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Liebe zu Stuttgart Blogs zur Stadtgeschichte haben großen Zulauf

Von Thomas Faltin 

Kurz nach der Eröffnung des Fernsehturms im Jahr 1956 Foto: Sammlung Wieczorek
Kurz nach der Eröffnung des Fernsehturms im Jahr 1956Foto: Sammlung Wieczorek

Die Heimatverbundenheit wächst auch bei jüngeren Menschen. Deren Liebe zu Stuttgart äußerst sich in neuen Formen. Zehntausende folgen spannenden Facebook-Blogs. Wir stellen einige vor.

Stuttgart - Einen wissenschaftlichen ­Anspruch erheben die digitalen Geschichtsbücher über Stuttgart nicht. Sie leben von den Kommentaren ihrer Facebook-Besucher und deren Einsendung von Fotos. Mehrere Blogs beschäftigen sich mit der Stuttgarter Vergangenheit und den Denkmälern der Stadt. Sie folgen damit dem Bedürfnis zu wissen, wo man herkommt und wo man hingehört. Heimatverbundenheit ist in, gerade auch bei jüngeren Menschen. Hier ein Überblick der interessantesten Stuttgart-Blogs.

Baudenkmäler Stuttgart

Seit 2012 stellt der gebürtige Stuttgarter Volker H. täglich ein Foto mit einem kurzen erläuternden Text auf seine Seiten – zuletzt etwa von dem wunderschönen alten Haufler’schen Haus am Marktplatz, das im Krieg versank, oder vom klassizistischen Pfandleihhaus in der Gerberstraße, das Hugo ­Beytenmiller 1872 gebaut hat. So kann der Betrachter in alten Ansichten schwelgen oder sich mit Hilfe der Tipps in der realen Welt interessante Gebäude ansehen.

Der 40-jährige Blogger Volker H. möchte nicht an die Öffentlichkeit treten. Aber er ­erzählt, dass er sich schon lange für das Stadtbild Stuttgarts interessiere und im Laufe der Jahre ein großes Fotoarchiv historischer Gebäude zusammengetragen habe. Diesen Fundus wolle er auf Facebook mit interessierten Menschen teilen. „Es ist ein rein idealistisches Projekt ohne kommerziellen Hintergedanken, und ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, die Wertschätzung für das historische Stadtbild und die architektonischen Zeitzeugnisse zu wecken“, schreibt Volker H. Derzeit hat er 7100 Follower.

AbrissWatch Stuttgart

Noch jung ist der Blog von Daniel Weiss – seit Juni vergangenen Jahres macht der 23-jährige Speditionskaufmann aus dem Stuttgarter Westen auf Gebäude aufmerksam, die vom Abriss bedroht sind – oder er zeigt historische Fotos von Häusern, die vor kurzem verschwunden sind. Dazu ist er viel im Netz unterwegs, um neue Fälle zu entdecken; dann macht er sich am Wochenende auf, die Gebäude zu fotografieren. „Gerade in Stuttgart ist viel zerstört worden im Krieg und in der Nachkriegszeit“, sagt Daniel Weiss: „Da ist es wichtig, dass die wenigen schönen ­Gebäude erhalten bleiben. Es ist schade, dass so viele Häuser dem kurzfristigen Profit geopfert werden.“

Er betont aber, dass er nicht mehr machen könne, als die abrissbedrohten Häuser vorzustellen; aber über die Veröffentlichung könne er hoffentlich dazu beitragen, auf ­lange Sicht die Verantwortlichen zum Umdenken zu bewegen. Er persönlich liebt ­übrigens die Häuser aus der Gründerzeit; aus diesem Grund fühlt er sich im Stuttgarter Westen sehr wohl. 750 Follower konnte Weiss bisher für seinen Blog interessieren.

Unnützes Stuttgartwissen

Sehr erfolgreich sind die Seiten von Patrick Mikolaj mit derzeit 36 300 Followern. Mittlerweile sind aus dem 2012 entstandenen historischen Blog schon drei Bücher hervorgegangen; auch eine Website gibt es – es hat sich also fast ein Geschäftsmodell daraus entwickelt. Mikolaj betont in seiner Chronik, dass er großen Wert auf gute Recherche lege und mindestens zwei oder drei Quellen suche, bevor er etwas veröffentliche. Dies schlägt sich dann auch häufig in etwas längeren Texten nieder.

Zuletzt stellte er etwa die Staatliche Akademie der Bildenden Künste als älteste Hochschule Stuttgarts vor, oder er schrieb über die „Flüstergalerie“ in der Wilhelma – die gewölbte Form des Ganges sorgt dafür, dass man auch leise Töne noch in 40 Metern Entfernung gut versteht. Oft stellen die ­Besucher ihre Fotos dazu – zu einem Luftbild der Hochhäuser am Asemwald etwa haben Bewohner Aussichtsbilder von ihrem ­Balkon gepostet.

