Landeselternbeirat „Mehr Flexibilität schadet nicht“

Maria Wetzel, 18.01.2013 18:06 Uhr
Die Landesregierung sollte das Angebot der CDU, einen Pakt für Ganztagsschulen zu bilden, annehmen, fordert der Vorsitzende des Landes­elternbeirats, Theo Keck im Interview.

Stuttgart - Die grün-rote Landesregierung sollte das Angebot der CDU, einen Pakt für Ganztagsschulen zu bilden, annehmen, fordert der Vorsitzende des Landes­elternbeirats, Theo Keck.

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Herr Keck, seit 20 Monaten ist die grün-rote Landesregierung für die Schulpolitik verantwortlich. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Wir freuen uns, dass Grün-Rot einige langjährige Forderungen des Landeselternbeirats erfüllt hat. So wurde die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft, alle Werkrealschüler können die zehnte Klasse besuchen, die Gemeinschaftsschule wurde eingeführt, neunjährige Gymnasialzüge wurden wieder eingerichtet. Allerdings wird der Elternwille nicht in allen Fragen respektiert. 80 Prozent der Eltern würden ihre Kinder lieber auf ein neunjähriges Gymnasium schicken. Die Begrenzung auf 44 Gymnasien ist sachfremd und steht im Widerspruch zu den Wahlversprechen beider Parteien.

Wäre es nicht sinnvoller, die Bildungspläne zu überarbeiten?
Die Ankündigung, die Bildungspläne zu entrümpeln, gab es zuhauf – schon vor der Schulzeitverkürzung 2004. Doch diese Entrümpelung hat vielerorts bis heute nicht stattgefunden. Deshalb lässt sich der Druck für die Schüler nur verringern, wenn man ­ihnen mehr Zeit lässt.

Den neunjährigen Weg zum Abitur könnten doch auch die neuen Gemeinschaftsschulen bieten.
Der Verweis auf die Gemeinschaftsschule wird der Sache nicht gerecht. Zum einen gibt es noch nicht genügend Gemeinschaftsschulen, zum anderen können voraussichtlich nur zehn Prozent eine eigene gymnasiale Oberstufe anbieten. Auch gibt es noch viele Vorbehalte gegen die neue Schulart – dazu trägt auch die teilweise undifferenzierte Polemik derer bei, die sie nicht wollen.

Welche Baustellen muss der künftige Kultusminister, Andreas Stoch, als Erstes angehen?
Die regionale Schulentwicklung muss endlich vorankommen. Es war ein handwerklicher Fehler, nicht gleich bei der Genehmigung der ersten Gemeinschaftsschulen damit und mit der Änderung der Schulbau-Förderrichtlinien zu beginnen. Vor allem aber ist uns wichtig, dass die Bildungspolitik wieder im Kultusministerium gemacht wird, nicht im Staats- oder im Finanzministerium. Der Kultusminister muss die Standfestigkeit und die Hausmacht haben, die zentralen Anliegen umzusetzen.

Sind Einsparungen bei den Lehrerstellen für Sie absolut tabu?
Nein, aber man kann nicht sagen, 20 Prozent weniger Schüler sparen 20 Prozent Lehrer. Für den Ausbau von Ganztagsschulen, die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen, die individuelle Förderung in allen Schularten oder die Inklusion werden zusätzliche Lehrerstunden gebraucht. Und der Unterrichtsausfall in allen Schulen muss genauso reduziert werden wie die strukturelle Unterversorgung der beruflichen Schulen.

