Legal Highs in Stuttgart Mehr Tote durch neue synthetische Drogen

Von Mathias Bury 

Sie sehen harmlos aus wie Kräuter, und so werden sie auch beworben: synthetische Cannabinoide.m Foto: dpa
Sie sehen harmlos aus wie Kräuter, und so werden sie auch beworben: synthetische Cannabinoide.m Foto: dpa

Neue psychoaktive Substanzen (NPS), besser bekannt als Legal Highs, sind weiter auf dem Vormarsch. Und auch die Zahl der Drogentoten durch NPS im Land steigt weiter.

Stuttgart - Die Liste der Drogen ist lang, die der junge Mann im Lauf der Jahre genommen hat: Cannabis mit 13, mit 18 Jahren Kokain und Heroin, später Methadon, Subutex, Amphetamine, Ecstasy, LSD, Lyrica. Ein Fall von Polytoxikomanie, dieser 23-Jährige aus der Region Stuttgart, ein Routinier des Vielfachmissbrauchs. Doch die harmlos klingenden „Kräutermischungen“ hauten ihn um. Nach vier Wochen des Konsums synthetischer Cannabinoide fand er sich auf der Intensivstation einer Klinik wieder: fixiert und schwer psychotisch. Die drei Polizeibeamten, die ihn überwältigt hatten, hielt er für Auftragsmörder: Vor lauter Angst hatte der 23-Jährige versucht, aus dem Fenster zu springen.

„So schlimme Erfahrungen habe er zuvor noch nie mit illegalen Drogen gemacht, hat er mir erklärt“, sagt Benedikt Bloching über den jungen Mann. Dem leitenden Oberarzt an der Klinik für Suchtmedizin in Bad Cannstatt sind solche Fälle vertraut. „Wir sehen solche Leute laufend hier“, erzählt Bloching. Dabei werden solche Drogenfälle oft gar nicht erkannt. Die Betroffenen landen häufig in der Notaufnahme, darunter schon Jugendliche zwischen zwölf und siebzehn Jahren.

Drogentests schlagen nicht an

Mit den Schnelltests beim Drogenscreening der Polizei kann man Legal Highs nicht nachweisen. Dafür brauche man teure Testverfahren, wie man sie in der städtischen Psychiatrie anwendet. Der Clou dieser Drogen aus dem Chemielabor ist, dass es sie in großer Zahl – zu Hunderten - gibt. Jeden Monat kommen neue, mit leicht abgewandelter chemischer Struktur dazu. Nicht selten haben sie die zigfache Wirkung üblicher Amphetamine oder Marihuanasorten, das macht sie so gefährlich. Wie viel eines Stoffs eine Portion enthält, lässt sich nicht sagen, das variiert. „Wir kriegen die, die viel ausprobieren und Pech haben“, sagt der Psychiater Bloching.

Die hochpotenten Mittel machen manchen Rausch zum Blindflug mit Bruchlandung. „Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle kommen häufig vor, auch Sehstörungen und Schwindel“, sagt Mediziner Bloching. Er zeigt auf helle Stellen der Kernspinaufnahme eines Konsumenten. „Im hinteren Teil ist das Gehirn nicht mehr richtig durchblutet“, erklärt der Arzt, deshalb klagte der Patient über Sehstörungen.

Verheerende Wirkungen

2015 hatte das Landeskriminalamt vier NPS-Tote gezählt, 2016 waren es schon 14 – Tendenz weiter steigend. In Stuttgart starb voriges Jahr ein Konsument im NPS-Rausch, er stürzte sich vom Balkon im dritten Stock eines Wohnhauses in Feuerbach. Insgesamt sei die Zahl der Drogentoten 2017 „rückläufig“, sagt Carsten Dehner, Sprecher des Landesinnenministeriums: „Das gilt aber nicht für Todesfälle im Zusammenhang mit neuen psychoaktiven Stoffen.“ Hier hat man in den ersten sechs Monaten schon neun Drogentote gezählt.

Die Wirkung der Drogen auf Psyche und Geist ist gravierend. Oberarzt Bloching stellt häufig starke kognitive Defizite bei Patienten fest, sodass sie kaum mehr zuhören und einfache Dinge verstehen können. „Manche kommen auch Monate später nicht da raus“. Bleibende Schäden sind nicht ausgeschlossen. Bloching: „Nach mehreren Hochdosen in der Woche machen die Leute einen kognitiven Abbau im Zeitraffer durch. Das ist bei sonst üblichen Drogen nicht so.“ Angstzustände, Depressionen oder Paranoia sind oft auch nach dem Entzug nicht wieder weg.

Neues Gesetz bisher ohne Effekt

Seit November 2016 gibt es das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG), das die Flut der Legal Highs eindämmen soll. Verboten sind nicht mehr einzelne Stoffe, die in den Drogenlaboren dauernd minimal verändert werden, sodass der Gesetzgeber mit dem Verbieten längst nicht mehr nachkommt, sondern ganze Stoffgruppen. Etwa zwei Drittel der bisher gehandelten Stoffe fallen darunter, schätzt Bloching.

An der Konsumpraxis hat das offenbar nichts geändert. „Die Grundidee ist gut“, sagt Philipp Molsberger, der in Stuttgart für das Thema zuständige Erste Staatsanwalt, über das neue Gesetz. Dieses sei, um es bewerten zu können, aber noch zu neu. Das Bundesgesundheitsministerium bereite aber eine Evaluation vor.

Evaluation wird vorbereitet

Für den Konsumenten hat das neue Gesetz wenig verändert. Anders als bei illegalen Drogen wie Cannabis werden bei NPS Erwerb und Besitz nicht bestraft. Das ist für die Kundschaft von Vorteil. „Ein großer Teil will den Rausch, aber keine Straftat begehen“, sagt Staatsanwalt Molsberger.

Entscheidend ist für den Gesetzgeber, an die Händler heranzukommen. Viel passiert ist da bisher nicht. „Es gibt bisher nur wenige Fälle“, weiß Molsberger. Die Ermittlungen sind langwierig, der Handel spielt sich fast ausschließlich im Internet ab. „Bei den NPS ist das Darknet das Problem“, räumt der Staatsanwalt ein. „Wir haben es da mit Leuten zutun, die sehr professionell arbeiten.“ Einstweilen versucht die Ärzteschaft, mit dem Phänomen besser zurecht zu kommen. Im November veranstaltet die Landesärztekammer ein Symposium. Der Titel: „Badesalze – Kräutermischungen – Legal Highs – Crystal Meth: Getarnte, lebensbedrohliche Substanzen.“

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