Mercedes Benz

Kriselnde Branche in Stuttgart Taxifahrer kämpfen mit vielen Problemen

Von Jürgen bock 

Talip Özdemir fährt seit zwölf Jahren in Stuttgart Taxi – den Spaß daran, sagt er, könne man angesichts schwindender Kundschaft und wachsender Staus verlieren. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Talip Özdemir fährt seit zwölf Jahren in Stuttgart Taxi – den Spaß daran, sagt er, könne man angesichts schwindender Kundschaft und wachsender Staus verlieren.Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Was läuft verkehrt mit dem Verkehr? Ob mit dem Auto oder der Bahn – immer öfter kommt man nicht vorwärts in der Region Stuttgart, die in Staus zu ersticken droht. Ein Blick auf die Taxibranche, die massiv zu kämpfen hat.

Stuttgart - Es gibt diese Tage, da stehen die Räder kaum still. Wenn das Volksfest den Wasen mit Menschen füllt. Oder eine Messe zahlungskräftiges Publikum lockt. Doch es gibt wenige Anlässe im Jahr, die wirklich gut sind für Talip Özdemir und seine Kollegen. „Da müssen wir Gas geben, um viele andere Tage auszugleichen“, sagt der Stuttgarter Taxifahrer. Und mit zusätzlichen Problemen kämpfen. Denn zu den Großveranstaltungen drängen auch die Konkurrenten aus dem Umland in die Landeshauptstadt. Obwohl die das eigentlich gar nicht dürfen.

Und dann sind da noch die Besoffenen. „Besonders junge Leute übertreiben es am Wochenende gnadenlos“, sagt Özdemir. Er erzählt eine kleine Geschichte. Die von den sturzbetrunkenen Feierwilligen, die er am Volksfest aufgelesen hat. Nach Tübingen wollten die jungen Männer. Als der Wagen die Universitätsstadt erreicht hatte, sprangen sie an einer roten Ampel aus dem Auto. Und verschwanden, ohne zu zahlen, einfach in der Dunkelheit der Nacht.

Die meiste Zeit verbringen die Fahrer mit Warten

Özdemir hat Zeit, all das zu erzählen. Denn heute ist einer dieser anderen Tage. Einer, an dem nicht viel los ist. Der bärtige Mann mit der sanften Stimme sitzt in seinem dunklen Mercedes und tut das, was er und viele seiner Berufsgenossen am häufigsten tun: Er wartet. Am Taxistand Rotebühlplatz haben sich diverse Wagen aufgereiht. Özdemir muss sich gedulden, bis er ganz vorne ist. Oder bis über den Funk ein Auftrag von der Zentrale kommt, den er sich angeln kann. Auf dem Display ist deutlich zu lesen, dass an diesem Nachmittag nicht gerade riesige Nachfrage herrscht. 446 Taxis sind angemeldet, 330 ohne Fahrgast. „74 Prozent frei“, verkündet die Anzeige.

„Entschuldigung, können Sie mir helfen?“, fragt eine Frau und klopft an die Scheibe. Mitfahren will sie allerdings nicht. Sie sucht den Weg zur Büchsenstraße. Özdemir steigt aus und beschreibt ihr den Fußweg. Dankbar geht sie los. Auch die anderen Taxifahrer stehen neben ihren Autos, rauchen oder unterhalten sich. Gesprächsthema: Die Lage der Branche und die ständigen Staus. „Der Verkehr ist schlimm, aber man gewöhnt sich daran“, sagt einer. Das Übelste sei aber, dass die Kunden die Fahrer dafür verantwortlich machten, wenn sie im Stau stehen: „Nicht jeder Fahrgast geht gelassen damit um. Viele reagieren genervt“, erzählt der Mann und schüttelt den Kopf.

