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Leitartikel zum Verkehrswahnsinn in Stuttgart Lösung liegt beim Einzelnen

Von Martin Haar 

Täglich wälzen sich die Blechkolonnen durch Stuttgart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Täglich wälzen sich die Blechkolonnen durch StuttgartFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Für den Kampf gegen den täglichen Verkehrswahnsinn auf Stuttgarts Straßen gibt es keine Patentlösung. Er wird vielmehr zu einer Gemeinschaftsaufgabe, die beim Einzelnen anfängt, meint Lokalredakteur Martin Haar im Leitartikel.

Stuttgart - Morgens um sechs ist die Welt noch in Ordnung. Zu dieser Zeit herrscht auf der am höchsten belasteten Bundesstraße in Deutschland noch Normalverkehr. Eine Stunde später beginnt auf der B 27 von Tübingen Richtung Stuttgart der Wahnsinn. Spätestens ab der Aichtalbrücke beginnt der Kriechverkehr. 6 km/h. Schritttempo über 21 Kilometer. Knapp 100 000 Autos quälen sich so täglich bis zum Echterdinger Ei. 100 000 Pendler, die viel Zeit, Geld und Nerven auf der Straße liegen lassen.

Gerne erinnert man sich da an den früheren Verkehrsminister Schaufler zurück, der über eine Schnellbahnstrecke auf Stelzen entlang der B 27 nachdachte. Schaufler galt damals als Spinner. Aber ohne Visionen, Härten und einen gemeinsamen Willen wird sich nichts ändern. Im Gegenteil: Das Chaos wird größer.

 Denn was für die B 27 gilt, ist auf die anderen Einfallstore in die Stadt übertragbar: den Friedrichswall, die Staustufen nach dem Schattenring oder die Cannstatter Straße. Überall Stillstand. Auch in der City ist in den Stoßzeiten kein vernünftiges Fortkommen möglich. (S-21-)Baustellen, S-Bahn-Ausfälle oder der gezielte Rückbau von Straßen strapazieren alle Verkehrsteilnehmer über deren Belastungsgrenzen. Auch die Entscheidung, ein Einkaufscenter in der Stadt zu platzieren, verstärkte die Probleme. In diesen Tagen meldet das Milaneo-Parkhaus den einmillionsten Besucher. In der Summe werden damit die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in der Region zunehmend schlechter – sie werden zu einem unkalkulierbaren Risiko. Zu einem klaren Standortnachteil.

Auch Fritz Kuhn wird daran gemessen

 An der Lösung dieser Fragen dürfte Ende 2020 auch Fritz Kuhn gemessen werden. Dann endet die Amtszeit des Oberbürgermeisters – und jeder wird fragen: Wie hat er die beiden größten Probleme der Stadt gemeistert: die Wohnungsnot und den Verkehrswahnsinn? Schon ist allerdings klar: Damit wird man Fritz Kuhn nicht gerecht. Auch der Grünen-Politiker wird diese Aufgabe trotz bester Absichten alleine nicht meistern. Es wird auf die kluge Vernetzung aller Mobilitätsträger ankommen. Es wird eine Gemeinschaftsaufgabe von Wirtschaft, den Landkreisen rund um Stuttgart, den Verkehrsbetrieben und jedem Einzelnen.

Tatsächlich beginnt die Lösung des Problems bei jedem einzelnen Verkehrsteilnehmer und Konsumenten. In vielen Teilen unserer Verkehrsserie wird dies deutlich. Zum Beispiel im Fall eines Hermes-Paketzustellers. Alle Welt ärgert sich über ihn und seine Kollegen, aber immer mehr Menschen produzieren durch ihr Kaufverhalten die Abgase seines Transporters. 70 Prozent der Päckchen, die er täglich in Stuttgart verteilt, kommen von Online-Händlern wie Amazon und Co.

 Wie gesagt: Es sind viele Teilaspekte, die den Stau, den Lärm, den Feinstaub und schließlich den volkswirtschaftlichen Schaden verursachen. Daher gibt es – auch das wird die Serie zeigen – keine Patentlösung. Und doch hängt alles mit allem zusammen. Die Lösung liegt im Verhalten jedes Einzelnen.

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