Landesamt für Denkmalpflege Archäologie keine hoheitliche Aufgabe mehr

Von Thomas Faltin 

In Baden-Württemberg ist es noch ungewöhnlich: Dieses Skelett eines Menschen aus dem Hochmittelalter in Filderstadt-Bernhausen ist von Archäologen eines privaten Unternehmens ausgegraben worden. Foto: Georg Häußler/Archaeotask
In Baden-Württemberg ist es noch ungewöhnlich: Dieses Skelett eines Menschen aus dem Hochmittelalter in Filderstadt-Bernhausen ist von Archäologen eines privaten Unternehmens ausgegraben worden. Foto: Georg Häußler/Archaeotask

Das Denkmalamt ist unter Druck und setzt deshalb auf ein neues Konzept: Es kann womöglich fast 50 Archäologen anstellen, lässt aber zugleich verstärkt private Firmen graben. Die Sache birgt einige Brisanz.

Stuttgart - Die Angelegenheit ist noch nicht in trockenen Tüchern, deshalb würde Claus Wolf, der Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, am liebsten noch nicht darüber reden. Erst im Februar entscheidet der Landtag bei seiner Haushaltsdebatte darüber, ob er beantragte 50 Archäologie-Stellen bewilligt. Und auch über dem neuen Grabungskonzept brütet noch eine Arbeitsgruppe. Aber Claus Wolf hat trotzdem in sein Büro nach Esslingen gebeten und sagt: „Die Zahl der Rettungsgrabungen ist sprunghaft gestiegen. Das kann von unserem Stammpersonal nicht mehr aufgefangen werden – selbst nach einer möglichen Personalaufstockung.“

Tatsächlich sind es die Probleme um die Rettungsgrabungen, die zu einer beinahe grundlegend neuen Organisation der ar­chäologischen Arbeit in Baden-Württemberg führen. Erstens sah das Landesamt für Denkmalpflege (LAD) jene Grabungen, die mehr oder minder zufällig durch ar­chäologische Entdeckungen bei Bauarbeiten zustande gekommen sind, als nicht planbar an – und hat deshalb meist freie Archäologen spontan und zeitlich befristet angestellt. Für viele ist dieser Beruf ein Traumjob, doch für nicht wenige entpuppt er sich als Albtraum; denn sie hangeln sich von Projekt zu Projekt, eine feste Anstellung gelingt den wenigsten.

Mit Unterstützung der Gewerkschaft Verdi klagten sich zuletzt mehrere Archäologen wegen oft nahtlos ineinander übergehender Projektanstellungen beim LAD ein. Die Behörde zog die Reißleine: Nach zwei befristeten Verträgen bekommen Archäologen seit einiger Zeit keinen weiteren Grabungsjob mehr. Ein Dilemma für beide Seiten: Das LAD kann erfahrene Mitarbeiter nicht mehr beschäftigen, und die Archäologen haben erst recht keine Aussicht auf einen Vertrag mehr. Der Verdi-Sekretär Markus Kling sah zudem die Qualität der Grabungen bedroht, da nur noch unerfahrene Mitarbeiter zur Verfügung standen.

2015 wurden im Land mehr als 80 Grabungen durchgeführt

Zweitens gab es schon deshalb kaum noch Personal, weil die Zahl der Rettungsgrabungen kontinuierlich gestiegen ist. Im Geschäftsbericht sind für das Jahr 2015 mehr als 80 Forschungs- und Rettungsgrabungen in Baden-Württemberg aufgeführt. Das ist mit den etwa 80 (von insgesamt 300) Stellen, die beim LAD im Grabungssektor angesiedelt sind, nicht mehr zu schaffen. Dass die Zahl der Grabungen wächst, liegt an der Behörde selbst: Denn das LAD weiß mittlerweile sehr gut, wann und wo Baugebiete erschlossen werden und wann größere Baustellen beginnen – rechtzeitig vorher werden die Flächen systematisch mit neuer Technik untersucht. Das nennen die Archäologen Prospektion.

