Schutzraumbetriebsdienstes, als dieser 2011 aufgelöst wurde. In dieser Funktion inspizierte er mit seinen Zivis regelmäßig Lüftungsanlagen oder Schleusen, die atomare Strahlung draußen halten sollten. Am Rotebühlplatz befindet sich der Eingang zwischen Fahrkartenautomaten. „Wir hatten Spaß bei der Arbeit und ein Dienstauto mit Blaulicht“, erinnert sich Käufer. Das Fahrzeug konnte man ebenso vielfältig einsetzen wie die Schlüssel zu den Bunkern, die glücklicherweise nie im Ernstfall benutzt werden mussten, aber vielleicht für die ein oder andere (nicht angemeldete) unterirdische Party.

Vor genau zehn Jahren haben die Innenminister entschieden, dass eine flächendeckende Bunkerversorgung in Deutschland nicht mehr notwendig ist. In der Folge wurde die sogenannte Zivilschutzbindung auch für die meisten Stuttgarter Bunker aufgehoben. Kaum jemand betritt sie mehr, sie geraten in Vergessenheit.

Sprengen ist keine Option

Was tun mit den Betonbauten? Sprengen ist bei einer Wandstärke von zwei Metern und mehr unmöglich. Bereits 2006 warben Jörg Esefeld und Werner Lorke in ihrem Kunstbuch „Bunkerbiotop“ für eine neue Sichtweise auf den Untergrund. Die Autoren, in ihren Hauptberufen Architekt und Physiker, dokumentieren darin die Geschichte des einst als Hotel genutzten Marktplatzbunkers, den Esefeld und Lorke aber nur noch als Schutzraum für bunte Schimmelpilze vorfanden – und als eine Müllhalde für das ehemalige Hotelinventar. „In Stille und Vergessenheit“ gedeihe dieses Biotop, schrieb Werner Lorke, und zwar „mitten in der Stadt“.

Etwa zur selben Zeit gründeten sich zwei Vereine, die seither der Bunkerstadt Stuttgart auf den Grund gehen: die Forschungsgruppe Untertage und Schutzbauten Stuttgart. Beide Initiativen betreiben Internetseiten mit beachtlichem Informationsgehalt, pflegen mehrere Anlagen, bieten Führungen an, haben Broschüren und Bücher herausgebracht – und das alles auf eigene Kosten. Zwei Dutzend aktive Mitglieder haben die Vereine insgesamt, die so gut wie keinen Austausch pflegen. „Es ist wie beim Sport: Da gibt es eine gewisse Konkurrenz“, erklärt Rolf Zielfleisch von Schutzbauten Stuttgart. Norbert Prothmann von der Forschungsgruppe Untertage will zu dem Thema gar nichts sagen, zumindest nicht öffentlich.

Einig sind sich die beiden Vereine zumindest in der Einschätzung, dass Stuttgart seinen Hoch- und Tiefbunkern, Stollen und Mehrzweckanlagen nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt. Meistens heißt es: Zutritt verboten. Dabei gäbe es viel zu erfahren. Etwa wie unterschiedlich Bunker riechen können: modrig wie der Marienplatzbunker, steril wie das einstige Wohnheim am Pragsattel, nach Kerzenrauch wie der Sektkeller der Weinmanufaktur Untertürkheim oder nach Diesel, der einstmals unter dem Verkehrsübungsplatz im Westen für den Generator eingelagert wurde. Und wer weiß schon, dass Paul Bonatz in Stuttgart Bunker geplant oder deren Verkleidung entworfen hat?

Ein Betonklotz am Bein der Verwaltung

Wenn einmal im Jahr der Marktplatzbunker zur Museumsnacht öffnet, stehen die Interessierten eine Stunde an, um in den Untergrund hinabzusteigen, der während der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs den Menschen das nackte Überleben sicherte. Im Rathaus freut man sich zwar über das Interesse, betont aber zugleich, dass es viel zu aufwendig sei, den Bunker öfter aufzusperren. Weitere Bunker als Proberäume an Musiker zu vermieten oder für Kulturprojekte zu öffnen scheitert wie vieles am Brandschutz. Vielleicht kam deswegen in der Flüchtlingskrise niemand auf die Idee – anders als nach dem Krieg –, Menschen hier einzuquartieren.

