Kurzentschlossene haben beim Eröffnungskonzert des 14. Internationalen Pianistenfestivals am Freitagabend in Böblingen keine Chance gehabt. Schon im Vorverkauf sind alle vier Konzerte des Festivals ausverkauft gewesen; die kleine, aber sehr feine Konzertreihe im Württembergsaal der Kongresshalle ist inzwischen kein Geheimtipp mehr, sondern hat sowohl beim Publikum als auch bei den Interpreten ihren Ruf.
Das hat die Veranstalter beflügelt; und so haben sie, ehe der erste Pianist Stefan Vladar seine Finger auf die Tasten des Sauter-Flügels legen konnte, den Zuhörern voller Stolz ihr neues Projekt präsentiert. Ulrich Koeppen, der künstlerische Leiter des Festivals, verkündete, dass in Böblingen vom kommenden Jahr an nicht mehr vier, sondern fünf Konzerte erklingen werden. Der Grund: hier sollen innerhalb von vier Jahren sämtliche 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven zu hören sein, gespielt von acht oder neun verschiedenen Pianisten; einige von ihnen sind dem Festivalpublikum bereits bekannt. Damit nicht genug, werden diese Konzerte mitgeschnitten und in Form einer eigenen CD-Edition veröffentlicht.
Passenderweise stand schon am Eröffnungsabend mit dem Wiener Pianisten Stefan Vladar eine Beethoven-Sonate auf dem Programm: die "Appassionata" in f-Moll (op. 57). Vladars ausgesprochen authentisches Spiel, das allen Stücken des Abends eine besondere Lebendigkeit verlieh, konkurrierte hier mit der großen Virtuosität, die zum Entfesseln der fast pausenlos über die Tasten jagenden Läufe zwingend notwendig ist und die der Pianist ohne Frage ebenfalls besitzt. Nicht weniger beeindruckend als dieser Beweis seiner musikalischen Fingerfertigkeit waren jedoch die Passagen, in denen das Wesen der Komposition ganz still wird und die Stimmen so ernsthaft und gewichtig voranschreiten, dass die Musik an die schlichte Erhabenheit eines Chorals erinnert.
Für diese gelungene Demonstration seiner technischen Brillanz bekam Stefan Vladar viel Applaus. Dreimal musste er nach der "Appassionata" auf die Bühne kommen und sich verbeugen, ehe das Publikum ihn in die wohlverdiente Pause entließ. Der eigentliche Höhepunkt des Abends war aber die Sonate B-Dur (D 960) von Franz Schubert. Gewiss kommt sie nicht so gewaltig und spektakulär daher wie Beethovens musikalisches Feuerwerk. Dafür nimmt sie alle, die aufmerksam zuhören und sich darauf einlassen, mit auf einen wunderbaren Weg durch die Welt der Empfindungen, wobei die Palette von Momenten größter Glückseligkeit bis hin zu Augenblicken voll Trauer und Schmerz reicht - und auch die vielen Nuancen dazwischen auf wunderbare Weise in Töne fasst. Schlicht und liedhaft lädt der Beginn des ersten Satzes den Zuhörer ein zu träumen; ein dunkles Grollen im Bass kündigt jedoch schon die Abgründe an, die sich im weiteren Verlauf dieser Wanderung durch die Landschaften der Seele auftun werden. Der Interpret verwendete am Freitagabend das Pedal bei diesem Stück großzügiger als bei der BeethovenSonate oder dem eingangs gespielten "Andante con Variazioni" von Joseph Haydn in f-Moll (Hob XVII:6). Dennoch machte es die Klarheit seines Spiels einfach, die Struktur der musikalischen Ereignisse zu erkennen, die sich oft gleichzeitig an verschiedenen Stellen abspielen. Ganz mühelos schien das Vladar zu gelingen, und das verlieh der feinen, komplexen Musik eine wunderschöne Leichtigkeit. Berührend waren die mystischen Klanglandschaften, in denen man die blaue Blume der Romantik zu finden wähnte. Ihnen folgten akustisch gemalte Landstriche geprägt von Tristesse.
Schubert entzieht dem Gefühl der Melancholie hier die Süße, sie bekommt etwas Resignatives. Und der Pianist scheute sich nicht, auch diese stillen Momente mit Präzision bis in Detail sauber zu artikulieren. Übermut kam auf, ehe zum Ende hin die Dramatik ihr Recht einforderte. Aber auch sie blieb verständlich und nachfühlbar. Vladar war in jeder Note präsent, ohne die Musik mit zu viel Emotion zu überfrachten. Das bekam dieser an Gefühlen so reichen Musik sehr gut.
Eine Entdeckung war an diesem Abend das "Andante con Variazioni" von Joseph Haydn. Der Wiener Pianist ging hier mit dem Pedaleinsatz wahrlich spartanisch um und tauchte die zeitweise sehr modern anmutende Komposition in ein helles Klanglicht, das der Musik eine beinahe gläserne Klarheit verlieh. So legte er die Strukturen der Komposition offen, als breite er sie unter hellem Scheinwerferlicht aus.