Kurse nicht gratis nachholen Rentneraufstand im Mineralbad Berg

Eva Funke, 16.02.2013 14:00 Uhr

Stuttgart - Rund ein Dutzend Männer und Frauen zwischen etwa 60 und 75 Jahren treffen sich regelmäßig am Freitagmittag zur Wirbelsäulengymnastik im Mineralbad Berg. Doch ab und zu fehlt ein bekanntes Gesicht. „Wenn viel Schnee liegt und es glatt ist, trauen sich manche Kursteilnehmer aus Angst zu stürzen nicht auf die Straße. Es sind ja nicht mehr alle hundertprozentig rüstig. Außerdem kann in dem Alter immer mal jemand krank werden“, sagt Ingrid Striethorst. Die 60-jährige Stuttgarterin ist wie alle aus der Freitagsgruppe Stammgast im Mineralbad Berg und macht dort seit fünf Jahren bei der Wirbelsäulengymnastik mit. „Bisher konnte jeder eine verpasste Stunde in einem der Parallelkurse an einem anderen Tag bei der gleichen Kursleiterin nachholen“, sagt sie.

Dieser Praxis schieben die Bäderbetriebe Stuttgart jetzt einen Riegel vor. Versäumte Stunden fallen ins Wasser. „Wer sich zu einem Spanischkurs in der Volkshochschule angemeldet oder eine Karte fürs Theater gekauft hat, kann die Spanischstunde oder Theateraufführung auch nicht zu einem anderen Zeitpunkt besuchen“, verteidigt Anke Senne, Chefin der Bäderbetriebe, die Marschrichtung und beruft sich auf den Paragrafen sechs der Badeordnung. Dort steht, dass die Karten für die Kurse nur für den jeweiligen Kurs gültig sind. Dass die Kursteilnehmer ihre Stunden bislang nachholen konnten, sei nicht mit den Bäderbetrieben abgestimmt gewesen. „Die Kursleiterin hat eigenständig gehandelt“, erklärt Senne und stellt fest, dass es durch dieses „gut gemeinte“ Fehlverhalten zu extremen Ausmaßen gekommen sei. So sei bei Kontrollen aufgefallen, dass Leute wiederholt ohne zu bezahlen bei Kursen mitgemacht hätten. „Das ist wirtschaftlich nicht vertretbar“, sagt Senne. Außerdem weist sie auf die Werbung für die Gesundheitskurse hin. Dort ist zu lesen, dass die Gruppen klein sind und maximal 14 Teilnehmer haben.

„Den Behörden sollte es um die Gesundheit der älteren Menschen gehen“

Die empörten Rentner auch aus anderen Kursen haben mittlerweile zahlreiche Beschwerden an die Stadtverwaltung geschickt und eine Liste mit 85 Unterschriften gesammelt. Damit wollen sie den Bezirksbeirat Ost und den Bäderausschuss des Gemeinderats konfrontieren. „Den Behörden sollte es nicht um die Paragrafen, sondern um die Gesundheit der älteren Menschen gehen“, fordert Striethorst im Namen der Rentner und stellt klar: „Wir geben keine Ruhe, bis das wieder anders geregelt wird.“

Die Argumentation der Bäderchefin wollen Striethorst und ihre Mitstreiter nicht gelten lassen. Pro Kurs würden höchstens zwei Teilnehmer fehlen für die es in einem der Parallelkurse einen Platz gebe. Außerdem würden die Zehnerkarten immerhin 108 Euro kosten. „Die meisten haben nur eine schmale Rente. Für die ist das viel Geld“, sagt Striethorst und weiß, dass es „schon Tränen gab“, weil eine betagte Dame ihre Kursstunde nicht nachholen durfte. Und der 74-jährige Erich Rach klagt, dass er demnächst ins Krankenhaus muss und dann trotz Attest vom Arzt drei Stunden verfallen.

Die Senioren bedrückt aber auch noch etwas anderes. Sie befürchten, dass die wirtschaftlichen Einbußen, die die Bäderbetriebe als Grund für ihre Haltung anführen, nur ein Vorwand sind. „Wir sollen rausgedrängt und unsere Kurse durch ein Angebot ersetzt werden, dass auf jüngere Teilnehmer zugeschnitten ist“, vermutet Striethorst. Der Hintergrund für ihre Befürchtung: In zwei Jahren soll das Mineralbad Berg für rund 4,5 Millionen Euro saniert werden.

