Mercedes Benz

Lesekampagne in Stuttgart Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

Von Barbara Czimmer-Gauss 

Szene aus dem Werbefilm: Der Koch hat sich die Symbole für das Menü auf einen Zettel gemalt. Foto: Landesfilmdiens
Szene aus dem Werbefilm: Der Koch hat sich die Symbole für das Menü auf einen Zettel gemalt.Foto: Landesfilmdiens

Rund 80.000 Stuttgarter können kaum lesen und schreiben. Das ist auch bei der Arbeit hinderlich. Das Land Baden-Württemberg hat deshalb eine Kampagne zur Alphabetisierung gestartet, die Volkshochschule wird sie in die Praxis umsetzen. Noch suchen beide nach Firmen, die sich daran beteiligen wollen.

Stuttgart - Eigentlich dürfte kein Mensch ein Analphabet sein, der in Baden-Württemberg die Schule besucht hat, nach mindestens neun Schuljahren. Und doch gibt es Arbeitnehmer, die „mit schlechten Kenntnissen die Schule verlassen haben, ihr Potenzial immer weniger ausgeschöpft und schließlich ihre ursprünglichen Fähigkeiten verloren haben“, sagt Marion von Wartenberg, Staatssekretärin des Kultusministeriums Baden-Württemberg. Solche Menschen will das Land in zwölf Städten mit einer Bildungskampagne unterstützen.

In der Landeshauptstadt wird die Volkshochschule (VHS) das Projekt in die Praxis bringen. Sie bietet seit mehr als 30 Jahren Alphabetisierungskurse an und hat seit 2012 im Stuttgarter Osten Erfahrungen gesammelt mit der Grundbildung von Erwachsenen. Außerdem besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen beteiligten Ämtern wie beispielsweise dem Jobcenter, dem Jugendamt oder anderen Einrichtungen, in denen Schreib-, Lese- und Rechenschwächen auffallen können.

Das Grundbildungsangebot im Osten hat ein Problem offenbart: „Der Hochrechnung nach müssten rund 80 000 Menschen in Stuttgart wegen ihrer geringen Lese- und Schreibkompetenz Interesse an einem Kurs haben, erreicht haben wir aber nur 80 bis 100 Teilnehmer“, sagt Wolfgang Nagel, Koordinator für den Bereich Grundbildung an der VHS Stuttgart. Nagel führt dies darauf zurück, dass sich die meisten Betroffenen ihrer Unkenntnis schämen.

Studie hat das Land aufgerüttelt

Sie glauben, sie seien die Einzigen mit solchen Schwächen, doch die Level-One-Studie der Universität Hamburg hat diese Annahme gründlich widerlegt. Bei einer repräsentativen Stichprobe bei 8000 Menschen im Bundesgebiet stellte sich im Jahr 2011 heraus, dass mehr als zehn Prozent der Bundesdeutschen im Alter von 18 bis 65 Jahren Defizite beim Lesen und Schreiben haben, bis hin zum Unvermögen, Sprachliches oder Numerisches zu erfassen und zu verstehen. 57 Prozent der Betroffenen sind erwerbstätig. „Das Ergebnis hat alle aufgerüttelt“, sagt Marion von Wartenberg, „keine Gesellschaft kann sich damit zufriedengeben, wenn Menschen ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen wollen, aber die Arbeit nicht ausüben können.“

Deshalb unterstützt das Kultusministerium Baden-Württemberg die Alphabetisierungskampagne. Die Beteiligten haben aus den Anfangsschwierigkeiten gelernt: Statt Alphabetisierung heißt es nun Grundbildung, und statt die Betroffenen direkt anzusprechen, sollen Arbeitgeber die Tür zum Lernen öffnen. Laut Marion von Wartenberg ist mit Uwe Hück, Betriebsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche AG in Stuttgart, ein erster prominenter Botschafter gefunden.

Von den Kursen sollen nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Arbeitgeber profitieren. „In vielen Jobs gibt es neue Arbeitsvorschriften, müssen Protokolle geschrieben werden oder ist der Umgang mit Tablets nötig. Wir werden die Kurse also ­zusammen mit den Arbeitgebern gestalten, je nachdem, was für die Firma interessant ist“, sagt VHS-Bereichsleiter Wolfgang Nagel. Insbesondere Firmen aus der Baubranche und der Gebäudereinigung habe man im Blick für die arbeitsplatzbezogene Grundbildung (Arobi). Dort soll es die höchste Rate an Mitarbeitern mit Lese-, Schreib- und Rechenschwächen geben.

Land sucht Mitstreiter bei Firmen

Zur Koordinierung ist bei der VHS eine Fachstelle für Alphabetisierung gegründet worden. Finanziert wird Arobi bis zum Jahr 2018 landesweit mit 1,2 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds und 100 000 Euro Landesmitteln. Stuttgart erhält 50 500 Euro. Dieselbe Summe muss die VHS zusätzlich aus den Kursgebühren erwirtschaften. „Porsche hat Bereitschaft zur Mitwirkung signalisiert“, sagt Marion von Wartenberg. Einzelne Arbeitgeber hätten Arobi-Kurse während der Arbeitszeit befürwortet, und das Finanz- und Wirtschaftsministerium des Landes unterstütze die Kampagne.

Jetzt wird bei Arbeitgebern um Teilnahme geworben, unter anderem mit einem Werbefilm, den der Landesfilmdienst Baden-Württemberg produziert hat, der auf You Tube aufgerufen werden kann und der ins Vorprogramm der Kinos aufgenommen werden soll. Filmkulisse ist das Sterne-Lokal Speisemeisterei im Schloss Hohenheim.

In dem Film mit dem Titel „Der Koch“ tut sich der Hauptdarsteller schwer mit allem, was ihm schriftlich aufgetragen wird: Eine Jacobsmuschel geht zurück, im Lieferwagen stapeln sich Bananenkisten statt der erforderlichen Doraden auf Eis. Als dem Koch seine handgefertigten Zeichnungen nicht mehr helfen, alles richtig zu machen, entschließt er sich zum Alphabetisierungskurs – und hat Erfolg. Darauf setzen die Beteiligten bei den Firmen nun auch.

Lesen Sie jetzt