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Kunstmuseum Der Buchstabe muss leben

Nikolai B. Forstbauer, vom 21.02.2011 18:50 Uhr
Sammlung Rudolf und Ute Scharpff 
Phase 2, Crystal Phase, 1985  Foto: Kunstmuseum
Sammlung Rudolf und Ute Scharpff Phase 2, Crystal Phase, 1985 Foto: Kunstmuseum
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Stuttgart - Buchstaben sind nicht nur Buchstaben, sie sind Teil einer Systematik, einer Standardisierung - und damit ebenso Teil wie Voraussetzung der Unterwerfung. Gibt es einen Ausweg? Die Buchstaben müssen leben, um ausbrechen zu können. Davon zumindest waren die Graffiti-Aktivisten überzeugt.

"Wenn das Wort Amerikaner ausgesprochen wird", sagt der unter dem Namen Phase 2 bekannt gewordene Spraykünstler, "existieren wir Afrikaner und Lateinamerikaner überhaupt nicht." Eine Antwort? Im Tanz, in der Musik ließ sich zunächst formulieren, was politisch noch bis in die frühen 1970er Jahre nicht denkbar war: Dass die Weißen nicht unter sich bleiben konnten in einem Land, das noch im Gründungsmythos gleiche Chancen für alle versprach. Den zunächst geduldeten Stars auf den Bühnen folgten die Heroen der Straße. Zeichen markierten in den US-amerikanischen Großstädten Reviere, aus der in eiligen Aktionen mit Pinsel und Farbe aufgebrachten politischen Botschaft entwickelten sich noch schneller aufgebrachte Wortfigurationen, die den Anspruch, gehört werden zu wollen, mit dem Anspruch verband, ein Stadtgebiet zu dominieren, ein Revier zu markieren.

Möglich machte diese Entwicklung eine technische Entwicklung, die Sprühfarbe. Schnell sein, bunt sein - die Botschaft aus der Dose machte es möglich. Der eigene Namen des Sprayers als Aussage, als Behauptung: Diese Logik ist nur aus der Geschichte zu verstehen. Indem das Nicht-Geduldete einen (Kunst-)Namen hinterlässt, bleibt sein Anspruch zwar vordergründig anonym, tatsächlich aber wird das "tag" genannte Kürzel, wird der erfundene Name zu einer eigenen Biografie. Was eine Biografie hat, lebt, was lebt, kann für und gegen etwas agieren, strebt zwangsläufig nach Selbstbestimmung - entzieht sich der bloßen Einordnung und ist zwangsläufig eine Gefahr für eine Gesellschaft, in der wenige definieren, welche Ansprüche viele zu stellen haben oder eben nicht.

Als die Stuttgarter Kunstsammler Ute und Rudolf Scharpff Anfang der 1980er Jahre nach New York kommen, um sich über jüngste künstlerische Äußerungsformen zu informieren, bekommen sie bald auch Kontakt zur Sprayer-Szene. Schon waren die ersten Schritte in die Kunstrepräsentation gegangen, noch lieferten sich Delta 2, Phase 2, NOC 167 und viele andere harte Sprühduelle. Vor allem die U-Bahn-Waggons wurden markiert.

Was geschieht nun, wenn man die so entstandenen Bildwelten aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang reißt? Wenn zwei Jahrzehnte multimedialer Bilderflut über die Graffitis hinwegrollen? Die Werke jedenfalls, die Ute und Rudolf Scharpff nun im Kunstmuseum präsentieren und damit eine neue Ausstellungsreihe eröffnen, die - im Wechsel mit der etablierten Reihe "Frischzelle" - das Engagement der Kunst-Förderer stärker sichtbar werden lassen soll, zeigen kaum Spuren der Historisierung. Frisch, direkt, im besten Sinn gegensätzlich ist der Auftritt. Bis hin zu jener Explosion in Gelb, mit welcher der 2010 gestorbene Rammelzee die Verwandlung von U-Bahn-Waggons in "Gefechts-Vehikel" auf die Leinwand überträgt.

Überraschend großzügig erscheint die Schau im Untergeschoss der Sammlungsräume des Kunstmuseums. Der Beweis ist erbracht, dass bewusst temporäre Partnerschaften das Kunstmuseum lebendig halten können. Der Graffiti-Antritt der Scharpffs (durchaus ein Risiko, wenn man an die Erwartungshaltung denkt, den international bekannten Scharpff-Werkblöcken von Robert Gober, Neo Rauch oder Christopher Wool zu begegnen) überzeugt, weil er überrascht, für sich einnimmt und doch Raum für kritische Fragen lässt.

www.kunstmuseum-stuttgart.de

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