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Stuttgart Mehr „Homo-Ehen“ – aber noch nicht viele

Von Mathias Bury 

Hand in Hand in die Zukunft, das wollen auch viele homosexuelle Paare Foto: dpa
Hand in Hand in die Zukunft, das wollen auch viele homosexuelle Paare Foto: dpa

Vor 15 Jahren trat das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft. Die Homoehen haben sich in Stuttgart seither mehr als verfünffacht. Sehr hoch ist der Anteil der „verpartnerten“ Schwulen und Lesben aber noch immer nicht. Die Kritik an der „Ehe zweiter Klasse“ ist in der Community nicht verstummt.

Stuttgart - Vor 15 Jahren trat das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft. Seither hat sich die Zahl der Menschen, die in einer landläufig „Homoehe“ genannten Verbindung leben, in Stuttgart mehr als verfünffacht. Unter diesen hat in den vergangenen Jahren der Anteil lesbischer Paare zugenommen. Ganz zufrieden sind Schwule und Lesben mit dem Erreichten noch nicht.

Schon das Wort zeigt den Unterschied an: Als „verheiratet“ bezeichnen sich Frau und Mann, wenn sie vom Standesamt kommen, von „Verpartnerung“ spricht man, wenn gleichgeschlechtliche Paare sich das Ja-Wort geben. Letzteres ist seit 2001 möglich, mit der Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes. Seither ist in Stuttgart die Zahl der Menschen in eingetragenen homosexuellen Verbindungen von 289 auf 1618 bis Mitte dieses Jahres gestiegen, das ist mit 809 Paaren ein neuer Höchstwert. Kontinuierlich zugenommen hat der Anteil der lesbischen Frauen, die sich „verpartnert“ haben. Vor 15 Jahren lag dieser unter allen Homoehen bei 18 Prozent, inzwischen beträgt er ein Drittel. „Bei den unter 30-Jährigen gibt es mittlerweile genauso viele weibliche wie männliche ­Personen in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft“, erklärt Pasquale Frisoli vom Statistischen Amt der Stadt.

Migrantenanteil ist unterdurchschnittlich

Bemerkenswert ist auch der Anteil derer, die aus einer Migrantenfamilie stammen. So haben in Stuttgart 44 Prozent der Bewohner einen sogenannten Migrationshintergrund. Bei den eingetragenen Lebenspartnerschaften liegt ihr Anteil aber nur bei 22 Prozent, bei den Verheirateten dagegen bei 47 Prozent. Und Lesben wie Schwule haben offenkundig eine gewisse Distanz zu den christlichen Kirchen. Von denen, die in Stuttgart in einer Homoehe leben, gehören 17 Prozent der evangelischen und 13 Prozent der katholischen Kirche an. Bei den Verheirateten sind es 24,1 beziehungsweise 23,6 Prozent. Auch nicht überraschend ist, dass viele der in gleichgeschlechtlicher Ehe lebenden Personen im urbanen Zentrum Stuttgarts wohnen, mehr als die Hälfte in den fünf Innenstadtbezirken wie Mitte und West.

Alles in allem ist die Zahl der Homoehen aber weiter überschaubar. So sind von den derzeit rund 610 000 Einwohnern Stuttgarts 513 000 über 18, von diesen wiederum gut 237 000 verheiratet, also 46,3 Prozent. Bei Schwulen und Lesben liegt dieser Wert laut Stadt bei nur 0,3 Prozent, allerdings bezogen auf alle Volljährigen. Da es keine verlässliche Zahl gibt, wie hoch der durchschnittliche Anteil der Homosexuellen in der Gesellschaft ist – nur ein oder zehn Prozent? –, lässt sich auch nicht ermitteln, wie viel Prozent von diesen „verpartnert“ sind. Nur so viel ist klar: Sehr viele sind es nicht.

Noch immer scheuen viele das Outing

„Viele sagen bis heute: eine Ehe zweiter Klasse tu ich mir nicht an“, sagt Christoph Michl, der Geschäftsführer der Homosexuellen-Organisation CSD Stuttgart, die jedes Jahr in der City den Christopher Street Day veranstaltet. „Das sind die mutigen Leute“, sagt Michl über alle, die schon in einer anerkannten Partnerschaft leben. Dieser Schritt sei für Lesben und Schwule auch heute noch nicht so selbstverständlich wie für Heteros. „Das bedeutet immer Outing – man muss es nicht nur der Familie und dem Umfeld erklären, sondern vor allem auch dem Arbeitgeber“, gibt der CSD-Geschäftsführer zu bedenken.

Je ländlicher der Wohnort, desto mehr müsse man mit Anfeindungen rechnen. Schließlich sei der Homosexuellenparagraf zwar 1969 novelliert, aber erst im Jahr 1994 endgültig abgeschafft worden. Diskriminierung gebe es auch heute noch, sagt Christoph Michl. Zum Thema Kirche stellt er nur nüchtern fest: „Warum soll man Kirchensteuer bezahlen für eine Institution, die einen als Sünder abstempelt.“ In der katholischen Kirche sieht der CSD-Geschäftsführer trotz einer Entspannungspolitik des Papstes keine echten Fortschritte („ein laues Lüftchen“). In der evangelischen Landeskirche Württemberg werde wenigstens wieder heftig diskutiert über die Segnung homosexueller Paare. Nur sei diese noch die einzige in der Republik, die sich dazu bis jetzt noch nicht durchringen konnte.

Viel erreicht und doch nicht gleich

Der CSD-Geschäftsführer versteht nicht, warum der Staat weiter an den zwei getrennten Rechtsinstituten festhalte, obwohl die eingetragene Lebenspartnerschaft der Ehe weitgehend angeglichen sei. Die Fürsorgepflicht für den Partner sei gleich, auch die Hinterbliebenenversorgung. Sogar die „Stiefkindadoption“ ist möglich, wenn ein Partner ein Kinder in die Verbindung einbringt. Auch die sogenannte „Sukzessiv­adoption“, bei der einer alleine ein Kind annehmen könne und der andere dieses dann nach gewissen Schritten adoptiert, sei möglich. Und schließlich sei ja auch nicht jede Heirat heterosexueller Paare auf Fortpflanzung ausgelegt. Warum also keine richtige Ehe auch für Homosexuelle? „Wir haben eigentlich alles erkämpft – und sind doch nicht gleich“, sagt Christoph Michl. „Das ­i-Tüpfelchen fehlt noch.“

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