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Leitartikel zur Flüchtlingshilfe Beispiel Stuttgart

Von Jan Sellner 

Ein Beispiel für ehrenamtliches  Engagement: Flüchtlings-Freundeskreis in Stuttgart-Feuerbach Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ein Beispiel für ehrenamtliches Engagement: Flüchtlings-Freundeskreis in Stuttgart-FeuerbachFoto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In der Landeshauptstadt engagieren sich auffällig viele Bürger in der Flüchtlingsarbeit. Sie sind Wegbereiter der Integration und verdienen – wie alle Ehrenamtlichen – Respekt und Unterstützung.

Stuttgart - Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Die berühmte Gebrauchsanleitung fürs Gutsein stammt von Erich Kästner. Viele Menschen in Deutschland, auch in Stuttgart und der Region, handeln – bewusst oder unbewusst – danach. Sie tun etwas für Menschen, die man pauschal Flüchtlinge nennt. Sie bringen sich ein, obwohl der politische Ton in der Flüchtlingspolitik zuletzt gereizter geworden ist. Menschen aller Altersstufen und aus allen Bevölkerungskreisen engagieren sich. Stuttgart, die Stadt der Schwaben und Migranten, gibt ein leuchtendes Beispiel.

 

Die Zahl der Angebote ist inzwischen so groß, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten: Die Flüchtlingsnachmittage am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, die private Kleiderausgabe in der Kernerstraße, die Vorlesenachmittage in der Stadtbibliothek und das Fußballtraining für Migrantenkinder stehen stellvertretend für viele gute Taten im Sinne Kästners. Genauso gut könnte man das sogenannte Vielplatzprojekt in Stuttgart-Hofen ins Schaufenster stellen, wo Einheimische und Flüchtlinge gemeinsam Brot backen, oder die Sprachangebote des Kinder- und Jugendtheaters Jes. Viele Initiativen haben es verdient, genannt und beachtet zu werden.

 

„Stille soziale Revolution“

Diese Wertschätzung ist wichtig. Wenn Politiker heute laut darüber nachdenken, was die Gesellschaft zusammenhält, dann müssen sie sich der „stillen sozialen Revolution“ im Land zuwenden, wie der Migrationsforscher Klaus Bade das ehrenamtliche Engagement anerkennend bezeichnet. Es sind die Ehrenamtlichen, die den Fliehkräften entgegenwirken – nicht nur beim Thema Flüchtlinge. Ihr Einsatz für sozial Schwache, für Alte, für Kranke, für die Kultur oder für den Sport wirkt in hohem Maße stabilisierend. Diese Bürger bilden das Wurzelwerk der Gesellschaft. Ohne sie kommt das Gemeinwesen beim ersten Sturm ins Wanken.

 

Warme Worte reichen als Ausdruck von Wertschätzung allerdings nicht aus. Auch hier gilt das Credo Kästners, dass es auf die Tat ankommt. Konkret heißt das: Ehrenamtliche brauchen Unterstützung. Es darf nicht alles auf ihnen abgeladen werden. Das ist jedoch tendenziell der Fall. Ein Betreuungsschlüssel von 1:136 – ein Sozialpädagoge für 136 Flüchtlinge – passt einfach nicht. Hier müssen Gemeinderat und Stadt nachbessern. Immerhin: Die Entscheidung, eine hauptamtliche Flüchtlingskoordinatorin zu beschäftigen,war wegweisend und richtig.

Keine Träumer, sondern Realisten

 

Wertschätzung für das Engagement von Freundeskreisen, Vereinen, Unternehmen und Privatpersonen in der Flüchtlingsarbeit hat eine weitere wichtige Komponente: die Begleitmusik. Entgegen dem verbreiteten, gedankenlosen Spott sind diejenigen, die Zeit mit Flüchtlingen verbringen und ihnen helfen, in der neuen Umgebung zurechtzukommen, keine Träumer oder Naivlinge. Im Gegenteil: Sie sind Realisten und Pragmatiker, die erstens wissen, dass sich Integration nicht von selbst einstellt, und die sich zweitens ihr Bild nicht durch Talkshows machen, sondern durch persönlichen Augenschein.

 

Praktische Erfahrungen, gerade in der Flüchtlingsarbeit, sind durch nichts zu ersetzen. Sie wirken Vorurteilen entgegen und schärfen zugleich den Blick für die Probleme – für die vermeintlichen und für die tatsächlichen, die es zweifellos gibt. Der Leiter der städtischen Abteilung für Integration, Gari Pavkovic, drückt es so aus: „Die Normalität ist das Korrektiv für die virtuelle Wirklichkeit.“

Erfahrungen zum Sprechen bringen

 

Begegnungen mit der Normalität – was so naheliegend klingt, liegt oft in weiter Ferne. Doch ohne die Betrachtung der Wirklichkeit kommt man zu keinen plausiblen Schlüssen. Oder wie es der Soziologe Heinz Bude formuliert: „Wer eine gesellschaftliche Situation verstehen will, muss die Erfahrungen der Menschen zum Sprechen bringen.“ Das ist nur möglich durch Begegnung. Ohne Begegnung kein gegenseitiges Verständnis. Es ist in der Tat ein Unterschied, ob man dem neuen Nachbarn das Kehrwochenschild an die Tür hängt oder ihn zum Tee einlädt und mit den Gepflogenheiten vertraut macht.

 

In Stuttgart gibt es dafür viele ermutigende Beispiele. Dass „wir es schaffen“, ist damit noch nicht gesagt. Sicher ist nur: Ohne etwas zu tun, schafft man es nicht.

j.sellner@stn.zgs.de

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