Kunsthalle Baden-Baden „Das Hotel ist eine große Bühne“

Von Nikolai B. Forstbauer 

Als Große Landesausstellung präsentiert die Kunsthalle Baden-Baden die Schau „Room Service – Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel“. Aktuelle Arbeiten in sechs Hotels Baden-Baden erweitern die Themenausstellung in den Stadtraum.

Als Große Landesausstellung präsentiert die Kunsthalle Baden-Baden die Schau „Room Service – Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel“. Aktuelle Arbeiten in sechs Hotels Baden-Baden erweitern die Themenausstellung in den Stadtraum.
 
Herr Holten, „Room Service“ heißt Ihre neue Themenausstellung. Sehnsuchtsort, Zuflucht, Schreckgespenst, Spiegel und Reflektionsbühne. Das Hotel spielt in der Kunst unterschiedlichste Rollen. Was begründet die Faszination?
Das Hotel gehört einerseits als Heim auf Zeit zu einer Art Infrastruktur der Globalisierung. Reisen funktioniert ja nur, weil man weiß, dass man in der Fremde auch unterkommt. Gleichzeitig ist der Topos Hotel aber auch ein Sehnsuchtsort, eine Projektionsfläche, auf der man sich menschliche Dramen, erlebten Luxus und vieles mehr vorstellen kann. Genau diesen Gegensatz, glaube ich, ist es, der das Hotel so faszinierend für Künstler macht.
Sie verweisen in Ihrer Schau auf die Anfänge des Dialogs zwischen Kunst und Hotel um 1810. Haben Sie sich deshalb auch für eine historisch orientierte Übersicht in der Kunsthalle selbst entschieden? Als Grundlage?
Ja, in der Tat möchten wir mit der historischen Ausstellung in der Kunsthalle das Thema gründlich, aber auch schön visuell aufarbeiten. Da geht es mit John Constable und einem Bild von 1824 los. Aber auch frühe Werke von William Turner sind dabei - vermutlich die erste Darstellung eines ­Hotelzimmerinterieurs. Und dann zeigen wir auch eine der allerersten, wenn nicht sogar die erste Fotografie eines Hotels, gemacht von Fox Talbot in Paris. Das war 1843.
Und dann geht es weiter zu sechs „Stationen“. Sechs Hotels als Interventionsbühnen auf Zeit. Wie viel Überredungskunst war nötig, um diese tatsächlich bespielen zu können?
Gar nicht so viel. Am Anfang habe ich mir noch mehr Hotels angeschaut. Ich bin durch die Lobbies geschlichen, habe Türen geöffnet zu Besenkammern und Parkgaragen – immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Orten, die man zu einem solchen Parcours zusammenführen konnte. Bei vielen der ­gewünschten Hotels klappte es dann auf ­Anhieb mit der Anfrage, selbst wenn bis zuletzt eine große Menge Diplomatie nötig gewesen ist und wir viele Besprechungen hatten, ­damit die Ausstellung ihre endgültige Form finden könnte.
Kunst ist inzwischen fester Bestandteil der Hotelszene geworden. Auf Kreuzfahrtschiffen werden Ausstellungen und Vortragsreihen organisiert, das Art-Hotel ist zu einer Eigenmarke geworden, und auch die alte Konkurrenz von Kunst und Architektur ist in markanten Hotelneubauten neu belebt. Gibt es eine kunstwissenschaftliche Reflexion dieser ­Entwicklungen?
Erstaunlich wenig. Und das, obwohl un­übersehbar diese Verwendung von „Kunst“ zu reinem Lifestyle viele Themen eröffnet. Gott sei Dank gibt es aber auch andere ­Beispiele des Umgangs mit Kunst. So richten profilierte und kenntnisreiche Sammler Hotels mit ihren eigenen Sammlungen ein. So haben wir etwa das ­Hotel Zuos angeschrieben, um zu fragen, ob wir einige der dort hängenden ­hoch­karätigen Werke für die Dauer der­ ­Ausstellung nach Baden-Baden verpflanzen dürften. Das klappte sofort!
