Kulturfinanzierung Vision statt Fusion

Von Susanne Benda 

Am Freitag entscheidet der Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) über die ­Pläne des Senders zur Orchester-Fusion. Vor diesem Hintergrund wird dem Stuttgarter ­Gemeinderat am Mittwoch ein Gesamtkonzept für ­alle vier Orchester der Stadt vorgestellt. Zur Diskussion gestellt werden strukturelle und organisatorische Synergieeffekte, die eine finanzielle Mitträgerschaft der Stadt beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart wettmachen könnten. Im Zentrum steht ein gemeinsamer Raum: die schon oft eingeforderte Schloss­garten-Philharmonie im Rosensteinquartier – hier zu sehen in einem Modell des Büros ­Werner Sobek. Foto: Stadt Stuttgart
Am Freitag entscheidet der Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) über die ­Pläne des Senders zur Orchester-Fusion. Vor diesem Hintergrund wird dem Stuttgarter ­Gemeinderat am Mittwoch ein Gesamtkonzept für ­alle vier Orchester der Stadt vorgestellt. Zur Diskussion gestellt werden strukturelle und organisatorische Synergieeffekte, die eine finanzielle Mitträgerschaft der Stadt beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart wettmachen könnten. Im Zentrum steht ein gemeinsamer Raum: die schon oft eingeforderte Schloss­garten-Philharmonie im Rosensteinquartier – hier zu sehen in einem Modell des Büros ­Werner Sobek.Foto: Stadt Stuttgart

Der Stuttgarter Gemeinderat diskutiert heute über eine räumliche und organisatorische Neustrukturierung der vier Orchester.

Stuttgart - Die Gemengelage ist vielschichtig und unübersichtlich. Da ist die große Debatte um die Orchester-Fusionspläne des Südwestrundfunks (SWR). Da ist die Frage, ob und wie man das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart erhalten kann. Da wird überlegt, wie man im Falle einer Verschmelzung der Klangkörper den Standort Stuttgart attraktiv machen könnte. Da ist jener 1000-Plätze-Konzertsaal, dessen Fehlen seit Jahrzehnten beklagt wird. Da ist das unzulängliche Raum-Angebot für Orchester, die in Stuttgart proben und auftreten wollen. Etliche kleine Probleme im Windschatten kommen hinzu.

Die Politik hat bis heute für sie alle (noch) keine Lösungen gefunden. Kurz vor der SWR-Rundfunkratssitzung in Mainz, bei der am Freitag über die Fusion des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart (RSO) mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (SO) entschieden wird, gibt es zwar etliche Solidaritätsbekundungen und Appelle, aber noch kein konkretes und juristisch realisierbares Modell zu einer Überführung der Klangkörper in eine gemischte Trägerschaft, an der sich auch die betroffenen Kommunen Stuttgart, Baden-Baden und Freiburg beteiligen würden. Und bei der Standortfrage im Falle einer Fusion ist der vorhandene Konzertsaal des Freiburger SWR-Orchesters ein starkes Argument – die Kapazität der Liederhalle reicht schon lange nicht mehr aus, um den Stuttgarter und den gastierenden Orchestern ausreichend Proben und Konzerte zu ermöglichen.

Nun melden sich Menschen der Kunst zu Wort. Die sachkundigen Bürger im Stuttgarter Gemeinderat sind ein beratendes Gremium, besetzt mit klugen, informierten Menschen aus der Mitte des Kulturbetriebs. Sie haben im Ausschuss für Kultur und Medien oft schon Akzente gesetzt, Neues angestoßen und ein Nachdenken eingefordert. Abgearbeitet hat sich die Gruppe zuletzt an einem Antrag, den sie an diesem Mittwoch in den Gemeinderat einbringen wird.

„Jährlich kommen etwa 130 bis 140 Konzertanfragen, die wir aus Mangel an Räumen absagen müssen“

In diesem Antrag werden die Themen „Erhalt des RSO Stuttgart“ und „Standort Stuttgart“ zusammen- und in eine Gesamtschau eingebunden. Der Blick auf die zukünftige Orchesterlandschaft Stuttgarts zielt auf Synergieeffekte für die vier Klangkörper und mündet in eben jener Idee einer „Spielstätte internationalen Zuschnitts“, für die sich unter anderem Stuttgarts Konzertveranstalter Michael Russ („Jährlich kommen etwa 130 bis 140 Konzertanfragen, die wir aus Mangel an Räumen absagen müssen“) schon seit Jahren starkmacht. Als Standort ins Auge gefasst wurde dabei zuletzt das neue Rosenstein-Quartier auf dem Stuttgart-21-Gelände.

Die sachkundigen Bürger definieren diese Spielstätte nun speziell als Stuttgarter Orchesterhaus, in dem alle vier Orchester so proben und auftreten sollen, dass sich Spareffekte bei Verwaltung, Technik und beim Pool der gelegentlich erforderlichen Ergänzungs- und Aushilfsmusiker ergäben. Diese Spareffekte, so die Ausführungen des Gremiums, würden die Mitfinanzierung des Radio-Sinfonieorchesters durch die Stadt, die eine Fusion mit dem Freiburger Orchester verhindern könnte, „teilweise kompensieren“. Vor allem aber würde ein Orchesterhaus gemeinsame infrastrukturelle Perspektiven aufzeigen – auch wenn mit der Fertigstellung einer neuen Philharmonie nicht vor Ende der 2020er Jahre gerechnet werden kann.

Wolfgang Laubichler, Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters, sagt auf Nachfrage, dass die Probensituation im Saal der Bachakademie nicht optimal sei: „Bei größeren Besetzungen müssen wir in andere Räume ausweichen, manchmal müssen wir mehrfach umziehen, das ist mühsam und teuer.“ Michael Stille, Intendant der Stuttgarter Philharmoniker, ist zwar „durchaus zufrieden“ mit dem Siegle-Haus, meint aber dennoch, „dass Stuttgart einen neuen Konzertsaal wie die Kölner Philharmonie braucht, und da müssen alle Orchester der Stadt hinein“. Den größten Vorteil hätte indes das RSO: nämlich einen Raum als Standort-Argument. Auf der Suche nach einem solchen hat das Orchester sogar schon in Stuttgarts Nachbargemeinden nachgefragt – bislang ohne Erfolg.

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