Landflucht Hausarzt als „Sechser im Lotto“

Von Jürgen Bock 

Die Klinik in Isny steht auf der Streichliste – gegen den Willen der Bürger. Foto: Bock
Die Klinik in Isny steht auf der Streichliste – gegen den Willen der Bürger.Foto: Bock

Gemeinden auf dem Land tun sich immer schwerer, sich gegen die Städte zu behaupten. Das gilt auch für das Thema Gesundheit. Landesweit fehlen Hausärzte, im ländlichen Bereich ist es inzwischen kaum noch möglich, Praxisnachfolger zu finden. Auch immer mehr Krankenhäuser schließen.

Gemeinden auf dem Land tun sich immer schwerer, sich gegen die Städte zu behaupten. Das gilt auch für das Thema Gesundheit. Landesweit fehlen Hausärzte, im ländlichen Bereich ist es inzwischen kaum noch möglich, Praxisnachfolger zu finden. Auch immer mehr Krankenhäuser schließen.

Stuttgart - An den Tag, an dem um ein Haar der ganz große Wurf gelungen wäre, erinnert sich Bürgermeister Georg Eble noch gut. Das war der Tag, als sich für eine der verwaisten Arztpraxen in seiner Gemeinde ein Bewerber gemeldet hat. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Eble. Doch zwischen dem früheren Praxisbetreiber und dem Interessenten kam es zu keiner Einigung.

Eble ist Oberhaupt von Wutöschingen. Die Gemeinde liegt ganz im Süden des Schwarzwaldes, in der Nähe von Waldshut. Dem Ort geht es noch relativ gut. Es gibt eine Gemeinschaftsschule und gute Busanbindungen. Aber nur noch einen Hausarzt. Zwei Ärzte haben im Frühjahr aufgehört. Auch in den Nachbarorten haben Praxen geschlossen. Die Patienten wissen nicht mehr, wo sie unterkommen sollen. „Zwei Jahre lang haben wir Nachfolger gesucht“, erzählt Eble. Vergeblich. Wie so viele Gemeinden.

„Derzeit gibt es etwa 7500 Hausärzte in Baden-Württemberg“, sagt Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Das sei noch eine recht gute Versorgung. Das Problem allerdings stehe bereits vor der Tür. „Wir gehen davon aus, dass wir 500 Praxen in den nächsten vier, fünf Jahren nicht wiederbesetzen können“, so Sonntag. Besonders auf dem Land.

Die Gründe seien vielschichtig: „Akademiker wollen heute eher in der Stadt leben“, weiß Sonntag. Zudem habe das klassische Bild vom Landarzt sich gewandelt. Viele Frauen studieren Medizin. Das erfordere flexiblere Arbeitszeiten. Junge Ärzte scheuten zudem die Selbstständigkeit, ließen sich lieber anstellen. Außerdem würden zu wenige Allgemeinmediziner ausgebildet. „All das spricht gegen eine Niederlassung im ländlichen Raum.“ Zwar fehlen auch in manchen Städten, etwa in Stuttgart, schon Hausärzte, allerdings ist dort der Weg zum nächsten Mediziner meist deutlich kürzer.

"Die Versorgungskatastrophe ist in Baden-Württemberg bereits eingetreten"

Beim Hausärzteverband sieht man nicht nur die Zukunft kritisch. „Die Versorgungskatastrophe ist in Baden-Württemberg bereits eingetreten“, sagt der Landesvorsitzende Berthold Dietsche. Die Situation sei dramatischer, als die Zahl von 7500 Hausärzten zeige: „Es bieten höchstens noch 4000 bis 4500 Praxen eine Vollversorgung an. Der Rest arbeitet Teilzeit oder hat sich spezialisiert.“ Zudem seien etwa 30 Prozent der Kollegen über 60 Jahre alt. Dietsche weiß: „Die dramatisch zunehmende Erfahrung der vergangenen Jahre heißt, dass es gerade auf dem Land praktisch unmöglich für Ärzte ist, einen Nachfolger zu finden.“

Um das zu erkennen, muss man nicht bis zum Südschwarzwald fahren. Sowohl KV als auch Hausärzteverband bieten Gemeinden und Praxisinhabern Plattformen für die Arztsuche an. Allein beim Hausärzteverband sind derzeit rund 80 Gesuche eingestellt – und zwar in allen Ecken des Landes. Auch in der Region Stuttgart.