 
 
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Kommentare (15)
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FEB
20
Badegast, 21:52 Uhr

... gratis nachholen? das ja wohl nicht

... Kursstunden werden nicht gratis nachgeholt, der Kursteilnehmer hat sie ja bezahlt. Wenn ich ein Theaterabo habe und ich kann meinen Abotermin nicht wahrnehmen, dann kann ich sehr wohl den Termin auch relativ kurzfristig tauschen und eine andere Vorstellung - sogar eine meiner Wahl - besuchen. Wenn ich einen Spanischkurs an der VHS gebucht habe, dann ist immer drin, die ausgefallene Kursstunde mithilfe der/des Dozent/in/en nachzuarbeiten - also sooo abwegig ist es überhaupt nicht, ausfallende Kursstunden anderweitig nachholen zu wollen / zu können, wie das hier von der Bäderleitung recht polemisch dargestellt wird. Weder das Theaterabo noch irgendein Kurs wird ja wohl aus Jux und Dollerei gebucht und bezahlt. Das Interesse am jeweiligen Thema kann wohl getrost vorausgesetzt werden. Wirtschaftlichkeit ist dabei aber nicht einseitig, auch die zahlenden Teilnehmer haben ein Interesse daran, für ihr bezahltes Geld die entsprechende Leistung abrufen zu können. Der Vorschlag - offene Kurse mit Punktekarten - ist dabei sehr attraktiv. Geehrte Bäderleitung der Stadt Stuttgart - denkt doch nochmal mit Verstand und Herz - dann kommt bestimmt eine für beide Seiten akzeptable Lösung raus und - btw - macht Werbung für eure Mineralbäder - diesem absoluten Naturschatz, den wir hier haben, und verprellt nicht die zahlenden Nutzer, sondern seht zu, dass derer Zahl mehr und nicht weniger wird. Ich möchte gerne Badegast in einer freundlichen und entspannenden Umgebung sein, ich zahle gerne meinen Obolus dafür, wenn ich mit Zufriedenheit nach Hause gehe und mich dabei schon auf den nächsten Termin freuen kann, aber ich wehre mich dagegen, wenn der Bürokratie mehr gedient wird als dem Menschen. Denkt mal !

FEB
20
Badegast, 21:37 Uhr

die Kurse im Mineralbad Berg

Mein Eindruck nach der Lektüre aller dieser Beiträge ist - die wenigsten sind wohl wirklich Badegäste im 'Neuner', wie das Berg auch liebevoll genannt wird. Mein Eindruck von dem ganzen Bohai, der da jetzt veranstaltet wird, ist, dass die Gymnstikkurse rausgedrängt werden sollen, weil man die Gymnastikhalle und das Bewegungsbad eigentlich nicht mehr reparieren und renovieren will. Es geht die Rede, das das Mineralbad Berg zu einem Sommerfreibad reduziert werden soll. Ob sich dafür aber der Millionenaufwand an Sanierungskosten lohnt ? Im ürigen: bei der bisher tolerierten Praxis, ausgefallene Kursstunden in anderen Kursen nachzuholen sind den Bäderbetrieben KEINE Mehrkosten entstanden, weil sie in sowieso laufenden Kursen integriert wurden. Also - die Kursleiterin ist da, die Heizung läuft, das Bewegungsbad ist da, ob da 10 oder 12 Leute drin sind, ist ja wohl wurscht, und dass der Kursteilnehmer vor und nach dem Bade duscht, das hat er ja wohl mit seiner Kursgebühr reichlich bezahlt. Die seitherige Praxis, von einem Kurs in den anderen weitergeführt zu werden, ist -wie ich meine aus bürokratischer Schikane- auch nicht mehr möglich. Man muss jetzt -jeder, ob regelmäßiger Kursteilnehmer oder Neueinsteiger oder gelegentlicher Kursbucher - per Formular jeweils den nächsten Kurs anmelden und 1 Woche vor dem Kursbeginn die Kursgebühr bezahlen, damit man gnädigerweise an diesem Kurs teilnehmen darf. Dabei sind die laufenden Kurse und die langjährigen vollzahlenden Kursteilnehmer eigentlich eine verlässliche Position in der Wirtschaftlichkeitsrechnung der Bäder. Dass man ausgerechnet diese Menschen derartig verprellt, ist doch mehr als fragwürdig. Was mich im übrigen wundert: auf der Internetseite der Stadt Stuttgart findet sich kein einziger Hinweis auf die Mineralbäder, obwohl dieses qualitativ hochwertige Mineralwasser das zweitgrößte Vorkommen in Europa ist. Ich frage mich, warum macht man nichts daraus ?

FEB
19
ghostwriter, 09:42 Uhr

Aber, aber lieber Schneemann

@Schneemann mal ne Frage, wie alt sind Sie? Wie geschrieben, bin ich auch schon über 70. Wenn ich jetzt schreibe, daß die Jugend (unter 29) pöbelt, frech und dauern besoffen ist, wie wäre Ihre Reaktion? Sie machen den gleichen Fehler wie die von Ihnen angeprangerten Alten, Sie verallgemeinern. Genauso wie es Ältere gibt, die so reagieren, wie Sie schreiben, gibt es entsprechende Jugendliche (hey Alda was wills`de)Mit selbst schon passiert. Ich bin aber noch nie einer Rentnergang begegnet. Ausserdem wiederhole ich, dass ich das Bäderamt vollständig verstehe.

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