Kretschmann triumphiert Baden-Württemberg, grün imprägniert

Von Arnold Rieger 

Lässt sich auf der Wahlparty der Grünen in der Stuttgarter Staatsgalerie feiern: Winfried Kretschmann – links Ehefrau Gerlinde, rechts Grünen-Landesvorsitzende Thekla Walker. Foto: dpa
Lässt sich auf der Wahlparty der Grünen in der Stuttgarter Staatsgalerie feiern: Winfried Kretschmann – links Ehefrau Gerlinde, rechts Grünen-Landesvorsitzende Thekla Walker.Foto: dpa

Mehrheit gewonnen, Koalition verloren: Für die Grünen birgt das Wahlergebnis ein Wechselbad der Gefühle. Die Freude darüber, erstmals vor der CDU zu liegen, prägt jedoch den Abend. Winfried Kretschmann vermeidet überschwäng­lichen Jubel.

Stuttgart - Nur ein einziges Mal reißt er die Arme hoch. Doch das ist keine triumphale Geste, eher ein Gruß an die Parteifreunde, die unablässig Beifall klatschen. Zu Hunderten sind sie in die Staatsgalerie gekommen, wo die Grünen ihre Wahlparty feiern und jubeln, klatschen, sich zuprosten. Doch der Mann, dem das alles gilt, lächelt fein, sagt „Danke, Danke“ und zeigt nicht mal einen Anflug von Hurra.

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Dabei hätte Winfried Kretschmann allen Grund, sich öffentlich und demonstrativ an die Brust zu trommeln, immerhin hat er in Baden-Württemberg eine Zeitenwende ­eingeläutet: Erstmals liegen die Grünen bei einer Landtagswahl vor allen anderen ­Parteien – auch vor der CDU.

„Schön grün imprägniert“ sei der Südwesten nun, sagt der 67-Jährige ironisch und erwähnt dann doch, dass die Baden-Württemberger „Geschichte geschrieben“ hätten. Ja, das berühre einen persönlich schon.

Der zweite Teil der Wegstrecke wird steinig: die Regierungsbildung

Ansonsten aber redet er viel von Verantwortung, von Verpflichtung und vom Auftrag, den der Wähler ihm erteilt habe, und davon, dass das Land stark bleiben müsse.

Da weiß einer ganz genau, dass schon am Montag – bei aller Freude über den fulminanten Wahlerfolg – der zweite Teil der steinigen Wegstrecke beginnt: die Regierungsbildung. Denn der alte Koalitionspartner SPD ist den Grünen an diesem Abend verloren gegangen. Nun müsse man sich eben „zusammenraufen“, damit eine stabile Koalition zustande komme, sagt Kretschmann. Doch wie die aussehen soll, darüber verliert er kein Wort.

Ja, das ist ein Wermutstropfen für die Grünen an diesem Abend. Allerdings nur ein kleiner. Die Genugtuung darüber, nun stärkste politische Kraft im Land zu sein, überwiegt. So mancher in der feuchtfröhlichen Runde erinnert daran, wie es losging hier vor 36 Jahren, als ein sechsköpfiges Grüppchen (auch Kretschmann war darunter) erstmals in den Landtag einzog – unter den geringschätzigen Blicken einer übermächtigen CDU. Und jetzt? Jetzt sammeln die Grünen die Direktmandate ein wie weiland die Schwarzen. 46 Wahlkreise gehen an die Grünen, die Union gewinnt nur noch 22 Direktmandate, zwei holt die AfD.

Die Langzeitstrategie der Grünen zahlt sich aus

„Noch vor anderthalb Jahren hätte ich das für völlig unwahrscheinlich gerhalten“, sinniert Reinhard Bütikofer, Europaabgeordneter und früherer Landes- und Bundesvorsitzender der Partei.

Jetzt zahle sich eben die Langzeitstrategie der Grünen aus: „Wir sind schon in den 80er Jahren auf Bauernversammlungen gegangen, obwohl wir wussten, dass die nicht grün gestrickt sind“, sagt er mit Blick auf das gute Abschneiden im ländlichen Raum. In anderen Ländern habe sich die Partei hingegen als Großstadtveranstaltung gesehen.