Zurück zu „Room Service“: Zum Thema Kunst und Hotel gilt bisher das Hotel-Projekt von Hans Ulrich Obrist von 1993 als Maßstab. Nun wird Obrist auch bei „Room Service“ Akteur und Künstlergastgeber in einem Hotelzimmer sein. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Schnell stand fest: Wenn wir über das Ausstellen in Hotels nachdenken wollen, gehört Hans Ulrich Obrists legendäre Ausstellung Chambre 763 aus dem Jahre 1993 unbedingt hinzu. Er hat ja damals die Werke von 70 Künstlerinnen und Künstlern in einem ­Hotelzimmer präsentiert, das er gleichzeitig auch bewohnt hat. Er war von der Idee ­begeistert, dieses Projekt wieder aufzugreifen. Allerdings nicht durch eine Rekonstruktion – das hätte ohnehin nie den gleichen Flair gehabt –, sondern durch eine neue ­Version der damaligen Ausstellung innerhalb von „Room Service“. Im Schrank des Hotelzimmers fand damals die Armoire Ausstellung statt, eine Zusammenstellung von zehn Sachen, die man auch herausnehmen und benutzen konnte. In Baden-Baden gibt es in einem Hotelzimmer deshalb eine neue Schrank-Ausstellung!
Versteckt, aber doch zugleich offensichtlich ist „Room Service“ auch eine Hommage an den Hotelstandort Baden-Baden. Sie sind mit Ihren Ausstellungen der Kunsthalle selbst buchstäblich auf den Grund gegangen, erweitern den Handlungsraum der Kunsthalle nun in und auf die bekanntesten Bühnen der Stadtgeschichte seit dem frühen 19. Jahrhundert. Zufall? ­Absicht?
Absolute Absicht. Für die Große Landesausstellung wollte ich, da die Kunsthalle ja ­keine eigene Sammlung hat, auf die eine ­solche Ausstellung aufbauen könnte, ein Thema, das fest in der Geschichte der Stadt verankert ist. Und die Kulturlandschaft der Grand Hotels spiegelt die Entwicklung ­Baden-Badens in besonderer Weise. Und: Die Geschichte der Stadt ist auch die ­Geschichte ihrer Gäste.
Die „Room Service“-Eröffnung an diesem Freitag ist als „feierlich“ angekündigt. Die Hotel-Realität zeigt sich heute nicht mehr nur hinter den Kulissen oft wenig feierlich. Glauben Sie, dass Kunst am Charakter der Fließband-Tristesse etwas ändern kann?
Manchmal kann die Kunst sogar den Blick auf genau diese Hintergründe des Luxus lenken. Weil Kunst uns ja oft genau das zeigt, was wir nicht erwarten. Damit erweitert die Kunst unseren Horizont.
Und Sie selbst? Übernachten Sie eigentlich gerne in Hotels? Und natürlich: Nutzen Sie den Room Service, den Zimmerservice?
Sehr gerne, aber ich esse lieber im Restaurant, als im Zimmer. Ein schönes Frühstück im Bett ist aber, wenn man denn nicht früh Termine hat, immer etwas Feines.
Bewerten
Wie hat Ihnen der Artikel gefallen? Vielen Dank für Ihre Bewertung!
1 Stern 2 Sterne 3 Sterne 4 Sterne 5 Sterne 0.0
Die Filme von Percy Adlon auf DVD Nur Mut zur Lebensänderung

Von 26. Juni 2016 - 12:30 Uhr

Das Leichte liege den deutschen Filmemachern nicht, heißt es gerne. Witz, Herz und Intelligenz bekämen sie einfach nicht zusammen. Percy Adlon ist eine der großen Ausnahmen von dieser Regel. Seine Werke wie „Zuckerbaby“ und „Out of Rosenheim“ kann man jetzt neu entdecken.