Leonhardsviertel Haus der Hoffnung ist noch Baustelle

Von Marc Schieferecke 

Das Haus hat eine bewegte Geschichte. Einst war Theodor Heuss hier Stammgast. Foto: red
Das Haus hat eine bewegte Geschichte. Einst war Theodor Heuss hier Stammgast. Foto: red

Im ehemaligen Bordell wollen die Altpietisten Prostituierte beraten. Die Pläne verzögern sich. Die Genehmigung für den Umbau kostete mehr Zeit als erhofft.

S-Mitte - Hoffnungshaus hat die Altpietistische Gemeinde – kurz Apis – ihre neue Adresse an der Leonhardstraße 1 benannt. In dem ehemaligen Bordell will die Glaubensgemeinschaft Prostituierte beraten, die ihr Geld in einem anderen Beruf verdienen wollen (wir berichteten). Allerdings ist inzwischen die Hoffnung dahin, dass die ersten Frauen zum angekündigten Termin beraten werden können. Die Eröffnung war für den Herbst geplant. „Wir rechnen jetzt mit dem Jahreswechsel, vielleicht mit Anfang nächsten Jahres“, sagt Stefan Kuhn von der Glaubensgemeinschaft. Die Ursache der Verzögerung liegt im Baurecht.

Nachdem der Hauseigentümer, ein in kirchlichen Kreisen wohlbekannter Protestant, sämtliche Mieter gekündigt hatte, waren zwar erste Abrissarbeiten im Inneren begonnen worden, bald danach ruhte die Baustelle aber. Für die Eröffnung der Beratungsstelle sind umfangreiche Umbauten nötig, außerdem muss das Haus saniert werden.

Bereits im Juli wurde eine Mitarbeiterin eingestellt

Die Arbeiten wollte das Baurechtsamt nicht eilig genehmigen. Das Haus steht unter Denkmalschutz. „Wir hatten schon damit gerechnet, dass es mit der Genehmigung länger dauern könnte“, sagt Kuhn. Inzwischen ist sie allerdings verschickt. Laut Kuhn ist der finanzielle Schaden für die Apis zu vernachlässigen. Die Gemeinschaft hatte zwar bereits im Juli eine Mitarbeiterin eingestellt, die das Hoffnungshaus leiten soll. Für sie sei aber ohnehin eine Einarbeitungszeit von einigen Monaten vorgesehen gewesen. „Wir haben sie auf Reisen geschickt, um sich bei ähnlichen Stellen über deren Arbeit zu informieren“, sagt Kuhn. Die erste Miete werde erst nach dem Einzug fällig.

Das Haus an der Ecke der Leonhard- zur Jakobstraße hat eine bewegte Geschichte. Einst galt es als gute Adresse für Ausgehfreudige. Im damaligen Schinderhannes war in den 1940er-Jahren sogar Bundespräsident Theodor Heuss Stammgast. Die heutige Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle schätzte die Kneipe in ihrer Jugend als eine der wenigen im Zentrum, in denen sich Billard spielen ließ.

Das Haus wurde als illegales Bordell genutzt

Später wurde das Haus als Bar „Zum Schatten“ allerdings etliche Jahre für ausschließlich männliches Publikum genutzt – als illegales Bordell. Nachdem öffentlich wurde, dass der Eigentümer ein Mann der Kirche und CDU-Kommunalpolitiker war, kündigte er den Prostituierten und trat von seinen geistlichen wie weltlichen Ämtern zurück.

Die Apis sind ein eingetragener Verein, aber Teil der evangelischen Landeskirche. Sie finanzieren sich ausschließlich mit freiwilligen Beiträgen ihrer rund 10 000 Mitglieder. Ihr Hoffnungshaus soll auch ein Ort der Veranstaltungen sein. Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen und Sprachkurse sind geplant. Die Leiterin soll an der Adresse nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen.

Die Kosten für den laufenden Betrieb schätzen die Altpietisten auf 100 000 bis 150 000 Euro jährlich. Für den Fall, dass die Frauen sich für ihr Angebot nicht inter­essieren, ist der Mietvertrag vorerst auf die Dauer von zwei Jahren unterschrieben. Nur wenige Schritte entfernt betreibt die Stadt ihre Beratungsstelle für Prostituierte, das Café La Strada.

Redaktion Stuttgart-Mitte

Ansprechpartner
Martin Haar & Frank Rothfuss-Jenewein
s-mitte@stz.zgs.de

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