Das ist ein kleiner Seitenhieb gegen die linksgewirkten Parteifreunde im Bund, und Bütikofer empfiehlt: „Die Parole muss heißen: Kretschmann kapieren, nicht Kretschmann kopieren.“ Dass der Südwest-Verband künftig noch selbstbewusster auftreten kann, glauben viele an diesem Abend. Manche hoffen es sogar, wie der Präsident des Industrie- und Handelskammertags, Peter Kulitz: „Kretschmann muss den Grünen im Bund jetzt mal den Marsch blasen“, sagt er.

Die grünen etablieren sich als „Baden-Württemberg-Partei“

Wird er das tun? Die Grünen regierten doch schon jetzt in acht Bundesländern mit, meint Landesparteichef Oliver Hildenbrand, der sich selbst zum linken Partei­flügel zählt. Von den baden-württembergischen Erfahrungen können die anderen nur profitieren. Den Marsch blasen? Nein, das ist nicht die Tonlage an diesem Abend.

Bloß keine Überheblichkeit, meint Winfried Hermann, der Noch-Verkehrsminister und frischgebackene Direktmandatsinhaber im Stuttgarter Filderwahlkreis. Und auch sein Kollege vom Agrarressort, Alexander Bonde, redet staatstragend von Verantwortung und Verpflichtung. So sind sie, die Südwest-Grünen: Sie wollen auf dem Teppich bleiben – der sei jetzt übrigens ,mitten im Land gelandet“, variiert Kretsch­mann sein früheres Wortspiel.

Erst vor wenigen Monaten hatte er die Parole ausgegeben, die Grünen seien die „neue Baden-Württemberg-Partei“, anstelle der CDU. Zumindest für diese Wahl hat er den Mund nicht zu voll genommen.

Eine „ungläubige Faszination“ sei das für ihn, sagt Tübingens OB Boris Palmer und ­erinnert daran, dass Kretschmann zur Jahrtausendwende ja eigentlich nur zweite Wahl in der Fraktion gewesen sei – nach Dieter ­Salomons Weggang nach Freiburg. „Dass wir mal vor der CDU liegen – dagegen hätte ich mein gesamtes Lebenseinkommen ­verwettet.“ Allenfalls als kleinerer Regierungspartner hätten sich die Grünen noch vor ­wenigen Jahren gesehen.

„Selbst als wir schon in der Regierung ­waren, haben die Schwarzen doch gedacht: Das ist wie eine Grippe, das geht vorbei“, sagt Margit Stumpp, eine Basisvertreterin des Grünen-Landesvorstands. Umso glänzender werden ihre Augen, wenn sie jetzt die Wahltabellen auf den TV-Monitoren verfolgt. Ähnlich argumentiert Stuttgarts Verwaltungs- und Klinik-Bürgermeister Werner Wölfle: „Das wäre ärgerlich gewesen, wenn die CDU hätte sagen können: Das war 2011 nur ein Betriebsunfall.“

Palmer wäre eine Ampelkoalition am liebsten

Jetzt hat Kretschmann also den Auftrag des Wählers, eine neue Regierung zu bilden. Doch mit wem? Je länger der Abend dauert, desto nachdenklicher werden die Stimmen zur bevorstehenden Koalitionsbildung.

„Die CDU wird sich intern erst mal ­zoffen“, glaubt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel. Es werde nicht ­einfach, mit einer waidwunden Partei zu verhandeln. Das glaubt auch Wölfle und fragt: „Ob die das schaffen, das Gefühl der Schmach zu überwinden?“

Palmer wäre eine Ampelkoalition mit SPD und FDP jedenfalls lieber als ein Bündnis mit der CDU. Und auch die Stuttgarter Direktabgeordnete Muhterem Aras meint: „Die CDU hat sich nicht wirklich erneuert.“ Grünen-Landeschefin Thekla Walker will hingegen noch keine „Farbenspielchen“ ­machen.

Damit wird sich vom Montag an Kretschmann befassen. Als er mit den anderen Spitzenkandidaten befragt wird, blickt er ernst aus der Wäsche.

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