Kunst-Shooting-Star Rachel Rose Sie hebt die Zeit auf

Von Nikolai B. Forstbauer 

Rachel Rose, Szene aus „A Minute Ago“ Foto: Kunsthaus Bregenz
Rachel Rose, Szene aus „A Minute Ago“ Foto: Kunsthaus Bregenz

Die Video-Tableaus von Rachel Rose arbeiten mit den Mitteln des Märchens. Die „Stuttgarter Nachrichten“ werten ihren Auftritt im Kunsthaus Bregenz als Spiel mit nahezu allen Sinnen. Am 28. Februar ist Kunsthaus-Direktor Thomas D. Gast in der „StN“-Gesprächsreihe „Über Kunst“.

Stuttgart - Im November 1776 wagt sich Admiral Lord ­Richard Howe für die Truppen der britischen Krone mit zwei Fregatten zwischen die von den nach Unabhängigkeit strebenden 13 amerikanischen Kolonien gehaltenen Fort Lee und Fort Washington. Im Geschützdonner muss die „Kontinentalarmee“ George Washingtons beide Festungen räumen – um am Ende doch über die sich auch selbst immer weiter auseinanderdividierenden Verbände der Briten und ihrer Verbündeten zu triumphieren.

Lebendige Geschichte

Der Palisade Interstate Park hoch über dem Hudson River erinnert an das Geschehen. Lässt sich heute aber das Wirken der Geschütze nicht nur nachlesen, sondern auch nachspüren? Und unter welchen Bedingungen könnten wir in der Gegenwart nicht doch in die Vergangenheit eintauchen? Die Ausgangsfragen von Rachel Rose’ ­Videoarbeit „Palisades In Palisades“ von 2014 könnten wohl nirgends besser gestellt werden als im Kunsthaus Bregenz. Dort ja feierte 2007 Cy Twomblys 2001 entstandener Gemälde-Zyklus „Lepanto“ einen die Wirkmacht des Künstlers bis heute befeuernden Triumph in der „Regie“ des damaligen Kunsthaus-Direktors Eckhard Schneider.

Seeschlachtbühne Bregenz

„Lepanto“, das ist gemaltes Hoffen und Verzweifeln, farbig lustvoll im Detail, zeichenhaft aber doch im Ganzen. Es sind ­Gedankennotizen zu einer Seeschlacht im Golf von Korinth. Mit wenigen Strichen ­angedeutete Schiffe fahren auf türkisfarbene See hinaus – und verwandeln sich bald in rot glühende Todesboten. Twombly zerstört den Mythos des Sieges der spanischen, venezianischen und päpstlichen Truppen über die osmanische Flotte nicht, er reiht das Drama vielmehr ein in den Jahrtausende währenden Kampf um die Vorherrschaft im und am Mittelmeer.

Twomblys „Lepanto“-Zyklus führte 2001 noch einmal ebenso weit in die Vergangenheit wie auch in eine Zukunft, die vor neuerlichem Blutvergießen im Geist des Mythos nicht gefeit ist.

Zehn Jahre nach der „Lepanto“- „Aufführung“ in Bregenz werden im Kunsthaus ­wieder Schiffe zu Todesboten. Dabei beginnt auch Rachel Rose’ „Palisades In ­Palisades“ eher betont friedlich, ja heiter. Die Kamera nähert sich einer jungen Frau, einer ­Besucherin des Parks. Doch schnell ­gerät die Situation buchstäblich ins ­Rutschen. Zeitebenen durchdringen sich, bald auch die Empfindungsebenen der jungen Frau.

In diese Zwischenzonen jagt Rose die ­gemalten Geschütz-Salven historischer ­Bilder der Schlacht. Vor unseren Augen aber explodiert nichts – Rose lässt vielmehr die jeweils aufscheinende Zeit- und Realitätsebene implodieren. Alles Greifbare zerfällt. Anders als 2015 in der Serpentine Sackler Gallery im Hydepark (sinnigerweise eine vormalige Lagerhalle für Munition), ­reagiert „Palisades In Palisades“ in Bregenz nicht direkt auf eine weitere Arbeit von ­Rachel Rose. Kunsthausdirektor Thomas D. Trummer präsentiert je ein Werk auf jeder der vier ­Ebenen des ebenso eigenmächtigen wie doch ganz der Kunst dienenden Baus von Peter Zumthor.

Glasmalerei wird Teil der Aufführung

Für Bregenz wagt sich Rachel Rose im Erdgeschoss in die Abgründe der mittelalterlichen Malerei. „A Day In The Life“ macht die Rückfront zur Seeseite hin zur Bühne einer monumentalen Glasmalerei-Collage, gerade so, als wolle die New Yorkerin die von ihr auch in der eigens für die Schau geschaffenen Edition beschworenen mittelalterlichen Geister in die digitale Gegenwart beamen.

Im ersten Geschoss folgt „Palisades In ­Palisades“, im zweiten Geschoss mit „Every­thing And More“ die Zuspitzung der Frage, was bleibt, wenn sich die Elemente auflösen. Deutlicher als bei „Palisades In Palisades“ zeigt hier die gewebte Leinwand Wirkung. In sie sind bereits Motive von „Everything And More“ eingebracht. Deren Auftauchen in der Projektion verstärkt die Wirkung enorm. Die nur bespielte Fläche wird zur ­digitalen Leinwand.

Am Ende Trummers Ideal: Ein Raum, ein Bild

Thomas D. Trummer verfolgt für das Kunsthaus das Ideal „ein Haus, ein Werk“. In der Schau zu Rachel Rose steigert sich ­diese Erfahrung von Geschoss zu Geschoss – bis im dritten Obergeschoss und bei „A ­Minute Ago“ in einem Augenblick der Gleichklang der in die Leinwand eingewebten Motive eines brisanten Wetterumschwungs und eines imaginären Besuchs des Architekten Philipp Johnson in seinem „Glass House“ und der Projektion tatsächlich ein für sich stehendes Monumentalbild erlebbar macht. Da hat uns Rachel Rose längst gefangen in einem Bild-Ton-Gespinst, das den Gesetzen des klassischen Märchens folgt: Noch geht es um eine ­Erzählung, schon um ein körperliches (Mit-)Erleben.

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