Mötzingen am Rande des Landkreises Böblingen etwa ist ein hübscher Ort. Neubaugebiet, Geschäfte, der Springbrunnen plätschert. Im Rathaus sitzt Bürgermeister Marcel Hagenlocher und erklärt, warum die Gemeinde auf der Internetseite des Hausärzteverbandes nach einem Mediziner sucht. „Unser bisheriger Arzt hat aus privaten Gründen über Nacht das Geschlossen-Schild rausgehängt“, erzählt Hagenlocher. „Für unsere Gemeinde ist es wichtig, eine ärztliche Versorgung am Ort zu haben. Deshalb sind wir in die Suche eingestiegen.“

Der Schultes kann einiges bieten. Die Gemeinde plant ein Gebäude mit seniorengerechten Wohnungen. Darin könnte auch eine neue Arztpraxis Platz finden. Herr oder Frau Doktor könnte mitgestalten. „Und für Partnerin oder Partner können wir Arbeitsplätze in fast allen Branchen bieten“, lockt Hagenlocher mögliche Bewerber. Die hat es bereits gegeben – endgültig für Mötzingen entschieden hat sich bisher noch keiner.

Dass das Problem der medizinischen Versorgung nicht beim Hausarzt endet, erfährt man im Allgäu. Und zwar an der Wursttheke beim Metzger in Isny. Auf das Stichwort „Krankenhaus“ hin entlädt sich dort der angestaute Frust. „Das ist eine Katastrophe“, ärgert sich eine Kundin. Die Rede ist von der geplanten Schließung der Klinik aus Kostengründen. „Sie werden niemanden finden, der das gut findet“, sagt die Verkäuferin. In Zukunft müssten Patienten gut 20 Kilometer nach Wangen fahren. „Das ist falsch“, sagt die Frau, „jeder größere Ort braucht seine eigene Klinik.“

Im Allgäu ist die Wut der Leute besonders groß. Denn dort ist zuletzt auch schon das Krankenhaus in Leutkirch geschlossen worden. Es gehörte wie das Haus in Isny zur Oberschwabenklinik. Hauptträger ist der Landkreis Ravensburg. Man habe keine andere Wahl gehabt angesichts hoher Verluste, sagt ein Sprecher: „Wir haben über Jahrzehnte versucht, die kleinen Standorte zu halten, aber jetzt geht es nicht mehr.“

Die Stadt Isny legt Verfassungsbeschwerde gegen die Schließung ihres Krankenhauses ein

Das sieht die Stadt Isny anders. Sie hat gegen den Landkreis und die Schließung geklagt – und mehrfach verloren. Zuletzt vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart. Doch aufgeben will Bürgermeister Rainer Magenreuter nicht. „Wir kämpfen nicht nur, weil wir Lust am Streiten haben“, sagt er. Das Krankenhaus sei enorm wichtig für die Gesundheitsversorgung der Gegend. Auch der emotionale Aspekt kommt hinzu: In Isny hat man schon im 19. Jahrhundert Geld für ein Krankenhaus gesammelt. „Was man einst so hart erkämpft hat, gibt man nicht gern auf“, sagt Magenreuter. Die Stadt hat jetzt Verfassungsbeschwerde eingelegt.

Nicht nur im Allgäu gehen Krankenhäuser verloren. Im Jahr 2002 gab es in Baden-Württemberg noch 325 davon. Inzwischen sind durch Schließungen und Fusionen noch etwa 270 selbstständige Häuser übrig. „Wir gehen davon aus, dass 30 Krankenhäuser komplett verschwunden sind“, sagt Annette Baumer von der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft.

Gleichzeitig ist die Zahl der Betten geschrumpft. Weil aber immer mehr Patienten kommen, muss deren Verweildauer zwangsläufig deutlich sinken. Baden-Württemberg weist laut Baumer bereits heute die niedrigste Bettendichte bundesweit auf. Schuld sei die Unterversorgung der Häuser durch die Politik: „Wenn die fortgesetzt wird, können Versorgungslücken für die Zukunft nicht mehr ausgeschlossen werden.“

Die Ärzteverbände wollen sich nicht auf neue Gelder verlassen. Sie werben bei Medizinstudenten für den Beruf des Hausarztes und setzen auf dem Land auf neue Arbeitsformen. Dabei treten die Verbände als Betreiber auf und stellen Ärzte an. Diese Regiopraxen könnten ein viel versprechendes Zukunftsmodell sein. Dennoch weiß KV-Sprecher Sonntag: „Schnell geht da gar nichts. Junge Mediziner haben derzeit einfach eine komfortable Situation.“

In Wutöschingen warten sie derweil weiter auf den Sechser im Lotto. Die Hoffnung bleibt bei Bürgermeister Eble: „Wir kämpfen weiter wie verrückt um dieses Thema.“

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