Letzte Pommes frites für die Sennerin

Von "Stuttgarter Nachrichten" 

Von Anne Abelein Höchst kuriose Gestalten sind es, die im Turm und

Von Anne Abelein

Höchst kuriose Gestalten sind es, die im Turm und Foyer des Hospitalhofs (Büchsenstraße 33, Mo bis Fr 14 bis 17, So 11 bis 12.30 Uhr) und in der Kirche von den Wänden blicken. Die Figuren Christoph Ruchhäberles, die sich aus bunten, geometrischen Formen zusammensetzen, stellen sich selbstbewusst und breitbeinig in Frontalansicht zur Schau und drohen fast die Formate zu sprengen. Zugleich wirken sie mit ihren deutlich sichtbaren Makeln wie riesigen Mündern, abstehenden Ohren und ungesund violetten Schatten unter den Augen sehr exponiert und verletzlich.

Der Arno-Rink-Schüler Ruckhäberle ist ein Eigener unter den Leipziger Malern. Er lässt sich in seiner Figurengestaltung von afrikanischen und japanischen Masken des Kabuki- und No-Theaters genauso wie von Picasso und den Expressionisten inspirieren. Auch die Volkskunst fließt in seine Arbeiten mit ein, etwa Formen und Muster der Räuchermännchen aus dem Erzgebirge. "Sennerin", "Bäuerin" oder "Artist" sind Ruckhäberles Figuren und Brustporträts betitelt. Sie ähneln Schauspielern, und die Hintergründe - etwa lang gestreckte Wolken - gleichen Kulissen. Es geht um die prekäre Situation des freien Künstlers, der sich stets aufs Neue am Markt und in der Öffentlichkeit und innerhalb einer subjektiven, pluralistischen Ästhetik bewähren muss. So schwanken die Figuren zwischen Tragik und Komik und zwischen Schein und Sein. Sie erscheinen wie effekthascherische Possenreißer und zugleich wie Genies.

Von Rainer Vogt

"Fröhliche Gesellschaft", der Ausstellungstitel, entstammt der von Andreas Übele gestalteten Einladung. Um keinen der mehr als 40 beteiligten Künstler zu übergehen, sind alle Namen übereinandergedruckt. Kein einziger ist lesbar, und nur einige Unterlängen zwischen den fast gänzlich geschwärzten Zeilen sind als Teile von Buchstaben zu enträtseln. Der reine Gebrauchsgrafik demnach hinter sich lassende Siebdruck ist wie alles andere auch bei dieser Schau selbst eine Edition. Alle bisher bei Parrotta gezeigten Ausstellungen begleiteten Editionen. Offenbar fand es der Galerist an der Zeit, zurückzublicken und bei dieser Gelegenheit mit dem Centre d"édition contemporaine in Genf zu kooperieren. Editionen bieten für die Schweizer ein eigenes Experimentierfeld.

"Letzte Pommes frites und andere Gedichte der Fünfziger und Sechziger", ein Buch-Objekt aus zwölf Texten und ein Gesellschaftsspiel mit blauen und rosa Kärtchen, zeigen, was etwa gemeint ist. 1989 von Emmett Williams kreiert, ist es die älteste Edition der Schau. In guter Erinnerung sind hingegen "Stoffe der Eitelkeit". Eine Serie von sechs Arbeiten resümiert den Auftritt von sechs Schülern von Timm Rautert 2009. Der ist jetzt mit der "Stuttgarter Edition" dabei, die einen Besuch des Fotokünstlers bei den Amish dokumentiert. "Wenn wir dich nicht sehen, siehst du uns auch nicht", denken die fotoscheuen frommen Leute und verbergen ihre Gesichter hinter Hüten.

Versteckspiele beschäftigen auch Pasi Autio aus Finnland, während Simone Westerwinter Flokatistücke am Stiel zu Zuckerwatte stilisiert und Heimo Zobernig auf eine Ecke des Lithosteins, mit dem er druckt, immer mehr verzichtet, indem er sie wegschlägt. Das wachsende weiße Dreieck führt assoziativ zur Black Box. An die lassen acht Holzwürfel von Markus Schinwald denken, die mal so, mal anders, doch keineswegs schwarz tapeziert sind, ihr Inneres aber nur durch einen "Spion" preisgeben. Das sind die Okulare an Türen, durch die man ungebetene Gäste mustert. Hier ist weitere Musterung nicht drin, weil dem Rezensenten so elegante Lösungen wie das Aufeinanderschichten von Namen verwehrt sind.

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