Kunst Documenta: Alles ist möglich

Von Thomas Wulffen 

Die Documenta 13 in Kassel präsentiert von diesem Samstag an Therapien mit Philosophen.

Kassel - Es ist ein gelungenes Entree am richtigen Platz. Wer seinen Rundgang auf der Documenta 13 im Fridericianum beginnt, findet sich in einem kahlen weißen Raum wieder, der geschickt dennoch einzelne Kunstwerke zur Betrachtung freigibt. Dem Raum nebenan ergeht es ebenso. Selbst die Decke dieses Raumes scheint zum Ausstellungsstück zu werden. Unwillkürlich erscheint jene „weiße Zelle“ auf, die der Künstler Brian O’Doherty beschrieben hat.

Gleichzeitig aber ist das Fridericianum der Mittelpunkt jeder Documenta – und ist es auch für die dreizehnte Ausgabe der wohl immer noch wichtigsten Kunstausstellung. Aber dieser leere Raum am Anfang ist der Platz, um über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Formats nachzudenken. Das ist umso wichtiger, weil die Documenta eben nicht mehr ein ­Alleinstellungsmerkmal besitzt. Zur Eröffnung an diesem Wochenende sind mindestens zwei Konkurrenten konkret zu benennen, zum einen die Manifesta in Belgien und zum anderen die Berlin-Biennale.

Diese Documenta will die Welt abbilden

So hat der leere weiße Raum auch den Sinn, eine Institution als eine Projektionsfläche deutlich werden zu lassen, in der die Vergangenheit ebenso viel Platz hat wie die Zukunft. Aber das Entree ist am Ende doch nur Fassade. Diese Documenta schlägt, was Anzahl der Künstler und der Orte betrifft, alle anderen davor. Dahinter steht zum zweiten Mal eine Frau nach Catherine David. ­Carolyn Christov-Bakargiev ist eine amerikanisch-italienische Autorin, Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie kennt die wesentlichen theoretischen Diskussionen, die den Hintergrund für diese Version der Documenta abbilden. Auf der Pressekonferenz überraschte sie mit langen Abhandlungen über zeitgenössische Theorien. Das kann man nachlesen in dem dreiteiligen Ausstellungskatalog, wovon wahrscheinlich nur „Das Begleitbuch“ für den normalen Besucher anzuraten ist. Der theoretische Background tritt im wahrsten Sinne des Wortes in den Hintergrund angesichts der Masse von Kunstwerken und den Wegen, die betreten werden wollen. Der Parcours umfasst zwölf verschiedene Orte, unter ihnen die Innenstadt Kassels oder das Brüder-Grimm-Museum.

Diese Documenta will die Welt abbilden, in ihrer Diversität und Vielfalt. Ost und West, Nord und Süden dienen dabei nur noch als Orientierungshilfen für den Besucher, um kein Werk zu verpassen. Bequemes Schuhwerk ist angeraten, um die Karlsaue zu entdecken. Da taucht dann plötzlich ein Sanatorium auf, das seinem Namen Ehre tun will. Der Besucher kann sich anmelden für ein philosophisches Gespräch oder persönliche Analyse.

Die Ausstellung ist eine Tour de Force

Es geht auch anders: Jimmie Durham hat zusammen mit der Leiterin ein Gemeinschaftsprojekt entwickelt. Dazu wurden in der Karlsaue Korbiniansapfelbäume gepflanzt zum Gedenken an den Pfarrer und Gärtner Korbinian Aigner, der – deportiert ins Konzentrationslager Dachau – dort vier neue Apfelsorten züchtete. Es lohnt sich, zweimal hinzugucken. So findet sich in der Neuen Galerie in Glasschränken eine Sammlung von Spielzeugeseln, gesammelt von Sanja Ivekovic. Daneben hängt ein Foto aus dem Jahre 1933, das einen Esel hinter Stacheldraht zeigt. Der eingesperrte Esel war ein Sinnbild für jene Deutschen, die bei Juden noch einkauften.

Und manches ist wirklich entbehrlich wie das Werk von Thomas Bayerle, Dauergast der Documenta. Oder der Auftritt von Gustav Metzger, der in den vergangenen Jahren schon seine Wiederentdeckung feiern konnte und hier eher wie ein Lückenbüßer aussieht. Da rühmen wir dann doch die Gemälde von Konrad Zuse, Erfinder des ersten Computers.

Die Ausstellung ist eine Tour de Force in jeder Hinsicht. Wer alles sehen will, muss mindestens zwei Tage vor Ort sein. Das ermöglicht ihm dann ebenso, einen Einblick in das umfangreiche Beiprogramm zu nehmen. Das verweist wiederum auf einen anderen Strang der Ausstellung. So ist der Quantenphysiker Anton Zeilinger mit seinen Armaturen vor Ort, die neue Einblicke in die Quantenphysik erlauben und gleichzeitig neue Anwendungen generieren.

Kassel ist für hundert Tage Kunstwelthauptstadt.

Auf dieser Documenta ist alles möglich, und das gereicht ihr nicht zur Ehre. Da taucht dann plötzlich ein Gemälde von Salvador Dalí auf, das im Kontext der Quantenphysik wahrzunehmen sei. Und da zeigt sich dann der eigentliche Mangel dieser Documenta: Sie will einfach zu viel. Liegt es daran, dass die Konkurrenz größer wird? Oder gibt es für die bildende Kunst in diesem Zusammenhang den Anspruch, die ganze Welt zu erklären?

Den Anspruch seh’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, könnte man im Goethe’schen Sinne antworten. Es liegt in diesem Falle die Rede von einer Kunst-Weltausstellung nicht in großer Ferne. Der Widerspruch aber ist erlebbar. Wer sich darauf einlässt, muss sich nicht wundern, wenn er in Kassel die Übersicht verliert. Denn neben den Hauptplatzschauplätzen gibt es zwanzig weitere ‚Spielorte‘ in der Stadt und außerhalb. Tatsächlich sollte ein Besuch vorbereitet werden. Das Programm und die Werke lassen sich nicht in Gänze verfolgen, allenfalls für die Bewohner der Stadt.

Kassel ist für hundert Tage Kunstwelthauptstadt. Aber wollen wir das überhaupt? Oder wird die Kunst in den Augen von Caroline Cristov-Bakargiew tatsächlich zu einem Deutungsphänomen für alles und jeden? Gibt es in diesem Kontext noch die Idee von Schönheit? Und welche Wirkungen hat der Markt auf die Ausstellung und umgekehrt? Tatsächlich muss Gelegenheit zum Einspruch gegeben werden. Dazu dient dann das „Logbuch“, Teil 3 des Katalogs. Und die letzte Frage: Was sagt der Markt dazu – wie viel Aufschlag zum Preis bietet diese Documenta 13 dem teilnehmenden Künstler? Wir werden es auf der nächsten Messe erfahren.

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