Obwohl sich eine Gruppe von 24 Personen um Sonja Schwarz schart, hört man nur das Rascheln von Kleidern und Jacken, quietschende Sohlen und ab und zu ein Lachen. Die Szene mutet etwas absurd an: Die Frau erzählt von Königen, Erbprinzen und deren Epochen, bleibt dabei aber offensichtlich stumm. Dennoch achten die Besucher gespannt auf das, was die 30-Jährige mitzuteilen hat. Sonja Schwarz gibt in dieser Testführung ihr Wissen über die Ludwigsburger Historie mittels Gebärdensprache weiter, die Besucher sind Gehörlose oder Schwerhörige.
Bisher seien Menschen mit einer Beeinträchtung des Hörsinnes komplett außen vor gewesen, sagt der Schlossverwalter Ulrich Krüger. Am kommenden Sonntag aber werde in dem 300 Jahre alten Palast eine weitere Barriere geschleift. Nachdem 2004 Aufzüge eingebaut wurden und schon seit geraumer Zeit spezielle Führungen für Blinde und Sehbehinderte angeboten würden, sollen nun auch Gehörlosen die Schönheiten und Schätze des Barockschlosses zugänglich gemacht werden, sagt Krüger. Ab sofort steht an jedem dritten Sonntag eines Monats eine Führung in Gebärdensprache auf dem Plan. Erstmals wird Sonja Schwarz am Sonntag, 21. November, um 16 Uhr durch das neue Corps des Logis führen.
Eine komplette Schlossführung komme nicht in Frage, sagt die Bankkauffrau, die erst 2007 begonnen hat diese speziellen mimischen und gestischen Ausdruckformen zu erlernen. "Eine Führung in Gebärdensprache dauert etwas länger." Denn wer darauf angewiesen ist, kann nicht gleichzeitig die Handzeichen der Schlossführerin und die Sehenswürdigkeiten, um die es geht, im Auge haben.
Auch wenn es um Namen geht - speziell königliche mit ihren verwirrenden Ordinalzahlen -, ist Sonja Schwarz mit ihrem Fingeralphabet am Ende: "Ich müsste dann die einzelnen Buchstaben anzeigen, aber das ist verwirrend", sagt sie. Darum ist sie auf die Idee gekommen, Umhängeschilder mit den Bildern und den Namen der Potentaten anzufertigen. Ausgewählte Besucher bekommen diese vor Beginn des Rundgangs um den Hals gehängt. "Das ist hilfreich, so kann man Geschichten zusammenhängend erzählen", sagt die neue Schlossführerin. Sie selbst muss selbstverständlich immer die Hände frei haben.
Die Dolmetscherin stammt aus Ludwigsburg und hat ihre Fähigkeiten bisher schon bei Gehörlosengottesdiensten der neuapostolischen Gemeinde eingesetzt. Die Probleme sind ihr vertraut. Wegen der gehörlosen Großeltern hatte schon ihre Mutter die Gebärdensprache gelernt. Die Idee, diese nonverbale Sprache zu ihrem Beruf zu machen, kam ihr während der Elternzeit im Jahr 2005. Das einzige, was ihr nun noch fehlt, ist das Diplom des Bundesverbands. "Dafür muss ich noch mehr Praxis haben und dann eine weitere Prüfung ablegen", sagt sie. "Zur neuen Sonderführung muss man sich nicht anmelden, sie wird immer angeboten, egal ob nur ein Teilnehmer kommt oder 20", sagt Krüger. Insgesamt leben in Deutschland 80 000 Menschen, die nur per Gebärdensprache kommunizieren können. Allein in Baden-Württemberg leben 8000 bis 10 000 Betroffene. "Wir rechnen auch damit, dass viele Klassen aus Gehörlosenschulen zu uns kommen", sagt der Schlossverwalter.