Die Kunden reagieren verärgert auf Staus

Wer glaubt, dass Taxifahrer am Stau vorbeikommen, täuscht sich. „Man kann kaum sagen, welches die schlimmsten Strecken sind“, sagt Özdemir. „Es sieht jeden Tag anders aus. Oft ist es einfach Glückssache. Und wenn man stadtauswärts auf der Weinsteige feststeckt, gibt es keine Chance, irgendwo abzubiegen. Die Kunden machen dann oft Probleme, denn sie müssen zahlen.“

Inzwischen steht der dunkle Mercedes ganz vorn in der Schlange. Nach 45 Minuten Wartezeit nähert sich eine ältere Dame mit Rollator. Nach einer Operation ist sie schlecht zu Fuß, erzählt sie, während Özdemir den Gehwagen in den Kofferraum lädt. Die Fahrt geht in die Reinsburgstraße. Der Preis: 7,10 Euro plus Trinkgeld. Keine große Einnahme. Doch so verlaufen die meisten Touren: Zehn Euro hier, zwanzig da.

„Meine Kosten pro Tag betragen 85, 90 Euro. Manchmal kommen aber nur 60 Euro wieder rein“, sagt Özdemir, der seit zwölf Jahren Taxi fährt. Seit 2008 ist er selbstständig. Das bedeutet für ihn: Zehn Stunden fahren, sechs Tage die Woche. „Am siebten erledige ich die Buchhaltung.“ Über den Begriff Mindestlohn kann er nur lachen. Warum Özdemir dennoch jeden Tag ins Auto steigt? „Was anderes finde ich nicht mehr. Ich bin zu alt“, sagt er und zieht sich die Mütze ins Gesicht. Özdemir ist 53.

Kurze Fahrten, wenig Verdienst

Über Funk kommt eine Fahrt im Stuttgarter Westen. Eine Geschäftsfrau verlässt eilig eine Versicherung. „Ich muss zum Hauptbahnhof. Wie lange brauchen Sie?“, fragt die freundliche, aber leicht gestresste Dame. Als Özdemir von sieben Minuten spricht, wirkt sie erleichtert. „Wie immer kommt man zu spät los und der Fahrer muss es ausbaden“, sagt sie lächelnd. Ein bisschen länger dauert es dann doch, denn es bilden sich die ersten Kolonnen im Feierabendverkehr. Doch die Kundin ist zufrieden. 11,20 Euro plus 1,80 Euro Trinkgeld – „mit Quittung bitte“.

Genauswenig wie Staus können Taxifahrer den Ort fürs gute Geschäft erahnen, behauptet Özdemir. Am Vortag seien er und ein Kollege geschlagene zweieinhalb Stunden lang vor dem Mercedes-Benz-Museum gestanden. Schließlich habe er eine Fahrt zum Flughafen bekommen – immerhin. Der Kunde, der ins Nachbartaxi stieg, wollte nur zum Cannstatter Bahnhof. Pech gehabt.

Überhaupt: der Traum von der großen Fahrt. Vor Jahren, sagt der 53-Jährige, habe er mal einen Kunden nach Zürich gefahren, weil dessen Flug ausgefallen war. Ein ähnliches Geschäft hat er seitdem nicht mehr gemacht. „Wir sind zu 80 Prozent von Geschäftsleuten abhängig“, sagt Özdemir. Doch die seien seit der Wirtschaftskrise 2008 sparsamer geworden. Und auch Privatleute führen deutlich weniger Taxi als früher.

Nicht jedes Taxi ist in einem guten Zustand

Das Auto steht im Stau auf der Cannstatter Straße. Überall hupt es. „Wie im Kindergarten“, entfährt es Özdemir. Sau-ber ist es in dem Fahrzeug. Eine Eigenschaft, die nicht für jeden Stuttgarter Wagen gilt. Für Kollegen, die es an Höflichkeit, Reinlichkeit oder Ehrlichkeit mangeln lassen, hat Özdemir kein gutes Wort übrig: „Das Auto muss picobello sein. Da muss man einfach jeden Tag ein paar Minuten investieren.“ Zeit hat man ja genug.

In Bad Cannstatt steigt eine Frau an einem Altenheim ein. Sie hat ihre Mutter besucht. „Heute Nacht regnet’s, mi plagt mei Haxa“, sagt sie und lacht laut. Die Fahrt geht ins Heusteigviertel – die Letzte für heute. Es wird viel gescherzt unterwegs. „Wenn die Leute nett sind, macht es auch noch Spaß“, sagt Özdemir. Und: „Das Wichtigste ist nicht der Umsatz, sondern dass man keinen Unfall und nichts mit der Polizei zu tun hat.“ Dann ist es zumindest kein schlechter Tag.

 

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