Landwirtschaft Burn-out im Stall

Von Regine Warth 

Bei vielen Landwirten steigt die  Angst, das alles  nicht mehr zu schaffen ist.  Doch dass der tüchtige Bauer als  klägliches Häufchen Elend dasteht? Das lassen viele nicht zu, sagen Experten. Foto: Fotolia/© highwaystarz
Bei vielen Landwirten steigt die Angst, das alles nicht mehr zu schaffen ist. Doch dass der tüchtige Bauer als klägliches Häufchen Elend dasteht? Das lassen viele nicht zu, sagen Experten.Foto: Fotolia/© highwaystarz

Von wegen nur Managerkrankheit: Jeder sechste Bauer, der sich krankschreiben lässt, fühlt sich ausgebrannt oder leidet an einer anderen psychischen Krankheit. Experten nennen die Gründe.

Stuttgart/Kiel - Alles Mist! Da sind beispielsweise die Milchpreise, die einem das Melken vergällen. Hinzu kommt der Druck von den Handelsunternehmen, noch mehr zu produzieren. Und wer die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anschaltet, der hört die immer lauter werdenden Rufe von Politikern und Verbrauchern nach mehr Tierwohl und besserer Lebensmittelqualität. Den Bauern in Deutschland geht’s schlecht – und das nicht nur wirtschaftlich, wie die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVFLG) warnt: Jeder sechste Bauer, der sich krankschreiben lässt, ist psychisch krank, leidet an einer Depression oder an dem Gefühl des Ausgebranntseins. Tendenz steigend.

Auf dem Hof gibt’s immer was zu tun

Burn-out gibt’s also auch im Stall. Für die Experten ist das keine Überraschung: „Der Bauer“, so sagt es beispielsweise die Familientherapeutin Rosemarie Bender, „wird immer mehr zum Verwalter und Manager.“ Statt Tugenden wie Sparsamkeit und Fleiß sind in der Landwirtschaft Verhandlungsgeschick und unternehmerisches Denken gefragt. Also fuchst man sich ein, will mithalten können. Denn die Arbeit ist doch so wichtig. „Viele definieren sich über die Arbeit“, sagt Bender. Getreu dem Motto: Nur wer schafft, der ist auch was. Und auf so einem Hof gibt’s immer was zu tun. Landwirte, die einem Hobby nachgehen – als Ausgleich zum Tagesgeschäft? „Kenne ich kaum“, sagt Bender.

Rosemarie Bender weiß, wie Bauern denken. Sie ist auf einem Bauernhof groß geworden. Jetzt führt sie eine Praxis für Lebensberatung in Ilshofen bei Schwäbisch Hall. Zu ihr kommen die Landwirte, „die oft zu spät gemerkt haben, dass an ihrer Leistungsgrenze sind“.

„Die Tiere mussten leiden, weil die Bauern litten“

Der Einstieg in die totale Erschöpfung beginnt schleichend. Oft sind es erst einmal körperliche Probleme, die einem mehr und mehr zu schaffen machen, sagen Experten. Bei dem einen zwickt’s im Rücken, der andere schläft längst nicht mehr durch. Die Kraft lässt nach und damit auch die Konzentration. Es kommt zu Unachtsamkeiten und Fehlern – teils mit gravierenden Folgen: So hat etwa in Schleswig-Holstein der Vertrauensmann für Tierschutz in der Landwirtschaft 2015 festgestellt, dass Missstände in der Tierhaltung oft mit familiären Problemen oder wirtschaftlichem Druck verbunden sind. „Die Tiere mussten leiden, weil die Bauern litten.“

Doch das wird so von den Betroffenen nicht wahrgenommen: Zwar steigt die Angst, das alles nicht mehr zu schaffen ist. Doch dass der tüchtige Bauer als klägliches Häufchen Elend dasteht? Das lassen viele nicht zu, sagt Bender. „Stattdessen will man den Schein wahren und strengt sich doppelt an“, sagt Bender. Wer dann so weiter macht, verfällt früher oder später in eine Art Lähmung. „Dann geht nichts mehr.“

Bauern müssen sich neue Sichtweisen aneignen

Nur wenige Landwirte suchen in der Situation einen Therapeuten auf. „Mit Glück geraten sie an einen guten Hausarzt, der die Anzeichen erkennt und eine Kur oder einen Reha-Aufenthalt veranlasst“, sagt Bender. Wichtig ist, dass die Betroffenen dann lernen, den Blickwinkel zu ändern, so die Therapeutin. Sich wieder an elementaren, landwirtschaftlichen Dingen erfreuen zu können. Denn das System ändere sich nicht.

Hilfe für Landwirte gibt es im Netz bei der Landwirtschaftlichen Familienberatung oder beim Evangelischen Bauernwerk Hohebuch: 0 71 42 / 91 26 41

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