Stuttgart-Album

Uwe Bogen, Redakteur der Stuttgarter Nachrichten, hat im September 2012 mit seinem Stuttgart-Album begonnen. Es geht darin um Stuttgarter Gebäude, aber mehr noch um historische Geschichten und Anekdoten aus der Stadt, wie etwa jene von der Sopranistin Anna Sutter, die 1910 von einem ehemaligen Liebhaber erschossen wurde – der Schicksalsbrunnen vor der Oper erinnert bis heute an sie. Bogen veröffentlicht längere historische Texte regelmäßig in unserer Zeitung, auch zwei Bücher sind im Silberburg-Verlag erschienen.

Das Besondere auch der Bücher ist, dass die Kommentare der Facebook-Besucher Teil der Präsentation geworden sind; Dialog und Austausch gehören wesentlich dazu, oft auch die inhaltliche oder fotografische Ergänzung. Mit 11 300 regelmäßigen Besuchern gehört das Stuttgart-Album zu den größten historischen Blogs der Stadt. Im Herbst erscheint das erste gemeinsame Buch von dem Stuttgart-Album und dem Unnützen Stuttgartwissen.

Ansichtskarten aus Stuttgart

Seit zwei Jahren stellt die Erzieherin Wibke Wieczorek oft mehrmals täglich historische Postkarten vornehmlich aus Stuttgart ein. Sie habe als Kind die Sammlung des Großvaters übernommen und sammle jetzt seit 40 Jahren selbst, erzählt sie. Es sei ein reines Hobby bei ihr. Mittlerweile besitzt sie 30 000 Karten, darunter 2500 aus Stuttgart. „Nach und nach scanne ich sie ein und poste sie, so dass viele etwas von den schönen alten Karten sehen können“, sagt Wibke Wieczorek. Die Karten finde sie auf Flohmärkten und bei Ebay, wobei dort derzeit aber die Preise explodierten. 1100 Follower gibt es.

Weitere historische Seiten

Der Blog „Du weißt, dass du aus Stuttgart bist“ ist nicht nur historisch ausgerichtet; aber auch dort finden sich immer wieder schöne alte Ansichten aus Stuttgart. Fast 21 000 Mitglieder hat die geschlossene Gruppe. Diese Ausrichtung gilt auch für den offiziellen Facebook-Auftritt der Stadt Stuttgart namens „Stuttgart – meine Stadt“ mit knapp 60 000 Interessierten. Das Hauptaugenmerk liegt auf den städtischen Themen und auf dem Stadtleben an sich. Da gehört die Geschichte mit dazu. 1600 Personen verfolgen regelmäßig die Facebook-Seiten vom Stadtmuseum Stuttgart; in den Posts geht es aber eher um die Fortschritte bei Bau und Ausstellung des Stadtmuseums denn um historische Themen selbst.

In größeren zeitlichen Abständen meldet sich die Gruppe „Für den Wiederaufbau des historischen Marktplatzes in Stuttgart“ zu Wort. Mit Bildern und Zeichnungen wird dort immer wieder dargestellt, wie schön der Marktplatz früher war. Und, so die These, eine Rückkehr zum alten Stadtbild sei nicht undenkbar: „Es lohnt sich! Das Unmögliche wagen“, heißt es unter einem Bild. Na denn: 500 Follower sind schon dabei.

Die StZ-Geschichtswerkstatt

Die „Stuttgarter Zeitung“ ist 2008 einen anderen Weg gegangen, um das Thema Stuttgarter Geschichte aufzuwerten: Sie hat mit ihren Lesern und mit dem Stadtarchiv Stuttgart die Geschichtswerkstatt „Von Zeit zu Zeit“ gegründet. Dreh-und-Angel-Punkt ist die Internetseite www.vonzeitzuzeit.de.

Auf dem Portal kann jeder selbst Fotos und Zeitzeugenberichte hochladen; natürlich kann man sich die Bilder auch nur ­ansehen. Insgesamt sind im Laufe der Zeit mehr als 8000 Fotos zusammengetragen worden. Sie wurden in den Bestand des Stadtarchivs aufgenommen. Das Portal war eine der ersten Geschichtswerkstätten von Zeitungen in Deutschland. Die „StZ“ erhielt den Deutschen Lokaljournalistenpreis und stand auf der Nominierungsliste für den Grimme-Online-Award.

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Brunnen auf den Fildern Brünnlein, wechsel dich

Von 30. August 2016 - 7:15 Uhr

Wir stellen in einer Serie Brunnen auf den Fildern vor. Heute: das Schulbrünnele an der Martinskirche.