Der gordische Knoten soll in diesem Jahr durchschlagen werden. Zum einen eben, indem womöglich bis zu 50 Arbeitsverträge entfristet oder Archäologen neu angestellt werden können. Für Markus Kling – und für die Archäologie insgesamt – wäre das ein wichtiger Erfolg. Auch wenn diese Regelung durchaus neue Ungerechtigkeiten schaffen könnte: Denn gerade jene Archäologen, die sich in den vergangenen Jahren für die sozialen Belange ihres Berufsstands verkämpft haben, könnten nun leer ausgehen. Sie haben mit dem LAD bereits Vergleiche geschlossen oder sind schweren Herzens in einen anderen Beruf abgewandert.

Wie das Verfahren laufen soll, kann Claus Wolf erst sagen, wenn der Landtag entschieden hat. Die Chancen für die Freigabe der Stellen sind hoch, denn sie werden die öffentliche Hand nichts kosten. Teils werden laut Arndt Oschmann vom Wirtschaftsministerium Wettmittel umgeschichtet, teils müssen sowieso die Bauherren die Bergung der Funde bezahlen, die auf ihren Grundstücken entdeckt werden.

Zum anderen sollen verstärkt private Grabungsfirmen zum Zug kommen. Häufig stehen dahinter Archäologen, die ihr eigener Chef sein wollen – das erste Unternehmen dieser Art ist in Baden-Württemberg im September gegründet worden. Es heißt Archaeotask, sitzt in Engen in der Nähe des Bodensees und leitet derzeit auch eine Grabung im Ortskern von Filderstadt-Bernhausen (Kreis Esslingen). Für Baden-Württemberg ist diese Vergabe an Private noch ungewöhnlich; anderswo sei dies schon lange die Regel, sagt Claus Wolf. Zum Beispiel im benachbarten Bayern, wo das Landesdenkmalamt gar keine Rettungsgrabungen mehr selbst macht. Auch in Baden-Württemberg sieht man in den Grabungen nun keine hoheitliche Aufgabe mehr, die nur das LAD machen dürfte.

Die erste Grabungsfirma ist im September gegründet worden

Der Verdi-Sekretär Markus Kling schaut dagegen mit einiger Skepsis auf diese Firmen. Er befürchtet, dass die Mitarbeiter schlechter bezahlt werden als im öffentlichen Dienst. Und auch die Qualität der Grabungen könne leiden, weil die Bauherren auf eine kleine Privatfirma besser Druck ausüben könnten, damit diese die Arbeit schnell abschließt. Kling hätte es lieber gesehen, wenn das LAD einen Landesbetrieb für die Rettungsgrabungen gegründet hätte: „Da die Bauherren die Kosten übernehmen müssen, gibt es gar keine Not zur Privatisierung.“ Doch ein solches Modell ist, hört man bei Claus Wolf zwischen den Zeilen heraus, bereits vom Tisch.

Das Landesamt macht Vorgaben – und kontrolliert auch

Die Wirklichkeit in solchen Firmen ist sehr unterschiedlich. Ein Mitarbeiter einer bayerischen Grabungsfirma berichtet, dass er deutlich besser bezahlt werde als an der Universität oder am LAD; doch es würden manchmal auch rumänische Archäologen angestellt, die deutlich weniger verdienten. Seit der Jahrtausendwende schon werden in Bayern private Unternehmen eingesetzt – am Anfang habe eine ziemliche „Wildweststimmung“ geherrscht, doch mittlerweile habe man die Qualitätsprobleme im Griff, sagt der Mitarbeiter. Druck von den Investoren habe er noch nicht verspürt: „Das Landesamt für Denkmalpflege als Fachaufsicht kontrolliert sehr eng.“ Allein die Vorgaben, wie die Firmen die Grabungen zu dokumentieren haben, umfassen in Bayern 50 Seiten; das Handbuch zur Grabungstechnik hat 27 dicke Kapitel. Auch für Baden-Württemberg stellt Wolf klar: „Die fachlichen Standards werden mit Sicherheit wir festsetzen, und wir werden die Arbeiten auch kontrollier­en.“ Für ihn kann das neue Zeitalter kommen.

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