Am Wochenende haben sich SPD und CDU beim Thema Ganztagsschule fast übertroffen. Was erwarten Sie?
Mich hat geärgert, dass Finanzminister Nils Schmid den ausgestreckten Arm der CDU zurückgewiesen hat. Regierung und Opposition sollten bei der Bildungspolitik zusammenarbeiten, damit es endlich vorangeht, das gilt auch für die regionale Schulentwicklung. Eltern müssen sicher sein, dass die Kinder in der Ganztagsschule gut aufgehoben sind. Dort müssen auch die Hausaufgaben erledigt und Förderangebote gemacht werden. Auch sollte nicht der Unterricht vormittags zusammengepresst und nachmittags nur noch freie Betreuung oder Fußball auf dem Schulhof angeboten werden. Der Tag muss rhythmisiert sein, Unterricht und Phasen der Erholung und der Bewegung sollten sich abwechseln.

Das ist nur bei einer gebundenen Ganztagsschule möglich. Nicht alle Eltern möchten, dass ihre Kinder nachmittags in der Schule sind.
Es ist uns klar, dass die gebundene Ganztagsschule die besseren pädagogischen Ergebnisse bringt, nicht nur von den Noten und den Fördermöglichkeiten her. Die Schüler profitieren auch sozial und emotional davon, mit anderen zu lernen und zu spielen und - sie haben die Hausaufgaben gemacht! Dafür muss geworben werden, denn dieses Wissen ist noch nicht bei allen Eltern vorhanden. Das gilt auch für die Gemeinschaftsschule, die als Ganztagsschule konzipiert ist. Wir wissen aber aus der Erfahrung mit dem achtjährigen Gymnasium, dass Zwang von oben mehr Ärger als Nutzen bringt – etwas mehr Flexibilität könnte da nicht schaden.

Eine große Baustelle ist auch der gemeinsame Unterricht von Kindern ohne und mit Behinderung. Welche Schritte sind nötig?
Wir brauchen Klarheit, wie die Erfahrungen aus den Modellregionen in der Fläche umgesetzt werden. Mir fehlt auch das klare Bekenntnis dazu, dass Inklusion nicht ohne Mehrkosten und Stellen geht und dass die Sonderschulen erhalten werden. Wir wollen, dass Eltern ein Wahlrecht haben, ob sie ihr Kind zur Sonder- oder zur Regelschule ­schicken.

 
 