In Zeiten der real existierenden Atomkriegsgefahr zwang der Bund die Städte, die Bunker wieder herzurichten und einsatzfähig zu halten. Jetzt will das Liegenschaftsamt die Bauwerke lieber früher als später loswerden. Beim Bunker an der Talstraße ist das bereits gelungen: Ein Investor baut ihn zum Wohnhaus um.

Ein Mitarbeiter für 40 Bunker

Ein einziger Mitarbeiter ist für die 40 verbleibenden Bunker zuständig, mit denen die Stuttgarter Bevölkerung einst geschützt werden sollte – es gab, nebenbei bemerkt, viel zu wenige Schutzplätze, und die Bunker „hätten zu keiner Zeit Schutz vor einem Atomangriff geboten“, sagt Hofmann. Sein Job besteht heute im Wesent­lichen darin nachzusehen, ob sie noch standfest sind, anständig verschlossen und nicht zu vermüllt. Von den wenigen fremdvermieteten Bunkern abgesehen, gammeln die kaum belüfteten Anlagen vor sich hin. Die in die Stuttgarter Hänge getriebenen Luftschutzstollen dürfen nur Spezialisten mit Sauerstoffmaske betreten – wegen des Kohlenmonoxids. Ein paar Zehntausend Euro im Jahr gebe die Stadt für die Bunker aus, erzählt Hofmann – vor allem für Begehungen, unbedingt notwendige Baumaßnahmen und neue Schlösser. Ständig versuche jemand, in die Bunker einzusteigen.

Es gehört nicht zu Hans Hofmanns Aufgaben zu überlegen, wie man die Anlagen anderweitig nutzen könnte. Dabei hat er Zugang zu den besten Aussichten Stuttgarts, und da oben kommt ihm manche Idee. Wer mit Hofmann acht Stockwerke auf das Dach des Pragbunkers hochsteigt, steht nicht nur da, wo im Zweiten Weltkrieg Flakkanonen Bombenangriffe abwehren sollten. Er braucht bloß noch eine Leiter rauf und blickt über die Leuchtreklamewände bis weit in den Kessel und nach Feuerbach – ein sensationeller Aussichtspunkt. Ähnlich spektakulär ist der Blick vom Hochbunker an der Rosensteinbrücke, den Hofmann nur mit ein paar Funkmasten teilen muss. „Eigentlich ein toller Ort für ein Café“, sagt er.

Privatleute füllen die Lücke

Weil Bunker auch im Stadtmuseum in absehbarer Zeit keine große Rolle spielen werden, ist es an Privatleuten, die betonierte Geschichte des Untergrunds mit Leben zu füllen. Jüngst dokumentierte eine Ausstellung in der Galerie Oberwelt die Rolle der Bunker für die Musikszene. Die Theatergruppe Lokstoff spielte im Bunker unter dem Rotebühlplatz, das Büro Planquadrat baut den Zuckerberg-Bunker zurzeit zum Luxuswohnhaus um. Die Feuerbacher Bunker des Vereins Schutzbauten Stuttgart sind eine Art Museum. Hier findet man die letzten Reste des Bunkerhotels – Möbel, Lüftungen, sonstiges Inventar – und das karge Zimmer aus dem Diakonissenbunker, von dem aus der Oberbürgermeister die Evakuierung der Stadt geleitet hätte.

Einmal im Monat führen Rolf Zielfleisch und seine Vereinsfreunde durch die Ausstellung. Die meisten anderen Stuttgarter Bunker jedoch bleiben der Bevölkerung verschlossen – und damit ein faszinierender Teil der Stadtgeschichte.

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