L’inganno felice Die Verfertigung der Gedanken beim Singen

Von Susanne Benda 

Der Herzog (Artavazd Sargysan) mit Jeep und Flötist Foto: ROSSINI IN WILDBAD |
Der Herzog (Artavazd Sargysan) mit Jeep und FlötistFoto: ROSSINI IN WILDBAD |

Das Festival „Rossini in Wildbad“ zeigt Gioachino Rossinis „L’ inganno felice“ in exzellenter Besetzung - Fogliani ist einer der zurzeit wichtigsten, interessantesten Rossini-Dirigenten.

Bad Wildbad - Auf der Bühne ist alles einfach und klar: Hinten rechts sieht man eine Art Jägerstand, vorne links eine Art Brunnen. Das Orchester im Graben des Königlichen Kurtheaters in Bad Wildbad muss sich hingegen erst ein Weilchen zusammenraufen, bis die Tongenauigkeit und rhythmische Präzision stimmen. Dann aber lösen die Virtuosi Brunensis ein, was ihnen Antonino Fogliani abfordert: Dann startet Rossinis Rhythmusmaschine durch, und über den stampfenden Motor legt sich in weiten Bögen der Gesang.

Fogliani ist einer der zurzeit wichtigsten, interessantesten Rossini-Dirigenten: Das beweist der italienische Dirigent des Jahrgangs 1976 durch die Art und Weise, mit der er immer wieder Tempo und Dynamik staut und wieder fließen lässt, mit der er Klangfarben gestaltet und mit der er dem oft halsbrecherisch raschen Sprechsingen der Akteure mit dem Orchester zuarbeitet.

Ein großer Dirigent bei einem kleinen Festival: Diese Paarung reibt sich nur in den Augen derer, die „Rossini in Wildbad“ nicht kennen. Alle anderen wissen um die musikalische Qualität, der Jochen Schönleber als Intendant auf geradezu manische Weise zuarbeitet. Sie war auch bei der ersten Premiere des diesjährigen Festspieljahrgangs, bei Rossinis Einakter „L’ inganno felice“ („Die glückliche Täuschung“) zu erleben. Für nahezu reines sängerisches Glück sorgte hier vor allem Silvia Dalla Benetta, die sich mit ihrem (im Kurtheater oft fast raumsprengenden) Mezzosopran immer wieder den Grenzen des vokal und emotional Darstellbaren nähert; ihre große Bravourarie meistert die Sängerin grandios – auch wenn mancher Koloraturstrecke etwas weniger Kraft und etwas mehr Leichtigkeit gutgetan hätte.

Artavazd Sargsyan gehört zur seltenen Spezies jener leichten, hohen, agilen Tenöre, wie sie Rossinis Opern einfordern, und wenn man von gelegentlich leicht verschleppten Tempi und noch gelegentlicheren Unsicherheiten bei der Tonfindung absieht, macht er seine Sache als Herzog sehr gut. Ein Bühnentier ist allerdings nicht er, sondern der Bassbariton Lorenzo Regazzo, der als Strippenzieher Tarabotto auf so lustvolle Weise agiert, dass man ihm seine Neigung zum Chargieren gerne nachsieht. Exzellent sind auch die beiden intrigierenden Bösewichte Ormondo (Baurzhan Andershanov) und Batone (Tiziano Bracci) besetzt.

Die Inszenierung des Intendanten selbst setzt, was das Stück sagt, schlicht ins Bild. Nur der Auftritt des Herzogs (im Militär-Jeep, unter anderen begleitet von einem Flöte spielenden GI) fällt als ironisches Aperçu leicht aus dem Rahmen. Das Stück steuert dramaturgisch eher simpel, gelegentlich sogar etwas plump auf ein Finale zu, bei dem eine zu Unrecht verstoßene Frau wieder zu ihrem reuigen Ex zurückfindet. Zwischendurch wird getäuscht, wird beiseite Gesprochenes belauscht, der Zufall muss dem Glück mächtig auf die Sprünge helfen, und man muss erneut bewundern, dass gerade die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Singen Rossini zu Wunderwerken des musikalischen Mit- und Gegeneinanders befeuerte. Die Ensembles, in denen drei bis fünf Personen nebeneinander singend ganz Unterschiedliches denken und fühlen, sind Zucker für Vokal-Gourmets, und das nächtliche Finale von „L’ inganno felice“ gehört in diesem Sinne mit zum Spannendsten, was Rossini je komponiert hat. Bad Wildbad ist auch 2015 wieder eine Reise wert.

„L’ inganno felice“ ist nochmals am 17. und 23. Juli zu sehen. Weitere Opern: „Le Cinesi“ von Manuel García am 18. und 25 Juli, „Bianca e Falliero“ von Rossini am 18., 24. und 26. Juli, „I vespro siciliano“ von Peter Joseph von Lindpaintner am 25. Juli (konzertant). Mehr zum Programm unter www.bad-wildbad.de/rossini

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