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Kommentare (12)
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Stendet Ist schon länger als 1 Jahr her
Zu allererst bitte ich Sie die Unterstellung einer „sozialdemokratischen“ Darstellung zu unterlassen. Ich bin durch und durch unpolitisch und halte nichts von CDU, FDP, SPD, Grünen, Kommunisten, dem ADAC, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden, CSU, Börsenmaklern, PDS, Bänkern, Versicherungsvertretern und Beamten (zu denen ich 'leider' auch selbst zähle) oder wie sie alle heißen - ich glaube nicht an Gott, Kirche, Kreativismus, das FSM, ein Leben nach dem Tod und auch nicht an die Perfektion des Menschen. Ich bin bekennender Zyniker. Zum Zweiten können Sie nicht behaupten, dass meine These falsch ist – sie könnten höchstens sagen, dass sie nicht ausreichend wissenschaftlich belegt ist, was für Ihre Antithese ebenfalls der Fall ist. Zum Weiteren: Ich habe selbst das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erworben und das auch mit einem wortwörtlichen „sehr-sehr guten“ Schnitt. Gerne kann ich Ihnen auch von meiner persönlichen Erfahrung mit diesem Schulsystem berichten. Bis zur 4 Klasse galt ich als absoluter Problemfall, der eigentlich nur für die Sonderschule geeignet schien. Ich bin im Unterricht eingeschlafen, war aggressiv meinen Mitschülern und meinen Lehrern gegenüber. Zuhause war ich hingegen ein absolut ruhiges und ausgeglichenes Kind. Erst in der 4. Klasse kam meine Religionslehrerin auf die glückliche Idee mich zu einem Intelligenztest zu schicken, bei dem dann herauskam, dass ich überdurchschnittlich begabt bin. Wäre diese Frau nicht gewesen, dann hätte meine schulische Laufbahn und mein Leben einen gänzlich anderen Verlauf genommen – ich bin dieser Frau bis heute außerordentlich dankbar! Nach einer Gymnasialempfehlung habe ich mich selbst für die Realschule entschieden, da ich die Kinder mit denen ich auf das Gymnasium gegangen wäre einfach nicht ausstehen konnte. Meine Eltern haben beide einen Hauptschulabschluss, was zu ihrer Zeit auch noch keine Schande war, wie es heute oft dargestellt wird aber evtl. dazu beigetragen hat, dass nicht früher jemand auf die Idee gekommen ist meine Leistungen näher zu untersuchen. Die Realschulzeit war mit die glücklichste in meinem Leben – so viel Freizeit hatte ich nie wieder in meinem Leben. Von der Schule hingegen fühlte ich mich weiterhin weder gefördert noch gefordert (ein Umstand, der einem Jugendlichen „sehr zugute“ kommt). In den meisten Fächern wurde mir wiederholt unterstellt, ich würde in den Klassenarbeiten systematisch betrügen, da es angeblich unmöglich sei so gute Noten zu schreiben, wenn man fast nicht am Unterricht teilnimmt. Ich habe jedenfalls lieber Krank gefeiert. Den Weg zur Freude am Lernen und an der Bildung habe ich erst nach meiner Ausbildung zum Schlosser gefunden. In meinem Bekanntenkreis kenne ich zahlreiche Fälle, die sich mit einem Hauptschulabschluss noch bis zum Abitur durchgekämpft haben – ich sage bewusst GEKÄMPFT. Es ist möglich das zu machen aber wenn es so ist, dass schon über 50% der Studenten kein Abitur auf dem ersten Bildungsweg erlangt haben, dann kann doch an dem System wirklich etwas nicht stimmen! Die Einführung der Werk-Realschule ist für mich nur der Beweis für das Versagen eines überholten Systems. Der Hauptschulabschluss wird dadurch noch weiter abgewertet und de Facto von den Schülern erwartet wenigstens den mittleren Bildungsabschluss zu erreichen. Während meiner Doktorarbeit habe ich 7 Jahre in Schweden verbracht, wo meine beiden Töchter dann auch zur Schule gegangen sind. Beide sind sehr gute Schülerinnen (gewesen und sind heute ausgezeichnete Studentinnen) und sagen beide, dass es die schwierigste Schulzeit ihres Lebens war. Das Lerntempo ist dort ganz anders – ja es ist LANGSAMER – beide Kinder wurden aber individuell gefördert und vor allem gefordert. Die Lehrpläne sind wesentlich schlanker als in Deutschland, was den durchaus engagierten Lehrern dort Freiräume im Unterricht gibt, von denen ein deutscher Lehr-Beamter nur träumt. Es war dort egal, welchen familiären Hintergrund die Kinder haben oder wie ihr Bildungsstand ist - das Kind steht dort im Mittelpunkt und nicht der Lernstoff. Wenn Sie vom Wettbewerb der Systeme sprechen, dann bringen Sie das Problem in Deutschland auf den Punkt: Wettbewerb – immer der Beste seien zu müssen. Wie messe ich eigentlich