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Lebensmittel Sind wir nicht alle ein bisschen allergisch?

Kerstin Ruchay, vom 11.09.2011 08:37 Uhr
Milch ist für Menschen tabu, die keine Laktose vertragen: Sie reagieren auf den darin enthaltenen Milchzucker. Etwa jeder siebte Europäer leidet an einer Laktose-Unverträglichkeit. Foto: dpa
Milch ist für Menschen tabu, die keine Laktose vertragen: Sie reagieren auf den darin enthaltenen Milchzucker. Etwa jeder siebte Europäer leidet an einer Laktose-Unverträglichkeit. Foto: dpa
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Stuttgart - Die einen zwickt's nach dem Essen im Magen, die anderen bekommen rote Flecken im Gesicht oder müssen ständig niesen. 20 Prozent der Deutschen glauben, dass sie allergisch auf Lebensmittel reagieren. Doch sie irren sich. Zumindest die allermeisten.

Wer für seine Lieben selbst kochen und sie bei Festen mit feinen Sachen verwöhnen will, hat es nicht leicht: Nichte Nele darf nichts mit Milchzucker (Laktose) essen, Freundin Suse bekommt bei Knoblauch Magenkrämpfe, Schwiegervater bei Sellerie Ausschlag, und Onkel Walter verträgt neuerdings keinen Weizen mehr. Kochen ohne Zutatenliste? Geht nicht mehr.

Das waren noch Zeiten, als man lediglich auf Vegetarier Rücksicht nehmen musste und sich gedacht hat, die sind halt ein bisschen anders. Heute bekommt jeder eine Extrawurst. Und deshalb rennt man von einem Einkaufsmarkt zum anderen, sucht nach lakatosefreier Margarine, Mehl ohne das Klebereiweiß Gluten und Suppenwürze, in der garantiert kein Grünzeug drin ist. Und dafür wird der Kunde auch noch kräftig zur Kasse gebeten.

Mit der Zeit wird man selbst zum Experten in Sachen Ernährung - ob man will oder nicht. Wer vermutet in Vollmilchschokolade schon kleinste Mengen von Nüssen oder Gluten in Fleischmarinaden? Für Menschen, die auf solche Stoffe extrem empfindlich reagieren, können bereits kleine Mengen zu Magenkrämpfen, Durchfall oder sogar zu Atemnot führen.

Gluten-Unverträglichkeit bleibt ein Leben lang

Sternekoch Vincent Klink von der Wielandshöhe in Stuttgart ist Extrawünsche gewöhnt. "Wenn man eine individuelle Küche anbietet, ist das normal." Dennoch stellt er fest, dass es immer mehr Restaurantbesucher gibt, die bestimmte Lebensmittel nicht vertragen. "Das nimmt von Jahr zu Jahr zu, vor 20 Jahren war das noch die Ausnahme." Klink selbst reagiert allergisch auf Schweizer Käse und hat öfter Hautjucken, das er sich nicht erklären kann. "Jeder hat etwas, das muss man akzeptieren." Und so geht er mit Sonderwünschen sehr pragmatisch um. "Wenn einer kein Gluten verträgt, gibt es statt Spätzle eben Kartoffelbrei, und wenn einer keinen Milchzucker im Essen haben will, gibt es Stampfkartoffeln mit Olivenöl."

Kollegin Christiane (26) aus Reutlingen hatte jahrelang Beschwerden nach dem Essen, fühlte sich schlapp und müde. Die schlanke Frau mit dem blassen Teint dachte, sie hätte einen empfindlichen Magen und fand sich damit ab. Erst als sie Schmerzen im Fuß hatte und der Arzt eine Entzündung vermutete, wurde ein großer Bluttest gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass ihr Eisen und der rote Blutfarbstoff Hämoglobin fehlten. Auch die Vitaminwerte waren viel zu niedrig. Nach weiteren Untersuchungen war klar, dass Christiane an einer Gluten-Unverträglichkeit leidet. Experten nennen die Krankheit, die lebenslang bleibt, Zöliakie. Lebensmittel, die das Mischeiweiß Gluten enthalten, führen bei Betroffenen zu einer Entzündung der Darmschleimhaut, die nach und nach zerstört wird. Weil die Nahrung nicht mehr richtig verwertet werden kann, kommt es zu einem Mangel an Nährstoffen.

Seit Christiane ihre Essgewohnheiten umgestellt hat und rigoros auf Gluten verzichtet, hat sie ein rosiges Gesicht. Ihre Blutwerte haben sich gebessert. Sie sind wieder normal. Als Einschränkung empfindet sie die dauernde Kontrolle der Zutatenliste nicht: "Es gibt inzwischen so viele glutenfreie Produkte. Ich muss nicht hungern, ich kann sogar Pasta und Kuchen essen."

Auch Max (8) aus Nagold darf inzwischen mal wieder ein Eis oder eine Butterbrezel essen. Der schüchterne Blondschopf verträgt weder Milchzucker noch Milcheiweiß. Jahre hat es gedauert, bis seine Eltern herausfanden, dass dies der Grund für die permanenten Mittelohrentzündungen war. "Wenn Nachbarskinder zusammen gespielt haben, hat Max sich immer zurückgezogen", erinnert sich Mutter Silvia. "Er hat einfach nicht richtig gehört."

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