Kriminalität El Chapo pocht auf Verfahrensfehler

Von Sebastian Moll 

Der berüchtigte mexikanische Drogenboss  Joaquin Guzman, genannt El Chapo, ist schon mehrfach aus dem Gefängnis ausgebrochen und erneut verhaftet worden. Foto: AFP
Der berüchtigte mexikanische Drogenboss Joaquin Guzman, genannt El Chapo, ist schon mehrfach aus dem Gefängnis ausgebrochen und erneut verhaftet worden. Foto: AFP

Im Januar wurde der mutmaßliche Mörder von Mexiko an die USA ausgeliefert. Dies sei unrechtmäßig, argumentiert sein Anwalt

New York City - Joaquin Guzman, genannt El Chapo, wird an diesem Montag einen kühnen Antrag stellen. Das Gericht des östlichen Distrikts des Staates New York, so wird der ehemalige Herrscher des brutalen Sinaloa-Kartells argumentieren, hat keine rechtliche Grundlage für eine Anklage und soll ihn doch bitte freisetzen.

Angesichts der aktenkundigen Vergehen von El Chapo ist ein solches Ansinnen mehr als frech. Chapo hat Tausende von Menschen auf dem Gewissen, er war dafür berüchtigt, Gegnern die Köpfe abzuhacken oder ihnen abgetrennte Gliedmaßen in den Mund zu stopfen. Über Jahrzehnte hat er den Heroin- und Kokainhandel zwischen Lateinamerika und den USA kontrolliert. Zehntausende sind gestorben, weil er den Stoff mit gefährlichen, synthetischen Drogen gestreckt hat.  

Die Beweislage gegen Chapo scheint erdrückend. Die US-Regierung verfügt über ein halbes Dutzend Kronzeugen, darunter zwei ehemalige Vertriebsbeauftragte von Chapo in den USA. Nachdem Chapo den beiden angedroht hatte, sie umzubringen, wenn sie die Produkte der Konkurrenz verkaufen, stellten sie sich den US-Behörden. Sie lieferten Vertriebspläne, Komplizen, Handys mit Textnachrichten und sogar eine Tonaufnahme von Chapo selbst. Es gilt als sicher, dass Chapo lebenslang in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis verschwindet. Es sei denn, seinem Anwalt gelingt ein Wunder.

El Chapos Anwalt bekam schon einmal einen Mafia-Boss frei

Der Rechtsanwalt, der sich seit einer Woche des Falles von El Chapo angenommen hat, ist allerdings für Wunder bekannt. Jeffrey Lichtman ist es vor mehr als zehn Jahren gelungen, im Prozess gegen den letzten großen Mafiaboss von New York, John Gotti jr., einen Freispruch zu erzielen.   Gotti wurde 2008 in New York wegen Schutzgelderpressungen und Mord in mindestens acht Fällen angeklagt. Doch Lichtman schaffte es, Schlüsselzeugen zu diskreditieren. In zwei aufeinanderfolgenden Prozessen kam die Jury zu keinem Ergebnis, die Staatsanwaltschaft gab schließlich auf.   Nun hofft Lichtman, dass ihm mit Chapo ein ähnliches Wunder gelingt. „Ich habe Erfahrung mit Klienten, über die die Gesellschaft bereits ein Urteil gefällt hat“, sagt Lichtman.

Der Anwalt wird vor Gericht behaupten, dass die Auslieferung Chapos von Mexiko an die USA unrechtmäßig war. Die Auslieferung aus Mexiko, wo El Chapo zweimal aus dem Gefängnis ausgebrochen war, kam zwei Tage nach seiner Verhaftung im Januar diesen Jahres. Viele Jahre lang hatte sich Mexiko geweigert, Chapo an die US-Justiz zu überstellen. Doch bei seiner dritten Verhaftung, die nicht zuletzt auf die Arbeit amerikanischer Sonderermittler zurückging, wollte sich Mexiko die Peinlichkeit eines weiteren Ausbruchs ersparen.  

Der Mexikaner sitzt in Isolationshaft

Besonders groß ist die Wahrscheinlichkeit nicht, dass das Gericht in Brooklyn den ­Verfahrensfehler bei der Auslieferung anerkennt. Doch Lichtman hat noch weitere Argumente in seinem Arsenal.   Ganz gewiss werden im Vorfeld und möglicherweise während des Verfahrens, das im April 2018 anberaumt ist, die Haftbedingungen von Guzman zum Thema werden. Guzman wird in Isolationshaft gehalten, ohne Tageslicht. Er darf seine Zelle, die anderthalb auf zweieinhalb Meter groß ist, nur für eine Stunde pro Tag verlassen.  In dem Aufenthaltsraum, in den er dann geführt wird, muss er zwischen einem stationären Fahrrad für die körperliche Ertüchtigung und dem Fernsehen wählen. Die beiden Geräte sind so positioniert, dass beides zugleich unmöglich ist.   Zugang zu seiner Familie hat Guzman nicht, auch ein Pfarrer wird ihm verweigert. Die Haftbedingungen, gegen die er bei Amnesty International bereits protestiert hat, sind nach seinen Worten „Folter“.

Sein geistiger Zustand ist laut Lichtman „zunehmend besorgniserregend“. Lichtmans zentrale Beschwerde gegen diese Bedingungen ist jedoch, dass die Verteidigung erschwert wird. Er darf keinen direkten Kontakt zu seinem Mandanten haben, er muss jedes Blatt Papier einzeln an eine Scheibe halten. Chapos Englischkenntnisse sind begrenzt, ein Dolmetscher wird nicht gewährt.

Ob all das einen Verfassungsbruch darstellt, muss das Verfahren im kommenden Jahr zeigen. Sicher ist, dass das politische Klima im Land ihm nicht gerade entgegenkommt. Alleine für Chapo ein einigermaßen rechtsstaatliches Vorgehen zu erringen wäre für Lichtman ein Erfolg.

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