welches Schulmodell besser ist - an den Noten, die an einem mehr oder weniger willkürlichen Lehrplan orientiert sind? Ich fasse es nicht, was es in D. für einen Unterschied macht, in welchem Bundesland man sein Abitur gemacht hat. Die Studenten kommen mit teilweise vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen in meinen Unterricht. Ich versuche trotzdem jeden auf seine Weise zu fördern und halse mir damit einen ganzen Brocken Mehrarbeit im Vergleich zu meinen Kollegen auf, die auf klassischen Frontalunterricht und das wortwörtliche „Aussieben“ setzen. Wenn Sie sagen, dass inzwischen mehr als 50% der Studenten das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erlangt haben, dann werde ich dies in Zukunft bei der Führung meiner Statistik berücksichtigen – mich würde interessieren, wie viele von ihnen das Studium erfolgreich beenden. Das dreigliedrige Schulsystem setzt sich in Deutschland ja sogar beim Studium fort: ganz unten im akademischen Ansehen rangieren die Berufsakademien und die Fernuniversitäten, dann kommen die früheren Fachhochschulen und ganz oben die Universität. Früher hatte man entsprechend gekennzeichnete Titel (Dipl.-Ing. (FH) usw.) – was teilweise Berufswege versperrte. Der Bologna-Prozess, den ich persönlich sehr begrüße auch wenn er in Deutschland (und besonders in Baden-Württemberg!) geradezu missbräuchlich umgesetzt wurde und wird, bricht diese Strukturen endlich auf. Ich wünschte mir wirklich jemanden aus einer Akkreditierungsagentur einmal durch einen heutigen Bachelorstudiengang zu scheuchen – aber ich schweife ab. Für alle weiteren Fakten bitte ich Sie den folgenden imo sehr gelungen Artikel der Wikipedia zu lesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsbenachteiligung_in_der_Bundesrepublik_Deutschland Sollten Sie nicht zu denjenigen Leuten gehören, die versteinert auf Ihren Ansichten beharren, *hustCHRISTDEMOKRAThust* dann werden Sie für den einen oder andere Kritikpunkt vllt. aufgeschlossen sein (ironiemodusaus). Mit freundlichen Grüßen Stendet
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Fragender Ist schon länger als 1 Jahr her
Ähm ja genau was für eine Bildung denn ? Die Kids von heute machen ja so schon nix mehr man sieht es tagtäglich es ist noch nicht mal Mittag und sie haben nur blödsinn im Kopf einfach irre was sie sich erlauben . Und dann soll man G8 abschaffen ??? Das ist das gerechteste was es gibt.
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Jon Ist schon länger als 1 Jahr her
Endlich mal ein Landeselternbeirat der praagmatisch und sachlich zu den Fragen Stellung nimmt und keine ideologischen Stellvertreterkriege führt. Es gibt in Europa kaum Länder ohne Ganztagsschule und diese Schulform hat natürlich sofort Auswirkungen auf die Entlastung der Familie. Zum einen können die Eltern arbeiten gehen und zum anderen wird das Lernen dort veranstaltet, wo es hingehört: in der Schule. Und was die Gemeinschaftsschule angeht, so sollten alle politische Verantwortlichen, auch die Opposition diese Reform unterstützen. Die Opposition soll lieber ausreichenden Druck erzeugen, dass genug Lehrer für diese Schulform bereitstehen. Die Gemeinschaftsschule ständig als Einheitsschule zu verunglimpfen und die Eltern dagegen aufzuhetzen ist keine politisch ordentliche Arbeit.
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Busfahrer Ist schon länger als 1 Jahr her
Was für eine Bildung sollen die haben ? So was wie heute ist ja nicht mehr normal. Die machen nichts mehr und die Ausdrucksweise läst zu wünschen übrig. Jeder hat ein Smardfone das ist von Haus aus wohl schon wichtig. In der Bahn wird nur mist gemacht neulich hat einer die Hand aus dem Zugtür// Gummi gestreckt ich sag nur leider ist nix passiert da hätten viele Ihren Spaß gehabt. Selber schuld manchen schreien gerade zu an Aufmerksamkeit die sie daheim sicher nicht kriegen. Spätestens 11 Uhr sieht man die ersten wieder rumgammeln. Typisch deutsches Schulsystem.
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Leser Ist schon länger als 1 Jahr her
Danach sind die eh nur Harz4 Empfänger. Naja meiner Meinung nach dürfte es nur noch G 8 und nix anderes mehr geben. Nur noch Ganztagsschulen und Ferien um 30% kürzen. ESSEn in der Schule vernünftig ! Kochen kein Fastfood daheim oder vor der Glotze hocken. Vernünftig Lernen nicht schon nach dem Frühstück wieder frei haben.
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