Stuttgart - Reife braucht Zeit. So sehr gerade in Stuttgart und Baden-Württemberg das Werk Walter Stöhrers gewürdigt worden ist, so selten hat man bisher das Spätwerk des von Karlsruhe aus 1958 früh nach Berlin aufgebrochenen und im Jahr 2000 verstorbenen Malers wahrgenommen.
Jetzt holt das Kunstmuseum Stuttgart mit einer Sonderschau aus zwölf großformatigen Gemälden und einigen 1998 entstandenen Gouachen das Versäumte nach. Zugleich setzt das Haus damit seine zum Jahresbeginn initiierte Ausstellungsreihe fort, mit der es Sammlern aus Baden-Württemberg und Stiftungen, die mit dem Museum durch Leihgaben verbunden sind, ein Forum gibt. So ist die 1999 gemalte Komposition "Wie das Licht zwischen Zauber und Zeichen" als Dauerleihgabe der Walter-Stöhrer-Stiftung schon länger ein Blickfang im Kunstmuseum gewesen. Nun stammen sämtliche Exponate der auf Wesentliches konzentrierten Schau aus dem Fundus der Walter-Stöhrer-Stiftung, die in Scholderup ihren Sitz hat. Dort hatte der Maler in einem zur Werkstatt umgebauten ehemaligen Landgasthof einen inspirierenden Rückzugsraum gefunden, ehe ein Lungentumor seinem Schaffen ein vorzeitiges Ende setzte.
Bewegung ist und bleibt auch in den kolossalen späten Arbeiten das Leitmotiv von Stöhrers künstlerischem Tun. Vorausgehend hat man sich wohl so etwas wie innere Bewegung vorzustellen, die nicht selten von literarischen Texten angestoßen wird. Schwungvoll hingeschriebene Zitate werden zu integrierten Bestandteilen der Kompositionen des Künstlers. Die kleine Auswahl von Gouachen zu Gedichten des syrisch-libanesischen Dichters Adonis, "Der Zauberer des Staubs", vermittelt davon eine Vorstellung. Auch "Bilder auf Texten" sind in guter Erinnerung, wo der Literatur eine buchstäblich "tragende" Rolle anvertraut ist. Die umwerfende Dynamik, die alle Bilder Stöhrers auszeichnet, geht freilich auf das Konto der ausgreifenden Bewegungen, mit denen Stöhrer beim Malen vorgeht. Der skripturale Zug bleibt bei großen Formaten nicht nur erhalten: Als mächtiges Hin und Her und Auf und Ab steigert er sich vielmehr zu ebenso tänzerischer wie leidenschaftlicher Gestik. Dabei teilen sich handspannenbreite Pinselzüge und nervös schweifende rote und schwarze Konturlinien die Aufgaben beim "Angeliter Schlachtfest" brüderlich, wie Stöhrer überhaupt bei der Wahl seiner Mittel kein Entweder-oder mochte, sondern sich für ein herzhaftes Sowohl-als-auch entschied.
Die verhaltene beziehungsweise verzögerte Rezeption Stöhrers mag damit zusammenhängen, dass sein êuvre sich der Einordnung in gängige Stilschubladen sperrt. Zwar gehört der gebürtige Stuttgarter (1937), der in den 1950er Jahren an der Karlsruher Akademie bei dem Holzschneider und Maler HAP Grieshaber studierte, mit Horst Antes, Heinz Schanz und Dieter Krieg zu den Initiatoren der Neuen Figuration. Dennoch handhabt er die figurativen Elemente dermaßen diskret, dass ungeschulte Blicke sie weder bei "Roter Caspar" noch bei der grotesken "Priapsfigur" ohne weiteres ausmachen. Bestenfalls sind schlängelnde Arme, tastende Finger, glotzende Augen oder lässig hingekritzelte Lemuren zu entdecken, die da dreist oder dort heimlich ihr Unwesen treiben.
Andererseits widerlegt der Irrwisch, der auf einem unbetitelten Hochformat von 1999 mit gewaltigem Sprung vom Boden abhebt, etwaige Verwandtschaftsbeziehungen zum Informel oder zu neoexpressionistischen Tendenzen gründlich. Auch der da und dort zwischen den Farbkaskaden sich öffnende assoziativ empfundene Raum tut dies wie auch die weiterhin als Schrittmacher oder Keimzellen der Bildfindung dienenden Collageteile.
Sie brechen das Siegel des noch nicht Vorhandenen wie die eingeklebte Radierung in "Noch nicht", einem der Schlüsselbilder in dieser Auswahl. Auch bei den Varianten zum Thema "Hermaphrodit" sowie bei der Auseinandersetzung mit dem griechischen Fruchtbarkeitsgott Priapos entfaltet sich die Malerei über grotesken Fabelwesen mit Vogelfüßen, Brüsten, drei Köpfen und anderen Abnormitäten. Wesentlich ist, dass diese Adaptionen im Kunstwerk bruchlos aufgehen. Widersprüche stehen seinem Gelingen ja nicht etwa im Weg, sondern bilden eine Voraussetzung dazu.
So findet Stöhrer in den späten Gemälden zunehmend Gefallen am weißen Grund der Leinwand. Seine Kompositionen werden offener und lichter, ohne dass sie an Dichte oder gar an ungestümer Dynamik einbüßen. Was nicht bemalt ist, das "Noch nicht" des Malgrunds, wird zum gleichberechtigten Partner aller übrigen Teilnehmer am Schöpfungsprozess. Wie der Künstler Linien und Flächen Komplizenschaft einräumt, so auch Wörtern und Bildern und eben auch der Figur und dem leeren Grund. An Spannkraft und Wirkung büßt das späte Werk darum nichts ein. Im Gegenteil: Simone Schimpf, Kuratorin der Stöhrer-Schau, findet es erstaunlich, "wie frisch und frei von jeder Mode sein Werk wirkt", und fügt hinzu: In Stöhrers "Unabhängigkeit zu allen Tendenzen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegt seine große Stärke".